zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 29. September 2006

Implantologisches Sommergespräch

Für den niedergelassenen Kollegen wird es immer schwieriger aus der Vielfalt der Fortbildungsangebote auszuwählen, sich für eine Implantatfirma zu entscheiden oder eine chirurgische Variante zu bevorzugen. Das Gespräch mit den beiden Experten Prof. DDr.Thomas Bernhart und Prof. DDr. Robert Haas könnte einige Denkanstöße bieten.

Haas: Es ist doch so, dass sich in den letzten drei bis vier Jahren in der Implantologie derart viel getan hat wie summa summarum in den letzten 15 Jahren. Anfangs wurde über glatte oder raue Oberflächen diskutiert, heute hingegen gibt es viel mehr Themen, wie die Einheilzeit, das Belastungsregime, die Prothetik oder der Erhalt der Papille. Der einzelne Zahnarzt in der Praxis kann eigentlich kaum mehr den Überblick haben. Wenn man sich nicht wirklich spezialisiert, wird es schwierig, eine wirklich optimale Versorgung in Funktion und Ästhetik zu erzielen. Es ist eine extreme Fülle an Neuerungen in den letzten ein, zwei Jahren über uns hereingebrochen, und obwohl es eine Unmenge an Fortbildungen am Markt gibt, muss man danach trachten am Ball zu bleiben.

Fortbildung

Bernhart: In der Implantologie spielt die Fortbildung durch die Erzeugerfirmen eine wesentliche Rolle, die natürlich den Anwender direkt anspricht. Jede der großen Firmen richtet ihre eigenen Kongresse aus, die sie mit ihren sehr spezifischen Themen und Fragestellungen bespielt, was dazu führt, dass der Blick des einzelnen Behandlers nicht mehr über den Tellerrand des jeweiligen Anbieters reicht. Zum Beispiel spricht eine Firma nur noch von hochtechnisierten Ansätzen wie der navigierten Implantologie, nicht aber über Oberflächen und deren Neuerun­gen. Andererseits können Firmen, die sich mit Innovationen bei der Oberflächengestaltung beschäftigen nicht über navigierte Systeme mitreden. Dies heißt aber, dass man durch „seine“ Firma sehr einseitig fortgebildet wird und man so gar nicht mehr wirklich up to ­date sein kann.

Haas: Wenn man das jetzt weiterverfolgt, so ist das Problem, dass die Kolleginnen und Kollegen ihr Wissen großteils von Firmen beziehen, und dieses Wissen ist gefiltert. Es kommen heute zunehmend Produkte auf den Markt, die wissenschaftlich schwach abgesichert sind. So wird der niedergelassene Kollege beziehungsweise seine Patienten zum Versuchs­objekt für die jeweilige Erzeuger­firma gemacht. Im Wesentlichen erhält die Firma vom Anwender eine Rückmeldung und wie bei einem Feldversuch entsteht die Erkenntnis, dass manches doch nicht so klaglos funktioniert und man es ändern muss. Und das bei sehr teuren Lösungen, die man als Anwender zusätzlich kaufen muss.Viele dieser Neuerungen haben nicht einmal ansatzweise eine klinische Studie als Background.

Neue Produkte

Bernhart: Diese Entwicklung sieht man bei allen Global Playern, die auf Grund ihrer Börsennotierung ihren Aktionären verpflichtet sind. Es werden alle neuen Produkte mit dem Hinweis auf die teure Forschung immer hochpreisiger, aber altbewährte Produkte werden nie billiger. Mir fehlen die Forschungen, die wirklich so aufwändig waren, um das Produkt so teuer anbieten zu müssen. Es wäre vielleicht ein vernünftiger Schritt kostengünstige Standardimplantate anzubieten, die sich für die ­Firma ja schon längst amortisiert haben.

