zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 24. Jänner 2007

In Norwegen werden Zahnärzte gesucht

 Norwegen
Norwegen ist aufgrund seiner Ölvorkommen und des Tourismus ein reiches Land, was der gesamten Bevölkerung zugute kommt.

Foto: stock.xchng

Norwegen ist ein extremes Land. In der Nord-Süd-Ausdehnung rund 2.500 km lang, gebirgig, zu rund einem Drittel der Fläche jenseits des nördlichen Polarkreises gelegen und mit einer sehr langen Atlantikküste ist dieses Land für die Schönheit seiner Natur bekannt. Und dafür, dass es das Land mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa ist (nach Luxemburg). Der Reichtum liegt vor allem in den Ölvorkommen. Anders als in anderen erdölexportierenden Ländern kommen die Einnahmen allerdings praktisch der gesamten Bevölkerung zugute. Die zweite große Einkommensquelle Norwegens ist der Tourismus.
Über das norwegische Klima herrschen übrigens meist falsche Vorstellungen: Dank der Küstenlage und des Golfstroms ist das Wetter für die jeweiligen Breitengrade unerwartet mild. In Trondheim liegt die Durchschnittstemperatur im Jänner bei -3,3 Grad, im rund 2.000 km weiter südlich gelegenen Wien bei +1 Grad. Im Juli sind die entsprechenden Werte 20 Grad in Wien und 15 Grad in Trondheim.

Folketrygden für alles ...

Das Gesundheitssystem ba-siert auf einer Sozialversicherung (Folketrygden), die neben der Gesundheitsversorgung auch für Pensionen, Kranken- und Arbeitslosengeld zuständig ist. Jeder in Norwegen Arbeitende ist dort pflichtversichert. Bei Angestellten werden 7,8 Prozent des Bruttoeinkommens direkt zugunsten der Sozialversicherung abgezogen. Selbständige zahlen etwas mehr ein. Acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen in die Gesundheitskosten, 85,5 Prozent davon sind öffentliche Ausgaben. Bei ärztlichen Behandlungen zahlen die Patienten einen gewissen Anteil. Übersteigen die Eigenkosten einen gewissen Betrag (NOK 1.660,– = rd. 200,– Euro bzw. NOK 2.500,– = rd. 300,– Euro), erhält der Patient – im Wesentlichen – weitere Behandlungen gratis.

... außer Zahnbehandlungen

Die zahnärztliche Versorgung muss allerdings von den meisten Norwegern aus eigener Tasche bezahlt werden. Das staatliche Gesundheitssystem beschäftigt Zahnärzte zur kostenlosen Behandlung von Kindern, Behinderten und Patienten in Alters- und Pflegeheimen. Jugendliche im Alter zwischen 19 und 21 müssen 25 Prozent der Kosten der Zahnbehandlung tragen. Andere Erwachsene tragen die Kosten der Zahnbehandlung in den meisten Fällen vollständig selbst.
Seit 2003 zahlt die Sozialversicherung für bestimmte, besonders teure Behandlungen dazu, wenn der Patient mehr als NOK 4.500,– (knapp 550,– Euro) ausgeben muss. Auch parodontologische Behandlungen sowie andere Vorsorgemaßnahmen werden besonders gefördert.

Staatliche und private Anbieter

Rund 30 Prozent der norwegischen Zahnärzte arbeiten hauptberuflich in den staatlichen Zahnarztzentren (Tannhelsetjenesten). Hier finden sich auch die meisten der etwa 1.000 aktiven Zahnärzte ausländischer Herkunft. Insge-samt stellen die Ausländer rund ein Viertel aller aktiven Zahnärzte in Norwegen. Obwohl Norwegen der EU nicht beigetreten ist, herrscht Niederlassungsfreiheit. Wer zahnärztlich tätig werden will, muss sich allerdings bei der staatlichen Zulassungsbehörde für Gesundheitsberufe (Statens autorisasjonskontor for helsepersonell, SAFH) registrieren lassen.
Speziell Deutsche zieht es oft über die Grenze in das Nachbarland, in dem die Arbeitsbedingungen – vor allem im angestellten Bereich – wesentlich angenehmer sind. Der wirtschaftliche und der Zeitdruck der selbständigen Tätigkeit entfallen. Selbständige Zahnärzte haben seit 1995 keinerlei Vorschriften bezüglich der Honorargestaltung – es regiert der freie Markt. Das zieht nicht zuletzt auch schwedische Kollegen ins Land, da die Preise wie auch die Gehäl-ter in Norwegen etwa das Eineinhalbfache des schwedischen Niveaus betragen – bei vergleichbaren Kosten der Lebenshaltung. Zudem ist die Sprachbarriere sehr gering: Ohne Landesgrenze würden Norwegisch und Schwedisch wohl als Dialekte der gleichen Sprache betrachtet werden.

