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Zahnheilkunde 27. Februar 2007

Kombination diverser Medikationen

Manche Therapeuten erheben den Anspruch, dass ausschließlich ihre Behandlung durchgeführt wird, weil diese nur dann funktioniert. Vor allem nichtärztliche Berater behaupten, dass sie während einer Medikation mit Antihistaminika, Kortison oder gar Zytostatika nicht testen können, und ihre (sanfte, fein energetische ...) Therapie greift schon gar nicht. Genau diese Einstellung führt wiederum dazu, dass Schulmediziner die Komplementärmedizin ablehnen oder sie lächerlich machen wollen.
Ich habe schon erlebt, dass unprofessionelle, aber geschäftstüchtige Berater von absolut indizierten Medikationen oder Operationen abgeraten haben. In einem Kurs berichtete ein Patient, dass er nach vielen Versuchen, seiner chronischen Prostatitis mit Naturheilmitteln, Neuraltherapie, Amalgamausleitung u. Ä. beizukommen, jetzt Antibiotika erhalte. Eine Kinesiologin nahm ihn darauf beiseite und meinte: „Ja, wollen Sie denn sterben? ...“

Patienten werden oft verunsichert

Solch sektenmäßige Territorialansprüche stürzen die Patienten in große Gewissenskonflikte. Einige entscheiden sich für eine Seite, und das meist mit großen Zweifeln, ob sie richtig gewählt haben. Besonders für Krebspatienten, aber auch Patienten mit Bluthochdruckproblemen oder Allergien u. v. a., ist ihre Krankheit eine stark belastende Situation, wo auch bekanntermaßen die Psyche in hohem Maße mitspielt.
Selbstbewusstere Patienten machen oft beide Therapien, verschweigen aber dem Schulmediziner, was sie sonst noch machen. Ich weiß, dass gerade Kliniker selten fragen, warum es einem Patienten auffällig gut oder schlecht geht, aber manchmal kann eine nicht abgestimmte Begleitbehandlung beides verursacht haben.
Ich bin von der Wirkung meiner Mittel überzeugt – gerade effektive Therapeutika können die Wirkung der schulmedizinischen Medikamente abschwächen oder verstärken. Die Unsinnigkeit einer gleichzeitigen Gabe von Kalzium und Kalziumantagonisten, von Östrogenen und Östrogenrezeptorblockern mag noch logisch sein, es kann aber vorkommen, dass etwa Grapefruitsaft die Wirkung von Gerinnungshemmern verstärkt ... Patienten mit Penicillinallergie haben auf homöopathisierte Pilzprodukte reagiert, ätherische Öle haben Ekzeme erzeugt. Ich halte große Stücke auf mein Testverfahren, aber um wirklich nicht zu schaden, benötigen wir auch pharmakologische Kenntnisse.
Ich möchte von jedem Patienten ein Panoramaröntgen (und eventuell andere Röntgenbilder, CT ...), Laborbefunde, bekannte Allergien und laufende (oder auch frühere) Medikationen wissen. Und ich rate meinen Patienten, den ärztlichen Kollegen meine Therapieempfehlungen zu zeigen, die meisten haben keine Einwände oder arbeiten mit uns zusammen. Patienten sind grundsätzlich trotz aller Medikamente testbar. Schwer kranke Menschen sind manchmal schwierig auszutesten, weil die Reaktionen des Körpers herabgesetzt oder manchmal auch nicht richtig sind. Mit Erfahrung kann man diese „Computerabstürze“ erkennen und richtig einordnen. Keinesfalls dürfen Medikamente einfach ein paar Tage abgesetzt werden, um besser testen zu können.
Im therapeutischen Bereich sieht es etwas anders aus: Blockierende Mittel (Anti ...) setzen die Wirkung unserer Mittel manchmal herab, sie brauchen dann länger, um zu greifen. Trotzdem ist mein Weg, zuerst beide Medikationen parallel laufen zu lassen. Wenn die komplementäre Therapie wirkt und sich bei steten Kontrollen die Messwerte verbessern, kann man die schulmedizinischen Mittel reduzieren, eventuell ausschleichen – idealerweise in Absprache mit dem Hausarzt.
Bedenken Sie dabei bitte auch, dass Ärzte (besonders in Ambulanzen oder mit Kassenzulassung) keineswegs Therapiefreiheit genießen, sondern State-of-the-Art-Empfehlungen strikt einhalten müssen. Wir alle wissen, dass in der Medizin der Erfolg nie garantiert ist. Wenn Ärzte zu Entzündungshemmern keinen Magenschutz verordnen oder auf mäßig erhöhte Cholesterinwerte nicht mit Lipidsenkern reagieren, können sie im Fall von doch eingetretenen Folgeerkrankungen belangt werden. Nur auf ausdrücklichen Patientenwunsch können sie die Ablehnung solcher Mittel in der Kartei festhalten.