Diplome

Haas: Aus all diesen Gründen muss man intensiv darauf drängen, dass die Information an die niedergelassenen Kollegen von firmenunabhängiger Quelle kommt. Erst dadurch kann der Zuhörer abschätzen, wie valide diese Aussagen sind. Ich rede aber nicht ausschließlich der firmenunabhängigen Fortbildung das Wort. Gerade die Zahnmedizin besteht zu einem Teil aus erfolgreichem Marketing. So wie wir unseren Patienten eine Lösung innerhalb unseres persönlichen Rahmens anbieten, so müssen wir auch den Firmen zugestehen ihre Ideen anzupreisen. Aber wir müssen das Gleichgewicht wieder zu Gunsten der unabhängigen Information verschieben. Für den niedergelassenen Kollegen stellt sich die Frage, wie er aus dem unüberschaubar gewordenen Fortbildungsmarkt jene Veranstaltungen herausfiltert, die ihm in der Praxis einen Benefit bringen. Er muss einen Mix zwischen Übersichtsreferaten auf diversen Zahnärztekongressen und extrem fachspezifischen Veranstaltungen finden. Dies ist sicher nicht einfach. Es ist auch zu fordern, dass der Kollege für seine Fortbildung etwas bekommt, sei es in Form eines Diploms, welches er sich im Wartezimmer an die Wand hängen kann oder auch in Form eines Titels, der ihn als einen auf einem ganz spezifischen Gebiet bewanderten Spezialisten auszeichnet.

Bernhart: Da gehe ich vollkommen konform. Die beste Werbung ist die interne Werbung mittels im Wartezimmer aufgehängter Fortbildungsdiplome. So nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber.“

Überlebensrate

Haas: Um wieder zu unserem eigentlichen Thema Implantologie zurückzukehren: Auch hier diskutieren wir mittlerweile über Feinheiten wie zum Beispiel, ob die Überlebensprognose eines Oberkieferimplantates 92,7 oder 93,4 Prozent beträgt und damit statistisch deutlich besser ist als die ­allermeisten prothetischen Lösungen. Und dann denken wir da­rüber nach, ob wir dieses wirklich gute Ergebnis noch durch kleine Verbesserungen toppen können.

Bernhart: Prinzipiell sind wir heute bei wirklich sensationellen Ergebnissen angelangt und nähern uns immer mehr der 98%igen Überlebensrate, wobei wir aber nicht wissen, warum wir die zwei Prozent verlieren. Das erinnert mich immer an die Wetterprognose, bei der wir heute eine Vorhersagewahrscheinlichkeit von 80 Prozent haben und uns jedes ­weitere Prozent einen unverhältnismäßig großen Aufwand beschert. So ähnlich verhält es sich in der Implantologie, wo eine Fülle von sehr teuren Neuigkeiten auf den Markt kommt und von diesem zum Teil ebenso rasch wieder verschwindet. Und dies alles um über die 2%-Hürde zu springen.

Spezialisten

Haas: War vor zehn Jahren ein Implantat noch für eine bestimmte Indikation zugelassen und musste der Anwender den Besuch eines Implantologiekurses nachweisen, um überhaupt Implantate kaufen zu können, so bewegte sich die Entwicklung in den nachfolgenden Jahren in Richtung – beinahe – jedes Implantat für alle Indikationen und jeder kann Implantate setzen. Je länger man in diesem Bereich arbeitet, desto mehr erkennt der erfahrene Kollege, dass man relativ viel nicht machen sollte, obwohl man es vielleicht hineinschrauben kann.

Bernhart: Da sind wir einer Meinung: Je einfacher es klingt, desto mehr sollte man es hinterfragen. Nehmen wir zum Beispiel die „Jeschstanze“ her, eine an sich ­geniale G’schicht, nur wenn man keine Ahnung von der Anatomie hat und dann als Neuanfänger ein Loch stanzt und dort ein Implantat setzt, ist das, glaube ich, der falsche Weg.

