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Zahnheilkunde 27. September 2006

Temposünder unter Zeitdruck

Orientierungsstress und Tempowahn sind heute tägliche Begleiter für uns alle geworden. All die Freiheiten und Möglichkeiten werden zum Zwang, auch alles nutzen zu können und das möglichst schnell – das Leben ist doch sowieso begrenzt. Dazu kommt noch eine nie da gewesene Informationsflut zum Beispiel durch das Internet – und das rund um die Uhr. Selbst die Bundeshymne, die dereinst den Sendeschluss im Fernsehen sig­nalisierte, ist dort nicht mehr zu hören, da es keinen Sendeschluss mehr gibt. Dafür aber unzählige Programme und wir müssen nun selbst entscheiden, was wir schauen und wann wir zu Bett gehen.

„Schnelles“ Kochen zur ­Entspannung

Genau genommen war ich ziemlich müde und wollte mich durch eines dieser unzähligen Program­me vor dem Fernseher ganz einfach entspannen. Aber plötzlich war ich mitten in einer Kochsendung und ein junger Mann hat in affenartiger Geschwindigkeit gesprochen, Freunde empfangen, sein Kind gefüttert und – stellen Sie sich vor – dabei gekocht und das noch schneller, als er gesprochen hat. Entspannend war das ganz und gar nicht. Irgendwie war es ja ganz witzig, aber nach einigen Minuten wusste ich nicht mehr genau, was er eigentlich gerade gemacht hat, welche Zutaten er verwendete, was er gesprochen hat. Und, man hält es kaum für möglich, das Tempo steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Wie ein Wirbelwind fegte dieser Blondschopf in Wort und Tat hin und her – und ich, der sich nur entspannen wollte, war fix und fertig. Einerseits deswegen, weil ich auch gerne koche, und das mit ­Liebe, Hingabe und mit dem größten Genuss, aber keinesfalls mit heraushängender Zunge. Andererseits, weil diese Sendung so unglaublich ­zeitgemäß ist und der Tempo­wahn, der uns in Wahrheit nur noch krank macht, heutzutage selbst in der Küche – dem Ort der Lebenslust – Einzug gehalten hat. Fast Food ist ja für viele Menschen ein Bestandteil ihrer Lebenskultur geworden, „Fast Verdauung“ noch nicht, obwohl wir uns blindgläubig von den Zeitmaßen und Rhythmen der Natur abzukoppeln versuchen. Wir klagen doch alle ununterbrochen über Zeitnot und versuchen diesem Umstand krampfhaft mit noch mehr Beschleunigung zu entrinnen. Jedenfalls hat sich diese Hoffnung so nicht erfüllt – im Gegenteil. Aber gibt es ein Rezept für die Zukunft? So weitermachen wie bisher, jedoch mit noch mehr Schnelligkeit ist die Devise! „Im Prinzip soll Kochen ganz schnell gehen“, hörte ich Jamie Oliver sagen, und das war mir dann wirklich zu viel. Ich bin doch nicht vertrottelt, bloß weil ein rasender Koch Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockt, auch diesem Tempowahn zu erliegen. Nein, nie und nimmer! Und schon gar nicht auf Kosten meiner Gesundheit!
Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie entspannend Kochen sein kann? Nein, Sie wissen es nicht, denn ich bin sicher, Sie wollen sein wie Jamie Oliver, schnell, schneller, am schnellsten. Warum eigentlich?

Dr. Andreas Kienzl, Zahnarzt 10/2006

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