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Zahnheilkunde 27. September 2006

Komplikation: Bohrerbruch

Ein 33-jähriger Mann erleidet durch einen Faustschlag ins Gesicht eine multiple Unterkieferfraktur. Der Unterkiefer wird im Krankenhaus reponiert und durch eine Plattenosteosynthese stabilisiert. Dabei kommt es zum Schaftbruch des Bohrers beim letzten Bohrloch an der Osteosyntheseplatte am aufsteigenden Unterkieferast links. Die Bohrung erfolgte transbukkal bei enoraler Platzierung der Platte. Der Versuch, das über 2 cm lange Bohrerfragment in der gleichen Sitzung zu bergen, wurde aufgegeben, da das Bruchstück transoral weder zu sehen noch zu tasten war.

Kommentar

Zunächst halte ich fest, dass es sich um eine Teaching-Operation im eigenen Haus handelte, bei der ein erfahrener Oberarzt einer in Ausbildung stehenden Kollegin assistierte. Mit dieser Situation konfrontiert, erklärte ich, dass es richtig war, bei dieser Lokalisation, die anatomisch äußerst sensibel (Verletzungsgefahr für Nerven und Gefäße) ist, auf die Suche nach dem Fremdkörper primär zu verzichten und die Operation zu beenden. Eine genaue Dokumentation und Aufklärung des Patienten wurden umgehend durchgeführt. Der Patient, der sich mittlerweile in häuslicher Pflege befindet und beschwerdefrei ist, wurde dahingehend informiert, dass eine Fremdkörperentfernung erst nach weiteren bildgebenden Untersuchungen (CT, MRT, Sonographie) zu planen ist. Bisher hat der Patient die Fremdkörperentfernung abgelehnt. Oberstes Ziel ist es, nach Möglichkeit Sekundärkomplikationen zu vermeiden, sodass kurzfristig ambulante Kontrollen vorerst vereinbart wurden. Da dieser Fall wegen des Fremdverschuldens, das zur Körperverletzung führte, ohnehin zu Gericht kommt, sind zahlreiche forensische Fragen zu erwarten:
1. Liegt eine Komplikation oder ein Behandlungsfehler vor?
2. Hat das Bohrerfragment den postoperativen Heilungsverlauf verzögert?
3. Wenn ja, hatte der Patient deshalb an längeren Schmerzperioden zu leiden?
4. Sind die Schmerzen durch dieses Ereignis verstärkt worden? Wenn ja, welcher Anteil an Schmerzen ist primär unfallkausal und welcher ist sekundär behandlungskausal?
5. Steht deshalb dem Patienten mehr Schadenersatz zu (Schmer­zengeld, Ersatz von Heilungskosten und Verdienstausfall etc.)?
6. Ist (wegen des Bohrerbruches) mit Spät- und Dauerfolgen zu rechnen bzw. nach einer allfälligen Entfernung des Bruchstückes?
7. Könnten sich allfällige Folgen auf die Berufs- oder Arbeitsfähigkeit auswirken und eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (man denke nur an eine mögliche Facialisparese) auslösen?
Da ich in diesem Fall, der die Abteilung, die ich leite, betrifft, nicht als Gutachter tätig sein werde, überlasse ich die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen dem noch zu bestellenden Sachverständigen.

Ernst der Lage erkennen

Worauf ich allerdings hinweisen möchte, ist der Umstand, dass es zum Bohrerbruch auch beim er­fahrenen und mit aller Sorgfalt agierenden Chirurgen kommen kann. Wichtig ist, wie im konkreten Fall, den Ernst der Lage zu erkennen (Fahndung nach Bohrer, ohne Sicht in einer anatomisch besonders gefährdbaren Region, wurde eingestellt) und eine entsprechende Dokumentation und Aufklärung durchzuführen. Bei dem angeführten Beispiel geht es mir vor allem darum, da­rauf hinzuweisen, dass in Fällen, die durch Fremdverschulden (z. B. Raufhandel, Verkehrsunfall etc.) zu einer Körperverletzung führen und die in der Folge bei Gericht abgehandelt werden, nicht selten zu ­beobachten ist, insbesondere bei der Frage nach Spät- und Dauerfolgen, einen Teil der Gesundheitsschädigung der ärztlichen Behandlung zuzuordnen. Dies ist noch ­einfacher, wenn zum Beispiel die medizinische Dokumentation insuffizient ist, Operationsberichte ungenau sind, Arztbriefe unvollständig beziehungsweise unrichtig verfasst sind oder es tatsächlich bei der Operation zu einer Komplikation gekommen ist. Auch wenn die Komplikation nicht Folge eines Behandlungs­fehlers ist, ist im Streitfall mitunter unschwer zu beobachten, dass die klagende (geschädigte) Partei schon wegen einer geringfügi­gen medizinischen Behandlungskomplikation die Arzthaftpflichtversicherung in ihre Schadenersatzansprüche gegenüber dem Schädiger (z. B. Unfallgegner) einbeziehen möchte. Dieser Trend ist häufiger erkennbar, wenn während des ­Gerichtsverfahrens zunehmend evident wird, dass der Schädiger nur wenig oder kaum schadenersatzfähig ist. Es liegt am erfahrenen Sachverständigen, eine derartige Entwicklung zu erkennen und ihr entgegenzuwirken.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Zahnarzt 10/2006

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