Medikationen und Supplementierungen

• Häufige Medikationen und komplementäre Ergänzung beziehungsweise Ersatz:
Antibiotika, Antimykotika, Virostatika – bei stark beeinträchtigenden bakteriellen Infekten, Tropenerkrankungen, auch aggressiver Parodontitis hochdosiert, aber kurzfristig indiziert. Idealerweise sollte gerade nach Breitbandantibiotikagebrauch ei-ne Neuansiedlung erwünschter Darmkeime erfolgen. Mit bewährten Mischungen von Milchsäurebildnern, Coli- und Bifidusbakterien ist dies auch ohne Test nicht besonders schwierig. Ungünstig sind Langzeitbehandlungen mit niedrigen Dosen, wie sie bei Akne oder Parodontitis zum Einsatz kamen.
Antimykotika kurzfristig sind ebenfalls oft nötig, danach sollte wieder die Darmflora aufgebaut werden und lokale Rückfälle mit Teebaumöl- oder Propolispräparaten verhindert werden.
Antivirale Mittel hemmen die Vermehrung. Bei Vogelgrippe oder massivstem Herpes ist auch das sinnvoll. Bei banalem Schnupfen sollten sie vermieden werden, da die Wahrscheinlichkeit einer Chronifizierung oder neuerlicher Erkrankungen bei unvollständiger Abwehrreaktion erhöht ist. Neurotrope Viren (Herpes) setzen sich auch in Ganglien fest und verursachen neuralgiforme Schmerzen. Homöopathika und ätherische Öle stören die Immunisierung nicht.
• Antiallergika, Asthmamittel, Kortison – im Akutzustand, beim (drohenden) Anfall unumgänglich. Nahrungsmittelunverträglichkeiten bekommt man mit Darmsanierungen in den Griff, bei Staub, Tierhaaren und Gräsern benötigt man zusätzlich Mineralstoffe und Homöopathika. Bei saisonalen Allergien sollte man im anfallsfreien Intervall beginnen. Bei starken und lange bestehenden Allergien braucht man zwei bis drei Jahre, bis sich der Erfolg einstellt, das ist aber bei einer (immundämpfenden) Desensibilisierung aber auch so. Ich empfehle noch Monate oder Jahre Notfallkits mitzunehmen. Angstfreiheit ist bereits die halbe Therapie. Am stärksten stört mich eine Langzeittherapie mit Kortison, ganz besonders bei Kindern, wo es Wachstum und Immunsystem stört. Von dieser rate ich ab. Stoßtherapien machen jedoch gerade bei destruierenden Prozessen Sinn. Kortison ist eine körpereigene Substanz und kann abgebaut werden, danach können sich die hormonellen Regelkreise wieder einstellen.
• Antirheumatika – klassische Entzündungshemmer sind im akuten Schub angezeigt, besonders bei destruktiven Prozessen. Immunsuppressiva und Kortison sollten nur bei schweren Fällen angewandt werden. Komplementärmedizinisch müssen wir nach alten Infekten suchen und diese therapieren. Gerade wenn bereits Immunsuppressiva (z. B. Methotrexat) im Einsatz sind, gelingt uns die Ausheilung manchmal nicht – hier wäre ein Umstieg auf nichtsteroidale Antirheumatika oder selbst Kortison nötig.
Blutdruckmittel, Antiarrhythmika – viele verschiedene Wirkweisen und Nebenwirkungen, die richtige Einstellung ist auch schulmedizinisch eine Kunst. Mineralstoffe, Homöopathika, Herdsanierungen (oft Weisheitszähne) können den Blutdruck stark verändern. Patienten sollten häufig messen, wenn die Werte sich normalisieren, können die Mittel reduziert und eventuell abgesetzt werden. Für mögliche Krisen sollten Medikamente bereitgehalten werden. Auch Akupressurpunkte helfen.
Gerinnungshemmer – das besonders gebräuchliche Aspirinderivat ThromboASS betrachte ich nicht als besonders schädlich. Lachsöl, Herdsanierung oder Sanumtherapie können die Gerinnung wieder normalisieren – dann kann man von diesen Salicylaten wieder wegkommen. Stärkere Mittel wie Marcumar sollte man nach heutigen Erkenntnissen nicht einmal bei Extraktionen absetzen. Die Neueinstellung kann sich monatelang hinziehen. Eine Reduk- tion muss unbedingt durch den Internisten erfolgen.
Schlafmittel, Antidepressiva – bei Schlafstörungen sind Mittel wie Baldrian, Hopfenpräparate, Homöopathika zu empfehlen. Diese werden auch von Hausärzten und Internisten schon eingesetzt, reichen aber leider oft nicht aus. Im Schlaf laufen wichtige Regenerationsvorgänge ab. Natürlich ist tabletteninduzierter Schlaf nicht so effektiv wie natürlicher – es fehlen Träume zur Aufarbeitung des Tagesgeschehens und die Rhythmik der Hirnwellen ist eher Koma-ähnlich. Patienten sollen immer wieder versuchen, andere Mittel einzusetzen, bis ein wirksames gefunden ist, können sie dazwischen aber Schlafmittel anwenden, auch wenn diese beim Absetzen erst recht schlaflos machen.
