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Zahnheilkunde 30. Oktober 2006

„Es ist halt verdammt hart, der Beste zu sein“

Verantwortung wird nur ungern für andere übernommen. Viele Menschen gehen nur noch unverbindliche Partnerschaften ein. Ehen werden geschieden, mittlerweile gibt es über eine Million Singlehaushalte in Österreich. Beruf, Karriere und Selbstverwirklichung stehen im Vordergrund.

Egoismus erzeugt Leere

Egoismus ist in seiner rücksichtslosesten Form völlige Selbstbezogenheit. Aber diese Selbstbezogenheit erzeugt eine gefährliche innere Leere. Egoisten sind nicht mehr zu wirklichen menschlichen Beziehungen und tiefen Gefühlen fähig, zeigen keine Emotionen und lassen niemanden an sich heran, damit andere nur ja keine Macht über sie bekommen.
Aus dieser Einstellung heraus misstrauen sie tatsächlich allen, die ihnen positive Gefühle, Zuneigung und Liebe entgegenbringen. So wie sie permanent selbstgefällige Gefühle zur Shau stellen, glauben sie, dass andere genauso handeln. Diese übersteigerte Selbstbezogenheit wird durch das Wirtschaftssystem und Medien nicht nur ermöglicht, sondern geradezu provoziert. Und auch die Werbung hat uns fest im Griff und wir erliegen ihr mehr oder weniger alle – „Es ist halt verdammt hart, der Beste zu sein.“ Auf der anderen Seite ist diese verführte Gesellschaft, in der das Beste und Schnellste von so großer Bedeutung ist, über das Dopingthema im Sport erschrocken und empört zugleich. Wachstum um jeden Preis ist das Credo unserer Zeit, über sich hinaus wachsen aber trotzdem die Wenigsten.

Depression, Angstgefühl und Sucht

Psychische Erkrankungen nehmen zu und sind mittlerweile der Hauptgrund für Frühpensionierungen von Frauen und stehen an sechster Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. Depressionen, Angsterkrankungen und Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten und Drogen zählen zu den häufigsten Krankheitsbildern. Als mögliche Gründe für den Anstieg wird unter anderem ein weniger tabubesetzter Umgang der Menschen mit psychischen Beschwerden genannt. Nun gut!
Mir gibt eine Studie aus Australien und Großbritannien zu denken, die sagt, dass unter konservativen Regierungen die Selbstmordrate deutlich ansteigt. Forscher der Universitäten Sydney und Bristol verglichen die Suizidraten zwischen 1901 und 1998 – verteilt auf die verschiedenen Regierungsperioden – und kamen zu dem Ergebnis, dass es in Zeiten konservativer Regierungen zu 17 Prozent mehr Suiziden bei Männern und gar 40 Prozent mehr bei Frauen kam.
Ellbogentechnik, Geld zu verdienen und Fun zu haben, die höchsten Güter der „Gewinnergesellschaft“, scheinen Werte wie Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität nicht ersetzen zu können. Ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl reduziert das Risiko Einzelner, sich sozial zu isolieren. Nächstenliebe hilft in jedem Fall gegen psychische Erkrankungen. Und vor allem Humor fördert eine positive Haltung gegenüber scheinbar unumstößlichen Regeln und hilft krankmachende Verhaltensmuster aufzugeben. Wie der Teufel das Weihwasser fürchtet, so fürchten negative Gefühle Humor. Entspannung zählt zu den wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen Stress. Im Leben der meisten Menschen spielen aber negative Emotionen nach wie vor eine zu große Rolle.

Dr. Andreas Kienzl, Zahnarzt 11/2006

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