Haas: Deshalb stellt sich schon auch die Frage, wie vernünftig es ist, wenn jeder der viereinhalbtausend Kollegen in Österreich diese Erfahrungen selbst sammelt und inwiefern es nicht vernünftiger ist, die Kräfte zu ballen. Ich zum Beispiel denke über die Kieferorthopädie nicht einmal nach. Da gibt es Kollegen, die top sind und die sollen das auch machen. Genauso gut gibt es Gnathologen, die jedes gestörte Kauorgan wieder ins Lot bringen. So ähnlich sehe ich das auch in der Implantologie, wo man als Lehrender auch die Grenzen aufzeigen muss und die Kollegenschaft so weit bringen muss, die einfachen Fälle herausfiltern zu können.

Basisimplantologie

Bernhart: Wobei die Implantologie aus dem Spektrum der niedergelassenen Kollegen nicht mehr wegzudenken ist. Wenn der Niedergelassene das Gefühl hat, dass die Frequenz der einfachen Fälle in seiner Ordination sehr hoch ist, das heißt sehr viel Leerkiefer und sehr viele Einzelzähne im Seitzahnbereich, sollte er auch damit beginnen. Ich bin absolut der Meinung, dass die Basisimplantologie in die Ordination gehört.

Haas: Ich gebe dir da vollkommen recht, gebe aber zu bedenken, was für den einen ein einfacher Fall ist, stellt für den anderen einen komplexen Fall dar. Das Schwierigste ist in meinen Augen eine Einzelzahnversorgung im Frontbereich. In solchen Fällen sollte man Kooperationen suchen, zum Wohle des Patienten und auch um sich selbst Misserfolge und Frustrationen zu ersparen. Auch bei neuen prothetischen Lösungen wie „All on 4“ gibt es nur die Möglichkeiten des learning by doing oder es sich von anderen beibringen zu lassen. So neu ist dieses Konzept übrigens gar nicht. Denken wir nur an die alte Branemarkbrücke oder die noch ältere Ledermannversorgung inklusive Sofortversorgung. Dank geänderter Implantatoberflächen und anderer Implantatdimensionen konnte die Prognose massiv verbessert werden und schließlich wurden diese Konzepte auch für den Oberkiefer adaptiert. Ob die von uns gewünschten Ergebnisse eintreten werden, muss man sich erst anschauen.

Einheilzeiten

Bernhart: Ich möchte jetzt nach deinen zum Teil sehr mutigen Aussagen noch auf das Thema der reduzierten Einheilzeiten eingehen. Wir befinden uns zurzeit am Übergang von der dritten zur vierten Generation der Oberflächen und es wird innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre von allen namhaften Firmen neue Oberflächen geben. Bei der sehr gut untersuchten 3. Generation, sei es nun Ti-Unite, Osseotite oder SLA, wissen wir, dass wir bei ortsständigem Knochen mit einer Einheilzeit von sechs bis acht Wochen, bei augmentiertem Knochen von zwölf Wochen rechnen müssen, und zwar egal ob Ober- oder Unterkiefer. Das ist ein Regime, das mich an der Sofortbelastung zweifeln lässt. Ich denke, mit einer sechswöchigen Einheilphase, wo ich weiß, dass bereits eine Osseo­integration stattgefunden hat, bin ich in der Praxis auf der sicheren Seite.

Haas: Ich gehe völlig d’accord, dass sich durch die Innovationen der letzten Jahre die Einheilzeiten deutlich verringert haben. Ich wa­ge es aber zu bezweifeln, dass nochmals so getoppt werden kann. Denn irgendwann stoßen wir an die Grenzen der Knochenphysiologie und somit an die 45 Mikrometer tägliches Knochenwachstum.

Bernhart: Vielleicht lachen unsere Enkelkinder einmal über die „wie gut wir sind“-Aussage, weil die Entwicklung so schnell geworden ist. Wesentlich ist, dass diese 3- bzw. 6-Monate-Doktrin Vergangenheit ist. Die Einheilzeiten für alle Indikationen sind heute generell deutlich kürzer als noch vor wenigen Jahren, aber immer noch abhängig von der Knochenqualität, der Primärstabilität und ob augmentiert wurde.

Haas: Je mehr die Regimes geändert werden, desto konsequenter muss die präimplantologische ­Diagnostik betrieben werden.

DDr. Andreas Beer, Zahnarzt 10/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben