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Zahnheilkunde 28. November 2006

Zahnärzte ohne Grenzen

Wie die Ärzte ohne Grenzen versucht auch die junge Organisation der „Zahnärzte ohne Grenzen“ unbürokratisch und unkompliziert ­Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt zu geben. Venezuela, Kenia und vor allem Nepal sind die Einsatzgebiete, und in allen diesen Ländern lassen sich mit relativ geringen Mitteln relativ große Erfolge erzielen. Dr. Elvira Salomonowitz, Fachärztin für ZMK aus Wien Simmering, nahm an einem der Einsätze teil und erzählte dem ZAHNARZT von ihren Erlebnissen. „Ich kam über Interplast, einer deutschen Vereinigung plastischer Chirurgen, die in Entwicklungsländern Verletzungs- und Krankheitsfolgen behandeln, zu diesem Einsatz“, erklärt Salomonowitz. „In Nepal verursachen die dort übli­chen und von der Regierung geförderten Kerosinkocher oft schwere Unfälle.“

Keine Sozialversicherung

Eine Sozialversicherung existiert nicht in dem relativ kleinen Land im Himalaya. Die Patienten müssen selbst die Kosten der Behandlungen tragen. Und Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dennoch konnten die Zahnärzte ohne Grenzen einige „Dental Stations“ errichten, die an ein bestehendes Spital angeschlossen wurden und dessen Infrastruktur mit nutzen können. Salomonowitz: „Ich war in Sankhu, etwa 16 Kilometer östlich von Kathmandu. Die Zahnstation dort ist modern und mit allem Notwendigen ausgerüstet.“ Gratis werden die Patienten aber nicht behandelt. Einerseits soll das Gefühl erhalten bleiben, dass die Behandlung auch etwas wert ist, andererseits sollen die ­Patienten nicht zu Bettlern degradiert werden. Der Beitrag von rund 200 Rupien (etwa 2,– Euro) deckt die Kosten nicht, ist aber in einem Land mit einem Durchschnittseinkommen von 160,– bis 170,– Euro pro Monat ein sozial verträglicher Betrag.

Gefühl und Erfahrung

„An Arbeiten fallen vor allem Füllungen und Extraktionen an“, erklärt Salomonowitz. „Wichtig ist dabei Erfahrung, denn die alten Röntgengeräte werden möglichst selten eingesetzt.“ Auch Weisheitszähne werden daher, wenn irgend möglich, „nach Gefühl“ ohne Röntgenkontrolle extrahiert. Experimentierfreude und technisches Geschick sind weitere gefragte ­Fähigkeiten, denn auch wenn die zahnmedizinischen Einrichtungen möglichst modern gehalten werden, so bleibt noch der Kampf mit anderen technischen Einrichtungen, Stromausfällen und dem Mangel an Ersatzteilen und Fachleuten für Reparaturen. „Ich durfte zufällig einen neuen Stuhl aussuchen, da der alte seinen Dienst nicht mehr tat“, erzählt Salomonowitz. „Die wichtigste Bedingung ­dabei war: möglichst viel mechanisch und möglichst wenig elektronisch.“ Und nicht zuletzt ist Teamgeist wichtig, um unter den schwierigen Gegebenheiten gut über die Runden zu kommen. Den Teamgeist musste Salomonowitz schon vor der Abreise beweisen. Denn sobald es sich he­rumgesprochen hatte, zu welchem Abenteuer sie aufbrach, kamen auch schon die Gaben der Kollegen wie nicht mehr gebrauchte ­Geräte und Materialien und schließlich der Anruf, ob sie denn nicht ein wenig Equipment mitnehmen könnte. „Alles in allem hatte ich auf der Hinreise 50 Kilo Gepäck. Aber der Koffer für die Rückreise war dafür sehr leicht“, lacht die Zahnärztin. Besonders angenehm waren die Patienten, berichtet die Zahnärztin: „Selbst nach stundenlangem ­Warten waren sie immer noch geduldig und freundlich.“ Auch sonst erlebte sie große Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit bei den Nepalesen. Weniger freundlich sind allerdings die politischen Verhältnisse. Machtkämpfe zwischen Monarchisten und Maoisten sorgen immer wieder für unangenehme Zwischenfälle. Straßensperren und Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag vermitteln – bei aller Schönheit des Landes – nicht gerade heimelige Gefühle.

Teufelskreis Armut

Auch ist Kathmandu „unglaublich schmutzig“, so Salomonowitz. Der Teufelskreis ist bekannt: Geringes Einkommen der Bevölkerung und weit verbreitete Armut sorgen dafür, dass auch der Staat und die Gemeinden keine Gelder für Infrastruktur zur Verfügung haben. Daher mangelt es weiterhin an allem: sauberem Wasser, funktionierender Müllentsorgung, ausreichend Essen, Schulen und anderen kommunalen Einrichtungen. Ohne Gesundheit und Bildung ­wiederum kämpfen die Menschen aber auch täglich ums Überleben und können auch keine finanziellen Reserven bilden und zu Wohlstand kommen. Deshalb kümmern sich die Zahnärzte ohne Grenzen in Nepal wie auch in Venezuela und Kenia nicht nur um die Zähne der Menschen, sondern auch um deren Ausbildung, vor allem um jene der Mädchen. In Kristi im Bezirk Po­khara in Nepal bietet die „New Social English School“ Waisenkindern und Kindern sehr armer Eltern die Möglichkeit zu lernen. Gleichzeitig wurde eine Schülertoilette gebaut. Geplant ist weiters eine Wasserleitung, da der Dorfbrunnen vor allem in Trockenzeiten die Wasserversorgung kaum gewährt. In Kenia werden im Suzzi-Projekt 35 Mädchen im Alter zwischen sieben und 17 Jahren umfangreich betreut. Für Ausbildung, Hilfe beim Kauf von Nahrungsmitteln und Kleidung, medizinische Betreuung und nicht zuletzt soziale Kontakte, zum Beispiel durch ein Mädchen-Fußballteam, wird gesorgt. In Venezuela wird alle sechs Monate ein entlegenes indianisches Dorf besucht, um den Bewohnern dringend benötigte medizinische und zahnmedizinische Hilfe zu bringen.

Mehr Informationen über diese und andere Projekte der „Zahnärzte ohne Grenzen“ sind auf der Homepage http://www.dentists-without-limits.de zu finden.

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 12/2006

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