Größte Vorsicht ist bei Antidepressiva angebracht. Nur wer sich sehr gut damit auskennt, sollte einen vorsichtigen Absetzversuch wagen. Hoch dosiertes Vitamin B, Homöopathika, Amalgamausleitungen können manchmal Wunder wirken. Man darf aber nicht vergessen, dass manche Mittel die Antriebhemmung aufheben, aber die Stimmung nicht aufhellen – aggressive Anfälle oder Suizidversuche können die Folge sein.
Antidiabetika– orthomolekulare Mittel und Phytotherapeutika können die Pankreasfunktion verbessern. In Frühstadien kann man den Einsatz oraler Antidiabetika hinauszögern oder vermindern, bei späten, bereits insulinpflichtigen Fällen kann man nur mehr das Ansprechen auf die Therapie optimieren.
Lipidsenker – nur wenige Patienten haben keine Lipidsenker verordnet bekommen – und praktisch immer testen diese als Leberbelastung. Ärzte drohen schon ab geringfügig erhöhten Cholesterinwerten mit Arterienverkal-kung. Wichtige Werte wie HDL-Fraktion oder Homocystein werden nicht beachtet. Tüchtige Pharmavertreter haben sich durchgesetzt und Omega-3-Kapseln muss der Patient selbst bezahlen. Fettsäuren sind ein effektiver und nebenwirkungsfreier Weg zur Cholesterinsenkung.
• Bisphosphonate – vor einigen Jahren bekamen fast alle Frauen ab etwa 40 Jahren Hormonersatzpräparate, um einem Knochenabbau vorzubeugen, heute sind diese wegen möglicher hormonabhängiger Krebsarten verpönt. Weicht die Knochendichte von Normwerten ab (aussagekräftig wären allerdings nur Vergleichswerte aus dem jungen Erwachsenenalter), versucht man weitere Knochenreduktion mit Bisphosphonaten zu verhindern. Viele Patienten vertragen diese schlecht und klagen über Übelkeit, Säuregeschmack u. Ä. Noch problematischer sind die beigepackten und unbedingt benötigten Kalziumpräparate – viele Frauen werfen diese deshalb weg. Kalziumsalze oder homöopathische Zubereitungen wie Schüsslersalze sind hier viel effektiver. Diese haben in üblicher Dosierung auch keine Nebenwirkungen, während unter Bisphosphonattherapie postoperative Kieferknochennekrosen beschrieben wurden.
• Hormonpräparate – natürlich sollte man als Komplementärmediziner an orale Kontrazeptiva nicht einmal denken. Allerdings testen sie meist gut und greifen relativ wenig in die natürlichen Regelkreise ein. Sind später Kinder erwünscht, empfehle ich (wie früher bei den stärkeren Präparaten) Pausen einzulegen. Die hohe Misserfolgsquote, wenn Frauen Mitte dreißig und darüber ein Baby möchten, hat viele Ursachen, etwa Stress, Belastungen mit Schwermetallen, Wohngiften, Insektiziden ... jahrelanges Unterdrücken der normalen Hormonzyklen könnte aber auch eine wichtige Rolle spielen.
Einen Sonderfall stellen die großzügig eingesetzten Schilddrüsenpräparate dar. Auf Stress reagieren viele Frauen mit einer erhöhten Funktion, gefolgt von Erschöpfung und eventuell Antikörpern gegen Schilddrüsengewebe. Wegen der Diagnose Hashimoto (Autoimmunthyreoiditis) sollen sie lebenslang eine Hormonsubstitution mit Thyroxin erhalten. Zink und Homöopathika haben alle Werte schon oft normalisiert und selbst Antikörper wieder zum Verschwinden gebracht – dann ist ein Ausschleichen der Thyroxinzufuhr möglich.
Chemotherapie – Naturheilkunde kann die Immunlage verbessern und Vorstadien von Malignomen neutralisieren. Ist der Krebs manifest, sollte nach Möglichkeit eine operative Entfernung erfolgen. Eine Radiatio kann sinnvoll sein. Aber auch eine Chemotherapie dürfen wir im Interesse des Überlebens nicht grundsätzlich ablehnen. Wir können die Patienten begleiten, um Nebenwirkungen abzuschwächen: Antioxidanzien, Ausleitmittel, stärkende Mittel aus der Phytotherapie oder TCM (wärmend) erleichtern das Durchstehen der Therapie. Amalgamentfernung und Herdsanierung verbessern die Immunlage, um ein Rezidiv zu verhindern. Onkologen haben gegen unsere üblichen Begleittherapien meist keine Einwände und sind derzeit sehr kooperativ.
Komplementärverfahren gewinnen an Boden. Als noch Vollmediziner sollten wir die Chance nützen, in Absprache mit den ärztlichen Kollegen individuelle Therapiekonzepte für unsere Patienten zu erarbeiten. Jegliche Panikmache, aber auch Heimlichkeiten und heftige Konfrontationen zwischen Arzt und Patient sind nicht zielführend. Respektvolle Kombination verschiedener Mittel bringt erstaunliche und dauerhafte Erfolge, die den oft beträchtlichen Einsatz rechtfertigen.

Dr. Eva-Maria Höller, Zahnarzt 3/2007

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