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Zahnheilkunde 3. Juli 2006

Kieferchirurgische Probleme in der Praxis

Ein Patient (Ausländer) sucht einen Zahnarzt im ländlichen Bereich ­wegen Schmerzen an einem unteren Weisheitszahn auf. Der Zahnarzt empfahl die Entfernung des schmerzhaften Zahnes und führte diese nach Einwilligung des Patienten durch. Dabei ist es zum Bruch der Wurzel gekommen. Da es dem Zahnarzt nicht möglich war, diese Wurzel selbst zu entfernen, überwies er den Patienten an einen Kieferchirurgen in Wien. Der Patient erklärte, dass er erst jemanden suchen müsse, der ihn mit dem Auto nach Wien bringt, da er selbst nicht fahren wollte. Eine Stunde habe er gebraucht, um jemanden zu finden und dann dauerte es noch zwei Stunden, bis er inder Ordination des Kieferchirurgen angekommen ist. Auf die Frage, warum es so lange dauerte, erklärte er, dass er sich in Wien nicht auskenne und daher die Ordination des Arztes erst suchen musste.

Keine Kenntnisse über Fachdisziplinen

Dem Zahnarzt machte der Patient zum Vorwurf, dass er ihn nicht darüber aufgeklärt hatte, dass er den Zahn möglicherweise nicht vollständig aus dem Kiefer entfernen kann. Der Patient hat sich auch darüber geärgert, dass am Türschild „Facharzt für ZMK“ angeschrieben steht und er daher von der Annahme ausgegangen sei, beim richtigen Arzt zu sein. Schließlich wurde der Wurzelrest vom Kieferchirurgen in Wien entfernt und obwohl die Operationswunde gut abgeheilt ist, gibt der Patient noch immer Beschwerden submandibulär an. Eine Abklärung soll demnächst erfolgen. Warum stelle ich Ihnen den Fall, in dem ich Sachverständiger bin, jetzt schon vor, obwohl er noch nicht abgeschlossen ist? Der Grund ist, dass es sich um einen Fall handelt, in dem der Patient (Kläger) mir gegenüber im Rahmen der Begutachtung erklärte, dass er sich den Weisheitszahn vom Zahnarzt nicht hätte entfernen lassen, wenn er gewusst hätte, dass dieser ihn nicht vollständig entfernen kann. Diese Aussage beinhaltet, dass sich der Patient (Kläger) eine noch umfangreichere Aufklärung gewünscht hätte als nur jene, dass der Zahn brechen könne. Er meinte ernsthaft, wenn der Zahnarzt die Wurzel nicht entfernen kann, muss er dies vorher (vor Beginn der Behandlung) sagen. Im Übrigen meinte der Patient, dass Zahnentfernungen nur von Kieferchirurgen durchgeführt werden sollten. In seiner emotionalen Stimmung fügte er die Frage hinzu: „Wozu sind sie denn sonst da?“ Diese Äußerungen zeigen deutlich, dass die Anforderungen an die Aufklärung von Seiten der Patienten zum Teil weit überzogen sind und das Berufsbild des Facharztes für ZMK und des Zahnarztes einerseits sowie das des MKG-Chirurgen andererseits in der Bevölkerung nicht differenziert werden können. Hier bedarf es noch standespolitischer Anstrengungen in den Medien, um ein klares Berufsbild zu zeichnen.

Aufklärung unter bestimmten Bedingungen

Dass uns die Aufklärung noch in Zukunft Probleme machen wird, hat die Diskussion am ersten europäischen Medizinrechtstag in Salzburg im Juni 2006 neuerlich gezeigt. Es wurde deutlich, dass die Aufklärung unter bestimmten Bedingungen stattzufinden hat, nämlich in Ruhe, ohne Zeitdruck und unter Wahrung der Intimsphäre der Patienten. Kritisiert wurde, dass es in Krankenhäusern zwar Ärzte und Pflegepersonalbesprechungszimmer gibt, aber keine Räumlichkeiten für das so wichtige Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Patienten. Wenn derartige Gespräche durch Unruhe und Lärm in der Umgebung, telefonische Anrufe und Zwischenrufe des Personals, hin und her eilende Schwestern und Pfleger, sich in der Nähe befindliche andere Patienten etc., gestört werden, kann vom aufzuklärenden Patienten nicht erwartet werden, dass er sich konzentrieren kann.

Patienten nicht immer gleich aufmerksam

Die Rechtsgültigkeit seiner ­Einwilligung in einen chirurgischen Eingriff kann daher hinterfragt ­werden und ist unsicher. Ich kann mich in diesem Zusammenhang an eine Patientin erinnern, die bei Gericht erklärt hat, dass sie zwar vom Arzt aufgeklärt worden war, aber wegen des Lärms in der Ambulanz nichts verstanden habe. An diesem Beispiel ist die Notwendigkeit zu erkennen, mit Patienten/Patientinnen in Ruhe und unge­stört dieses für uns (forensisch) so wichtige Aufklärungsgespräch führen zu können. Ob die genannten Umstände oder andere Ursachen für das Ergebnis der im Folgenden ange­führten Studie verantwortlich sind, ist offen. Faktum ist, dass Herr Dr. Radner an der Augenklinik der Medizinischen Universität Wien folgende aktuelle Studie gemacht und ein verblüffendes Ergebnis erzielt hat. Er führte mit 100 Patienten vor einer geplanten Augenoperation das Aufklärungsgespräch. Nach der Operation ergab die Befragung der Patienten, dass sich nur 15 Prozent von ihnen an wesentliche Inhalte des präoperativen Aufklärungsgespräches erinnerten.

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