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Zahnheilkunde 27. September 2006

„Zu viel zu tun, zu wenig Zeit?“

Im Gespräch mit dem Zahn&Arzt gibt Prof. Dr. Lothar Seiwert, der gefragteste Coach Deutschlands auf dem Gebiet Zeit- und Selbstmanagement und Bestseller-Autor, ­einige praxisnahe Tipps, wie Zahnärzte einfach mehr Zeit zum Leben finden können.

Herr Prof. Seiwert, was ist Zeit für Sie?
Seiwert: Zeit ist für mich das Kostbarste, was es gibt – neben der Gesundheit natürlich. Denn Geld, das ich verliere, kann ich, wenn ich mich geschickt anstelle, wieder zurückholen, aber Zeit nie und nimmer! So ist meiner Meinung nach das Paradigma von Benjamin Franklin „Time is Money“ durch „Zeit ist Leben“ oder anders ausgedrückt „Time is Life“ längst überholt.

Warum leiden wir gerade in einer Zeit, in der wir doch alles Menschenmögliche machen, damit wir ein angenehmeres Leben führen, unter Zeitnot?
Seiwert: Wir leben heute in einer sehr schnelllebigen Zeit, in einer so genannten „High-Speed-Gesellschaft“. Die Zeit als konstanter Faktor ist zwar gleich geblieben, aber alles andere ist einfach schneller geworden. Man könnte auch sagen, die Drehzahl des Lebens ist höher geworden – und das in allen Bereichen. Unsere Alltagssprache spiegelt genau das ­wider, wenn wir sagen: „Ich geh mal schnell“, „Ich geh mal geschwind“, „Hast du mal schnell Zeit?“ usw. Als mein Zahnarzt ­kürzlich zu mir sagte: „Ich hole mal schnell …“, musste ich einfach ­sagen: „Ich bin kein Notfallpatient, lass dir Zeit.“ Die meisten von uns nehmen einfach immer und überall an, alles müsse schnell, schneller und immer schneller gehen. Es gibt ja ­sogar schon eine Krankheit, deren Name sich von diesem Phänomen ableitet: „Hurry Sickness“, die so genannte Hetzkrankheit – im Internet findet man unter diesem Suchbegriff schon weit über 1.000 Fundstellen.

In Ihrem neuesten Buch „Die ­Bären-Strategie: In der Ruhe liegt die Kraft“ zeigen Sie für einige unterschiedliche Charaktere auf, wie man durch kluge Zeiteinteilung und bessere Lebensstrategie ein sinnerfülltes Leben führen könne. Was sollten Zahnärzte davon unbedingt beherzigen?
Seiwert: Persönliche Auszeiten einplanen! Denn gerade aufgrund ihres enormen persönlichen Einsatzes gilt für sie, wie etwa für einen Formel-1-Rennfahrer, immer wieder Boxenstopps zum Akkus­aufladen und Relaxen einzulegen. Nur so können sie auf Dauer voll leistungsfähig bleiben. „Schaffen, Schaffen und noch einmal Schaffen ohne Ende“ – und das Montag bis Freitag – und dann am Samstag oder gar Sonntagabend noch die Abrechnung machen, brennt einen jeden aus.

Kann man sich heute solche persönliche Auszeiten eigentlich noch leisten?
Seiwert: Erfolgreiche oder die es werden wollen schon! Hier trifft das, was Bernie Ecclestone zu einem seiner Fahrer sagte, voll und ganz zu: „Go slow and win the race!“ Gerade für einen Zahnarzt, der kontinuierlich Höchstleistungen in Sachen Präzision erbringen muss, sind Boxenstopps absolut notwendig. Denn auch mit einem High-Speed-Bohrer im Mund eines anderen laufe ich ständig Gefahr, bei der kleinsten Unkonzentration, einen Crash zu bauen. Minderleistung kann ich mir als Zahnarzt nie und nimmer leisten. Und deshalb benötigen gerade Hochleister wie Zahnärzte dringendst regelmäßige „persönliche“ Boxenstopps, um langfristig erfolgreich zu sein.