Honorare im Vergleich

Die Honorare sind eine Mischung aus Stunden- und Stückpreisen. Im September 2006 führte die Tageszeitung „Dagbladet“ einen Preisvergleich unter privaten Zahnärzten und -kliniken durch. Demnach schwanken die Preise für ein Röntgenbild (nicht als Panorama spezifiziert) zwischen NOK 30,– und NOK 100,– (3,60 bis 12,– Euro), wobei sich die meisten allerdings zwischen NOK 50,– und NOK 80,– (6,– bis 10,– Euro) bewegen. Eine zweiflächige Kompositefüllung kommt den Patienten auf NOK 700,– bis NOK 800,– (85,– bis 97,– Euro) mit „Ausreißern“ bis NOK 600,– (72,– Euro) hinunter und NOK 1.000,– (120,– Euro) hinauf. Eine Wurzelkanalfüllung bei zweikanaligem Zahn wird manchmal pro Behandlung mit NOK 2.400,– bis 3.000,– (290,– bis 363,– Euro) angegeben, meist jedoch mit einem Stundensatz zwischen NOK 1.000,– und 1.500,– (120,– bis 180,– Euro). Der Stundensatz wird von einigen Kliniken und Ärzten auch höher angesetzt, in einem Fall sogar mit NOK 2.900.– (350,– Euro). Übersteigt die Behandlung NOK 2.000,– (240,– Euro) muss ein schriftlicher Kostenvoranschlag gelegt werden.
Für die staatlichen zahnärztlichen Versorgungsstellen (Tannhelsetjenesten) sind die Preise für die von der Sozialversicherung bezahlten Behandlungen (bei Kindern, Behinderten und Alten) freilich festgesetzt. Das Stundenhonorar beträgt hier NOK 1.002,–. Für ein Röntgenbild zahlt die Kasse NOK 55,– (6,60 Euro), für ein Panoramaröntgen NOK 405,– (rd. 50,– Euro), für eine Apektomie NOK 1.125,– (136,– Euro) pro Wurzel, für eine zweiflächige Kompositefüllung NOK 630,– (76,– Euro). Auch diese Tannhelsetjenesten bieten – vor allem außerhalb der großen Städte – Privatversorgung an. Die Preise hier bewegen sich meist eher am unteren Ende der Skala. So liegt der Stundensatz bei knapp über NOK 1.100,–.
Über die Einkommen der freiberuflich tätigen Zahnärzte liegen keine Zahlen vor; sie sind wohl auch sehr unterschiedlich. Angestellte verdienen zwischen NOK 300.000,– und 420.000,– (38.000,– bis 53.000,– Euro) jährlich, Klinikleiter auch mehr. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten in Norwegen auch hoch: rund 10 bis 20 Prozent über jenen in Zürich.

Mehr Bedarf als Studienabgänger

Nach der Freigabe der Preise stiegen diese deutlich an. Die norwegische Zahnarztvereinigung (Tannlegeforeningen) begründete dies damit, dass die davor festgeschriebenen Honorare für eine wirtschaftliche Praxisführung zu niedrig waren. Tatsächlich ergab eine im Frühjahr 2004 durchgeführte Untersuchung, dass nur rund ein Viertel der Befragten die Zahnarzttarife als hoch betrachteten, etwa die Hälfte als „durchschnittlich“. Unter denen, die ihren Zahnarzt als teuer betrachteten, waren auch die meisten mit den Leistungen unzufrieden. Generell aber waren Wahlfreiheit, hohe Qualität der Arbeit und gutes Service in der Praxis den befragten Patienten bei der Auswahl des Zahnarztes wichtiger als der Preis.
Teilweise werden die hohen Preise auch dem mangelnden Wettbewerb zugeschrieben. Der Grund für den permanenten Zahnarztmangel in Norwegen ist bei den Ausbildungsstellen zu suchen. Etwa 110 Zahnärzte verlassen jährlich die Universitäten in Oslo und Bergen, der Bedarf liegt jedoch etwas höher. Zudem sind – wie in den meisten Ländern – entlegenere Gebiete eher unbeliebt. Der Norden wie die vorgelagerten Inseln blieben daher ohne Zuzug von ausländischen Zahnärzten unterversorgt. Die staatlichen Behörden unterstützen auch die Einwanderung, etwa durch kostenlose Sprachkurse. Durch eine weitere „Dental School“ an der Universität in Tromsø (der nördlichsten Universität weltweit) wurde kürzlich auch die Zahl der norwegischen Absolventen geringfügig erhöht.
Die Ausbildung dauert – wie in den meisten Ländern – fünf Jahre. Postgraduelle Weiterbildung führt zur Anerkennung als Mundchirurg, Kieferorthopäde, Kinderzahnarzt oder Parodontologe. Anerkannte Hilfskräfte sind Dentalhygieniker, Dentaltechniker und Zahnarzthelfer. Erstere dürfen sich zwar frei niederlassen, doch arbeiten sie meist in den Praxen der Zahnärzte. Zahnarzthelfer müssen eine dreijährige Ausbildung auf „High School“-Niveau durchlaufen.
Standesvertretung ist die „Tannlegeforeningen“, die Zahnärztevereinigung. 95 Prozent aller Zahnärzte sind Mitglied dieser Organisation. Sie verhandelt etwa die Gehälter für die beim Staat angestellten Zahnärzte, organisiert Berufsversicherungen, Rechtsberatung und Fortbildung und publiziert „de Norske Tannlegeforeningens Tidende“, die größte Zahnarztzeitung des Landes.

Weitere Informationen im EU Manual of Dental Practice 2004 des Dental Liaison Committee, http://www.eudental.org
Standesvertretung der Zahnärzte (Tannlegeforeningen):
http://www.tannlegeforeningen.no/
Zeitung (Norwegian Dental Journal):
http://www.tannlegetidende.no
Preisvergleich des „Dagbladet“:
Artikel: http://www.dagbladet.no/dinside/2006/09/21/477435.html
Tabelle: http://www.dagbladet.no/dinside/2006/09/21/477449.html
Tarife für Kinder, Alte und Behinderte:
http://www.dep.no/filarkiv/302934/Generelle_regler_og_takster_gjeldende_fra_01012007.pdf
Gesundheits- und Sozialministerium (Helse- og Omsorgsdepartementet):
http://www.dep.no/hod
Sozialversicherung (Folketrygden):
http://www.nav.no
Zulassungsbehörde (Statens autorisasjonskontor for helsepersonell):
http://www.safh.no

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 1/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben