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Zahnheilkunde 28. Februar 2007

Schweden, das Ein- und Auswanderland

Wie in Norwegen und Finnland auch, konzentriert sich die Bevölkerung im Süden des Landes. Und wie in Norwegen ist – dank des Golfstroms – das Klima im Winter für die hohe geografische Breite erstaunlich mild. Obwohl Schweden Mitglied der EU ist, lehnten die Schweden in einem Referendum die Einführung des Euro ab und behielten ihre Währung, die schwedische Krone (SEK).
Schweden galt lange Zeit als der Wohlfahrtsstaat schlechthin und vor allem unter Sozialisten und Sozialdemokraten als großes Vorbild für andere europäische Länder. Das hat sich in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geändert. Das Gesundheitswesen wird im Wesentlichen durch Steuern finanziert. Die wichtigsten Behörden sind dabei die Provinziallandtage („landsting“), die auch die Einkommenssteuern einheben. Diese sind regional unterschiedlich, bewegen sich aber im Bereich von knapp unter 30 bis etwa 35 Prozent. Das Parlament und die Ministerien geben als übergeordnete Institutionen den gesetzlichen Rahmen vor, in dem sich die Provinzen bewegen können.

Reform des Sozialsystems

Im Jahr 1999 erfolgte eine große Reform des Sozialversicherungssystems. Die zahnärztliche Versorgung beruht einerseits auf öffentlichen Diensten (Folktandvården), andererseits auf privaten, niedergelassenen Zahnärzten beziehungsweise Zahnkliniken. Etwa die Hälfte aller Zahnärzte arbeitet in den Folktandvården.
Unter anderem zahlt die staatliche Krankenkasse seit der Reform fixe, vom Parlament festgelegte Zuschüsse für einige zahnärztliche Leistungen. Ältere Patienten (über 65 Jahre) und Patienten mit erhöhtem Bedarf erhalten höhere Zuschüsse. Bei Kindern bis 19 werden die vollen Behandlungskosten übernommen, die Honorare aber auch festgelegt. Die Preisgestaltung der privaten Zahnärzte erfolgt nach eigenem Ermessen, die Preise der Folktandvården werden von der Provinz beziehungsweise den Provinziallandtagen festgelegt.
Der Zuschuss der Krankenkassen für 20- bis 64-Jährige beträgt etwa bei mehrflächigen Füllungen SEK 130,– (EUR 14,25), bei einer partiellen Prothese werden etwa SEK 3.000,– (rund EUR 330,–) zugezahlt, bei einem Panoramaröntgen SEK 79,– (EUR 8,60), bei einer einkanaligen Wurzelfüllung SEK 317,– (EUR 34,80), bei einer zweikanaligen SEK 373,– (rund EUR 41,–), bei einer dreikanaligen SEK 552,– (rund EUR 60,–). Diese Sätze haben sich seit der Einführung des Systems vor acht Jahren nicht geändert.

Preise bei Folktandvården und Privatzahnärzten

Insgesamt sind die Preise der Folktandvården meist geringfügig niedriger als jene der privaten Zahnärzte. Ein Panoramaröntgen kostet in den Folktandvården zwischen SEK 300,– und 400,– (EUR 33,– bis 44,–), eine zweikanalige Wurzelfüllung zwischen SEK 1.800,– und 2.000,– (EUR 198,– bis 220,–), eine mehrflächige Kompositfüllung SEK 600,– bis 800,– (EUR 66,– bis 87,90), eine gegossene, klammerverankerte Teilprothese zwischen SEK 7.000,– und 8.000,– (EUR 769,– bis 879,–). Bei den privaten Zahnärzten ist die Schwankungsbreite der Preise naturgemäß viel größer. Die am häufigsten nachgefragte Leistung, eine Untersuchung inklusive Röntgen und Zahnsteinentfernung, bewegt sich zwischen SEK 400,– und 700,– (EUR 44,– bis 77,–). Bei zweikanaligen Wurzelfüllungen finden sich Preise zwischen SEK 1.400,– und 3.000,– (EUR 153,80 bis 329,60). Mehrflächige Füllungen liegen – nicht zuletzt auch vom verwendeten Material abhängig – zwischen SEK 600,– und 1.400,– (EUR 66,– bis 154,–). Die Preise für Teilprothesen bewegen sich ebenfalls zwischen SEK 7.000,– und 8.000,– (EUR 769,– bis 879,–). In den genannten Preisen sind die Krankenkassenzuschüsse inkludiert. Für Amalgamfüllungen werden keine Zuschüsse geleistet.