Die Arbeit selbst wird ja durch diese Auszeiten auch nicht weniger?
Seiwert: Vis-à-vis demonstriere ich es in meinen Vorträgen so: Ich stelle drei mehr als zur Hälfe gefüllte 1-Liter-Flaschen und zwei Halbliter-Gläser auf den Tisch und frage, wie man es schaffen könne, die ganze Flüssigkeit auf die Gläser zu verteilen, ohne etwas wegzuschütten, auszutrinken oder Ähnliches. Und weil es eben niemand schafft, die Flüssigkeit auf die Gläser zu verteilen, stelle ich dann doch noch ein weiteres Glas für noch mehr Arbeitszeit auf den Tisch. Das Problem scheint gelöst – aber nur kurzfristig, bis ich nämlich eine weitere Flasche hervorhole, deren Inhalt es wieder auf drei Gläser aufzuteilen gilt. Die Flaschen symbolisch für das Volumen an Arbeit und die Gläser für die Zeit, die wir für Arbeit einsetzen. Das spiele ich so lange weiter, bis dann symbolisch auch für Samstag und Sonntag je ein Glas und eine weitere Flasche für noch mehr Arbeit auf dem Tisch stehen, die Flüssigkeit aber noch immer nicht verteilt werden kann und wir uns inzwischen in einer 7-Tage-Arbeitswoche wiederfinden. – Und genau deshalb muss ich mir Erholungspausen unaufschiebbar fix einplanen, um meine Akkus, sprich meinen inneren Motor aufzuladen, wenn nicht meine Performance als Zahnarzt darunter leiden soll. Insofern hat ein Zahnarzt nicht nur aus der Verantwortung gegenüber sich und seiner Familie, sondern auch wegen der besonderen Verantwortung gegenüber seinen Patienten etwas für seine Work-Life-Balance zu tun. Hier hat mir ein befreundeter Zahnarzt schon mehrfach bestätigt, dass ich als Zahnarzt genauso wenig ein perfektes Implantat setzen kann, wenn ich gestresst bin, wie ein ­Formel-1-Fahrer ein Rennen gewinnen, wenn er nicht voll fit ist. – Und ich persönlich, ich ziehe Boxenstopps, Hörstürzen und Burn-out-Syndrom vor!

Immer öfter sind es sogar ­Patienten, die ihren persönlichen „Zeitstress“ quasi mit in die Praxis bringen. Was kann man machen, sodass sie mit ihrer Hektik nicht auch andere anstecken?
Seiwert: Ruhig stellen. Etwa mit Entspannungsmusik: Sie bringt einen ganz unbewusst auf eine niedrige Drehzahl. Meditatives, Mozart … alle eignen sich, das ­Bewusstsein zu steuern. Hypnose funktioniert ja auch nach dem gleichen Prinzip: Um jemanden hypnotisieren zu können, muss ich ihn erst einmal in einen entspannten Zustand bringen. Und das gilt auch für alle, die meinen, den ganzen Tag wie Speedy Gonzales, den wir aus Zeichentrickfilmen als die schnellste Maus von Mexiko kennen, herumrennen zu müssen.

Wie in jedem Beruf hat man auch in der Zahnmedizin mit Menschen zu tun, die nicht immer rücksichtsvoll mit der Zeit anderer umgehen.
Wie geht man mit solchen „Zeit­dieben“ um?

Seiwert: „Nein“ sagen – und das konsequent! Ich erlaube es mir ­sogar so zu formulieren: „Viele haben einen Sprachfehler: Sie können nicht nein sagen!“ Natürlich bezieht sich das nie und nimmer auf Schmerzpatienten. Ihnen sollte man niemals die Türe weisen. Aber zu „Zeitdieben“ hingegen, empfehle ich klar und konsequent „Nein!“ zu sagen.

Bären sind in Ihrem aktuellen Bestseller ja ein Sinnbild für „In der Ruhe liegt die Kraft“. Kennen Sie neben Bären auch Menschen, welche die Zeit erfolgreich in den Griff bekommen haben? Was ist deren gemeinsames Geheimnis?
Seiwert: Ja! (lacht!) Und deren gemeinsames Erfolgsgeheimnis würde ich, wie auch im Buch: „Das Bumerang-Prinzip: Mehr Zeit fürs Glück“ beschrieben, auf drei Sätze reduzieren:
Erstens: Konzentriere dich auf wirklich Wesentliches! Nach wir vor gilt, was Angelus Silesius, deutscher Dichter, Arzt und Priester, einst sagte: Mensch, werde wesentlich! Zweitens: Verzettle dich nicht mit den dringenden Dingen. Konzentriere dich auf das Wesentliche! Drittens: First things first! Erledige das Wichtigste zuerst!

Wie gehen Sie persönlich, als erfolgreicher Coach für Zeit- und Selbstmanagement, mit Ihrer eigenen Zeit bzw. Ihrem eigenen Terminplan um?
Seiwert: Ich nehme mir immer wieder Boxenstopps! Frei-tag, wie der Name schon sagt, ist für mich der freie Tag. Wir praktizieren bei uns im Heidelberger Seiwert-Ins­titut eine 4-Tage-Woche. Und die freie Zeit nütze ich für meine persönliche Fitness – sowohl körperlich als auch geistig. Ich nehme mir diese Zeit für Dinge, die mir wichtig sind. Ich halte mich fit, bin mit Fami­lie und Freunden zusammen und hänge einfach meinen Gedanken nach, da entstehen auch die kreativsten Projekte, neue Ideen und Visionen. – Und wenn ich doch einmal am Freitag, Samstag oder sogar Sonntag arbeiten muss, reguliere ich es entsprechend über das Honorar!

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Dr. A. V. Scheiderbauer, Zahnarzt 10/2006

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