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Zahnheilkunde 30. Oktober 2006

Kariesrisiko bei motorischen Fehlfunktionen

Hohe Zuckerkonzentration im Speichel fördert die Säureproduktion der Plaque und erhöht damit das Kariesrisiko. Speichelsekretion, Speichelvolumen vor und nach dem Schluckakt und orale motorische Funktionen beeinflussen die orale Zuckerclearance. Störungen können die Clearancezeit verlängern. Bei geistig Behinderten können motorische Fehlfunktionen Essprobleme wie Geifern, Schluckbeschwerden, Asphyxie, Aspiration von Nahrung, überlange Verweildauer der Nahrung in der Mundhöhle und eine insgesamt unzureichende Nahrungsaufnahme nach sich ziehen.

Studiendesign

Testpersonen sind 16 Männer und Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren mit mäßigen und schweren OMDs, davon acht geistig behindert. Überprüft werden Speichelsekretion und Glucoseclearance. Alle Testpersonen geifern, haben Schluckbeschwerden und eine Sprechstörung. Der Schweregrad der OMDs wird durch Beobachtung der Patienten und über Fragebogen ermittelt. Als Kontrollen dienen 16 gleichaltrige Klinik-/Heimmitarbeiter.
Die klassische Methode zur Bestimmung der Speichelsekretion (Saugen, Kauen, Ausspucken) ist bei geistig Behinderten nur begrenzt anwendbar. Die Sekretionsrate wird deshalb mit Baumwollröllchen gemessen, die für 30 Sekunden unter dem vorget rockneten Zungenboden platziert und vor und nach der Prozedur gewogen werden. Die Glucoseclearance wird nach der Methode von Hase, J. C. et al., Gerodontics, 3 (1987), 146–150, ermittelt. Testsubstanz ist jeweils eine Tablette eines handelsüblichen Dextrosekomprimats (3 g Glucose), in kleine Stückchen zerstoßen auf einem Teelöffel gereicht. Vor der Einnahme und nach 1, 3, 5, 7, 9, 11, 15, 20, 25 und 30 Minuten werden jeweils ein Filterpapierblättchen unter der Zunge und eines im Vestibulum des 1. OK-Molaren der rechten Gebisshälfte platziert, nach zehn Sekunden entnommen und der Glucosegehalt des adsorbierten Speichels analytisch ermittelt. Der Glucosegehalt eine Minute nach Einnahme gilt als Ausgangswert, die Fläche unter der Konzentration/Zeit-Kurve gilt als Retentionsvariable für die statistische Berechnung.

Ergebnisanalyse

Die Speichelsekretion unterscheidet sich zwischen Test- und Kontrollgruppe nicht. Die Glucosekonzentration im Speichel ist in der Testgruppe während der gesamten Messperiode signifikant höher als in der Kontrollgruppe; in der Testgruppe liegen die sublingual gemessenen Werte etwas höher als die vestibulären, in der Kontrollgruppe ist die Relation umgekehrt. Ausgangskonzentration, Clearancezeit und AUC sind in der Testgruppe signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Die Eignung der gewählten Messpunkte in der Mundhöhle zur Bestimmung der Glucoseclearance wird diskutiert; die Ergebnisse entsprechen Literaturangaben für Patienten mit myotonischer Dystrophie und für alte Menschen. Bei gesunden jüngeren Erwachsenen ist die Effektivität der Zuckerclearance am höchsten in der Nähe der Ausführgänge der Speicheldrüsen, dort ist die Muskelarbeit besonders intensiv. Geifern verlängert die Glucoseclearance. Eine direkte Korrelation mit Schluckbeschwerden, OMDs und/oder der geistigen Behinderung ist nicht erkennbar. Die mittlere Glucoseclearance der Patienten ist mit 32 bis 33 Minuten, bei vier Testpersonen sogar > 60 Minuten, sehr lang. Zum Vergleich: Kontrollgruppe drei bis sechs Minuten, Patienten mit myotonischer Dystrophie zwölf Minuten, hospitalisierte Senioren und Hochbetagte 25 bis 30 Minuten (Literaturdaten). Die Kombination von hoher Ausgangskonzentration und verlängerter Glucoseclearance führt zu einer stärkeren pH-Wert-Absenkung in der Plaque und erhöht damit das Kariesrisiko.

P. Gabre¹ , C. Norrman², D. Birkhed³
(¹. Dep. of Preventive Dentistry, Public Dental Health Services; ². Dep. of Habilitation, Uppsala County Council; ³. Dep. of Cariology, Sahlgrenska Academy, Göteborg University): Oral sugar clearance in individuals with oral motor dysfunctions. Caries Research, 39 (2005) pp. 357–362.

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