Mehr als die Hälfte aus privaten Taschen

Bis zum 19. Lebensjahr wird die Behandlung vom Staat bezahlt und erfolgt meist in den Folktandvården. Auch die prothetische Versorgung älterer Patienten wird bezahlt. Für diese Gruppe sowie für umfangreichere Behandlungen besteht eine Obergrenze für die finanzielle Belastung der Patienten. Im Jahr 2000 wurden in Schweden rund EUR 1,54 Mrd. für Zahnbehandlungen ausgegeben, EUR 0,9 Mrd. davon kamen direkt aus den Taschen der Patienten, der Rest aus öffentlichen Geldern, EUR 0,2 Mrd. davon von der Sozialversicherung. Eine Besonderheit in Schweden sind die „Zahnversicherungen“ der Zahnkliniken: Der Patient zahlt „seiner“ Klinik eine fixe jährliche Summe und erhält dafür die Behandlungen gratis oder wesentlich verbilligt. Die Zuteilung zu einer der meist vier oder fünf Beitragskategorien dieser „Versicherung“ richtet sich nach dem Zustand von Zähne und Kiefer.
Auch in Schweden ist der Zahnarzttourismus ausgeprägt. Polen ist dabei das bevorzugte Ziel. Ein findiger Geschäftsmann gründete die Firma CityDental mit Sitz in Stockholm, die jeweils für ein halbes Jahr polnische Zahnärzte nach Schweden holt und – dank der niedrigeren Lohnkosten und weil auf diese Weise die Sozialabgaben umgangen werden – die Preise der heimischen Anbieter unterbieten kann. Geworben wird mit „halben Preisen“. Ein Vorgehen, das in der Kollegenschaft naturgemäß keinen großen Anklang findet.

Deutsche und Polen ersetzen Auswanderer

In den neunziger Jahren reduzierte die Regierung die Zahl der Studienplätze um 40 Prozent. In der Folge überstieg die Zahl der in Pension gehenden Zahnärzte jene der Absolventen. In den letzten Jahren hat sich dieses Verhältnis auf ungefähr gleiche Zahlen eingependelt. Allerdings wandern viele schwedische Kollegen nach Norwegen und England aus. Zwischen 1993 und 2001 reduzierte sich die Zahl der Zahnärzte insgesamt um 722, das sind rund zehn Prozent der aktiven Zahnärzte.
Die Lücke wird durch Einwanderer, vorwiegend aus Deutschland und Polen, gefüllt. Das staatliche Gesundheitssystem sucht immer wieder Mitarbeiter, speziell für die unbeliebten, dünn besiedelten Gebiete im Norden, und die Bedingungen sind besser als etwa in Deutschland. Vor allem Leute, die gerne im Team arbeiten und stark hierarchische Strukturen ablehnen, fühlen sich in Schweden wohl. Das schwedische Gehaltsniveau liegt deutlich unter dem norwegischen, jedoch immer noch über jenem in Deutschland. Die Lebenshaltungskosten sind freilich auch höher als in Deutschland. Von 222 Zahnärzten, die 2002 eine Berufsberechtigung in Schweden erwarben, hatten 81 im Ausland graduiert.
Laut der Standesvertretung, dem Tandläkarförbundet, wird dieser Trend der starken Ab- und Zuwanderung auch weiterhin anhalten. Wie in den meisten Ländern Westeuropas ist auch die Mitgliedschaft im Tandläkarförbundet freiwillig. Etwa 95 Prozent aller Zahnärzte sind Mitglieder, meist über eine der Zweiggesellschaften für Privatzahnärzte (Privattandläkarna), für Zahnärzte im Öffentlichen Dienst (Tjänstetandläkarna), für zahnärztliche Lehrer (Lärarföreningen) oder für Studenten (Studerandeföreningen). Der Tandläkarförbundet ist seinerseits Mitglied der Zentralorganisation Schwedischer Akademiker (Sveriges Akademikers Centralorganisation), einer Dachorganisation der Vertreter der akademischen Berufe.

Orthodontische Spezialhelfer

Das Studium dauert fünf Jahre. Jedes Jahr graduieren etwa 130 Studenten, davon zwei Drittel Frauen. Für die praktische Arbeit muss der Anwärter eine Lizenz der Gesundheits- und Sozialbehörde „Socialstyrelsen“ erwerben, die auch die Standesliste führt. Zusätzlich muss er sich bei der Krankenkasse melden, um die Zuschüsse zu den Behandlungsbeiträgen zu erhalten.
Das System der Spezialisten ist ausgeprägt: Acht spezialisierte Fachrichtungen sind anerkannt, darunter Radiologen und stomatognathe Physiologen. Da auf-grund der oben erwähnten Reduktion der Studienplätze die Zahl dieser Spezialisten aufgrund von Pensionierungen von 2002 bis 2010 um ein Drittel sinkt, wird ein Ärztemangel in einigen Spezialdisziplinen erwartet.
Auch bei den Hilfsberufen bietet Schweden eine Besonderheit: Neben Dentalhygienikern und -technikern sind Orthodontiehelfer zu finden, die eine eigene, einjährige Ausbildung an den Orthodontieschulen durchlaufen und bestimmte Handreichungen unter der Aufsicht eines Orthodontisten durchführen dürfen. Für den Berufsstand der Zahnarzthelferinnen wird in Schweden keine offizielle Ausbildung angeboten.

Weitere Informationen im EU Manual of Dental Practice 2004 des Dental Liaison Committee, http://www.eudental.org
Zahnärztliche Vereinigung:
http://www.tandlakarforbundet.se
Vereinigung der Privatzahnärzte:
http://www.ptl.se
Vereinigung der Zahnärzte im Öffentlichen Dienst:
http://www.stf-tt.org
Vereinigung der Lehrer:
http://www.odontlar.se
Vereinigung der Studenten:
http://www.stf-stud.com
Zentralorganisation Schwedischer Akademiker:
http://www.saco.se
Informationen der Krankenkasse (auch über Zuzahlungen):
http://www.forsakringskassan.se/privatpers/tandvard/

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 3/2007

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