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Zahnheilkunde 4. Oktober 2006

Reisende Zahnreißer mit Talent zum Schauspiel (Narrenturm 70)

Verglichen mit der Ausrüstung der wandernden Zahnbrecher, die auf Jahrmärkten ihr Gewerbe ausübten, ist die bis ins kleinste Detail original erhaltene Zahnarztpraxis aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum zwar eine High-Tech-Ordination. Dennoch kriegt der Besucher beim Anblick des fußbetriebenen Bohrers schweißnasse Hände und bedankt sich still, aber inbrünstig für die Segnungen der modernen Medizintechnik.

Jahrtausendelang waren es der Zahnwurm oder eine gottgewollte Prüfung, die für Zahnschmerzen verantwortlich gemacht wurden. Halfen alle Stoßgebete zur Patronin der Zahnkranken, der heiligen Apollonia – die einzige Zuflucht und Hoffnung für Zahnleidende neben verschiedenen, gegen den Zahnwurm fast immer unwirksamen Kräutern und Räucherungen – nichts, so blieb dem bedauernswerten Patienten nur mehr der Weg zum „Zahnarzt“.
Ein gelehrter Doktor konnte hier vermutlich nur wenig helfen. Die nach akademischer Urinschau verordneten Blutegel und Aderlässe, die „fauligen Säfte, die vom Kopf herabsteigen“, aus dem Körper entfernen sollten, werden wohl nicht sehr erfolgreich gewesen sein. Helfen konnte hier wirklich nur mehr einer: der Zahnreißer oder Zahnbrecher.

 Zahnarztordination Beginn des 20. Jahrhunderts

Zumeist ein geschickter Handwerker und zugleich überzeugender Schauspieler, der das öffentliche Zahnziehen unter dem Beifall des zusammengelaufenen Volkes zu einem Schauspiel machte. Der Stand der reisenden und reißenden „Zahnärzte“ – unter denen sich tatsächlich oft Angehörige von fahrenden Schauspieltruppen befanden – starb erst im 18. Jahrhundert allmählich aus. Die Wundärzte oder Barbiere ließen sich nach und nach in den Städten nieder und besuchten ihre Patienten in ihren Wohnungen. Die Medizin begann sich in diesem Jahrhundert auch wissenschaftlich mit der Zahnheilkunde zu beschäftigen. Erste Kenntnisse über Anatomie, Phy­siologie und Pathologie der Zähne kamen auf.
Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete der französische Chirurg Pierre Fauchard (1678–1761), „Frankreichs berühmtester Zahnarzt“. Sein Interesse war nicht das Zahnziehen, er beschäftigte sich vielmehr mit feineren Techniken wie Bohren, Feilen, Herstellen von Prothesen, Transplantieren und Kieferchirurgie. In seinem 1728 publizierten Buch „Le chirurgien dentiste ou traité des dents“ – 1733 erschien die deutsche Übersetzung – beschrieb er erstmals umfassend die wissenschaftlichen Grundlagen der Zahnheilkunde. Mit Fauchard bekam die Zahnheilkunde bereits den Charakter eines eigenen Fachgebietes. Besonderes Interesse für das neue Fach hatte man in den Vereinigten Staaten. Das erste Institut für zahnärztliche Fachausbildung entstand 1839 in Baltimore.
In Wien war es der Professor der medizinischen Fakultät und Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, Gerard van Swieten, der durchsetzte, dass sich zwei Wundärzte der österreichischen Armee ausschließlich mit Zahnheilkunde zu befassen hatten. In der ehemaligen militärärztlichen Akademie im Josephinum in Wien wurden ab 1821 auch die ersten Vorlesungen über Zahnheilkunde gehalten. Vortragender war der Mediziner Georg Carabelli Edler von Lunkaszprie (1887–1824).

 Zahnbrecher

Der Ruf der Zahnärzte konnte kaum schlechter sein

Akademisch ausgebildete Zahnärzte waren aber weiterhin eine Seltenheit und der Ruf der Zahnärzte war miserabel. Wie schlecht, zeigt diese Anekdote: Carabelli wollte einen jungen talentierten Mediziner überreden, bei ihm Assistent zu werden. Moriz Heider (1816–1866), der junge umworbene Mediziner, soll seinem Lehrer auf das Angebot geantwortet haben: „Ein honetter Mensch, der etwas gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden.“
Carabelli scheint ihm das aber nicht besonders übel genommen zu haben. Heider wurde nicht nur Zahnarzt, sondern im Jahr 1843 auch sein Nachfolger. Er erbte Carabellis Instrumente und wertvolle Sammlung von Zahnpräparaten und übernahm auch seine Ordination.
Heider gilt heute als Pionier der wissenschaftlichen und technischen Zahnheilkunde und Kämpfer für das gesellschaftliche Ansehen des Zahnärztestandes. Seine Aufbauarbeit in Österreich führten Adolphe Zsigmondy (1816–1880) – berühmt nicht nur als Zahnarzt der Kaiserin Sisi, er entwickelte auch das heute noch gebräuchliche internationale Zahnschema – und dessen Sohn Otto Zsigmondy (1860–1917).

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2006

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