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Zahnheilkunde 3. Juli 2006

„Konflikte machen krank!“

Frau Dr. Wardetzki, glauben Sie, dass Arbeitsplätze immer schon Herde von Konflikten waren oder haben Konflikte am Arbeitsplatz heute maßgeblich zugenommen?
Wardetzki: Konflikte am Arbeitsplatz gab es schon immer, sie rücken nur gerade jetzt wieder aufgrund des Drucks am Arbeitsmarkt mehr in den Mittelpunkt. Die Angst, den Job zu verlieren, kann Konflikte unter den Kollegen verstärken, ich nenne nur die Stichworte Rivalität und Konkurrenz bis hin zum Mobbing.

Worauf führen Sie es zurück, dass das Thema heute brandaktuell ist?
Wardetzki: Durch den Abbau von Arbeitsplätzen, Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen steigt der Druck auf die Arbeitnehmer. Sie werden empfindlicher gegenüber Kritik und Mehrbelastung, was das allgemeine Konfliktpotenzial erhöht.

In Ihrem neuesten Buch „Kränkung an Arbeitsplatz“ schreiben Sie, dass Kränkungen eine spezielle Form zwischenmenschlicher Konflikte sind. Was ist so besonders an ihnen?
Wardetzki: Das Wesentlichste an einem Kränkungskonflikt ist, dass er das Selbstwertgefühl der Person direkt berührt. Der Betroffene hat das Gefühl, weniger wert zu sein oder gar als Mensch abgelehnt zu werden. Das geschieht zum Beispiel, wenn Arbeitnehmer ignoriert oder übergangen werden. In diesem Fall wird ihr narzisstisches Bedürfnis nach Beachtung nicht ausreichend befriedigt, was sie dann als Kränkung erleben. Sie reagieren beleidigt oder empört, sehen keinen Sinn mehr, sich anzustrengen und „kündigen innerlich“. Die Folge ist, dass solche Mitarbeiter dann zwar körperlich anwesend sind, aber ihre Bereitschaft und ihr Interesse, sich einzubringen, gegen null sinken. – Und das macht nicht nur sie selbst krank, sondern auch jeden Betrieb und somit auch jede Zahnarztpraxis; je kleiner sie ist und je mehr der Erfolg vom Engagement der einzelnen Assistentin abhängt, umso gefährlicher!

Woran erkennt man, ob es sich bei Reibereien um harmlose Unstimmigkeiten oder um einen ernst zu nehmenden Konflikt handelt?
Wardetzki: Konflikte entstehen dadurch, dass zwei Menschen unterschiedliche Meinungen, Interessen und Bedürfnisse haben. Das gehört zu jeder Zusammenarbeit dazu. Kann eine solche Unterschiedlichkeit jedoch nicht gelöst werden, fühlt sich eine Partei willentlich zurückgesetzt oder unterlegen, was zu einer Eskalation des Konflikts führen kann. Das bedeutet, dass die Betroffenen nicht mehr miteinander reden, beginnen sich anzufeinden und zu bekämpfen und am Ende nur noch den anderen vernichten oder loswerden wollen.

Von welchen Faktoren hängt es eigentlich ab, warum die einen aggressiver auf eine Bemerkung reagieren, während die anderen sichtlich gelassen darüber hinwegsehen?
Wardetzki: Ob jemand heftiger oder gelassener auf Anspielungen reagiert, hängt zu einem großen Teil vom persönlichen Hintergrund und den bisherigen beruflichen Erfahrungen einer Person ab; doch auch davon, wie er mit seinem wunden Punkt umgehen kann. Denn bei jeder Kränkung wird diese verletzliche Stelle berührt und das kann in der Folge zu unerwartet heftigen Reaktionen führen.

Hängt es Ihrer Ansicht nach immer von der eigenen Geschichte der Betroffenen ab, ob kränkende ­Konflikte entstehen oder nicht?
Wardetzki: Nicht unbedingt. Denn es gibt in der Zusammen­arbeit auch Themengebiete, die ein bestimmtes Kränkungspotenzial in sich bergen. Vor allem, wenn mehrere Menschen als Team gesamtverantwortlich zusammenarbeiten. Das Konfliktpotenzial ist beispielsweise wesentlich höher, wenn unter großem Zeitdruck gearbeitet werden muss und wenig oder kein Raum für positive Rückmeldungen oder Anleitungen bleibt. Vor allem unsichere Mitarbeiter reagieren darauf mit vermehrter Verunsicherung und dem Gefühl, abgelehnt zu werden. Auch eine starke Hierarchisierung beinhaltet ein hohes Kränkungspotenzial: wenn die eigene Position als entwertend erlebt wird, wenn ein anderer mehr Macht und Entscheidungskompetenz besitzt u. Ä.

Ist Ihrer persönlichen Meinung nach „konfliktfreies Führen“ ­überhaupt möglich. – Und führt es dann auch wirklich zum Ziel?
Wardetzki: Von einer kompetenten Führungskraft wird verlangt, die Mitarbeiter zu motivieren, zu unterstützen, aber auch mit einem eventuellen Fehlverhalten zu konfrontieren. Dadurch kommt es automatisch zu Konflikten. Diese jedoch zu vermeiden, wäre schädlich, da beispielsweise unaus­gesprochene Kritik den Arbeitskontakt zerstören kann.

Wie kann man etwa als Zahnarzt und als Unternehmer vorbauen, dass im Team zerstörende „Kränkungskonflikte“ erst gar nicht entstehen?
Wardetzki: Ein wichtiges Mittel ist die offene Kommunikation, in der Unstimmigkeiten rechtzeitig angesprochen werden dürfen und jeder seine Sicht der Dinge mitteilen kann. Dort, wo Führungskräfte eingreifen, wenn Mitarbeiter sich anfeinden, schikanieren und ausgrenzen, entsteht in der Regel kein Mobbing. Nur wenn sie die Augen verschließen, weil sie möglicherweise selbst Angst vor Konflikten haben, kann es zu großen Problemen kommen.

Wenn das Arbeitsklima bereits von kleineren und größeren Konflikten geprägt ist, wie schafft man dem wieder Abhilfe?
Wardetzki: Man muss sich klar machen, dass Konflikte zum menschlichen Miteinander gehören und etwas sind, das es zu lösen gilt. Also, keine Angst vor Konflikten! Wenn mit allen Beteiligten offen darüber kommuniziert werden kann, gibt es meist Lösungswege. Die Erfahrung, Konflikte lösen zu können, stärkt zudem das Selbstwertgefühl des einzelnen Mitarbeiters und den Zusammenhalt des Arbeitsteams.

 

Dr. A. V. Scheiderbauer, Zahnarzt 7/2006

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