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Zahnheilkunde 31. März 2006

Aufklärungspflicht: Alles, was recht ist

Der Kläger, der an heftigen Schmerzen im linken Unterkieferbereich litt, konnte in der Nacht in der Ambulanz der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mittels Lokalanästhesie und Tabletten lediglich schmerzfrei gestellt werden. Er suchte am darauf folgenden Vormittag die Ordination des beklagten Zahnarztes auf. Von diesem wurde nach radiologischer Einzelbildabklärung der – ausgedehnt kariös zerstörte – Zahn 37 als Schmerzverursacher identifiziert. Der Beklagte klärte den Kläger auf, dass neben der Ext­raktion des Zahnes, auch der Versuch einer Wurzelbehandlung als Thera­piemöglichkeit in Frage komme, dass der Erfolg einer solchen Behandlung aber nicht gesichert Erfolg versprechend sei. Dies war zutreffend, weil die mesialen Zahnkanäle im unteren Drittel sklerosiert waren. Der Kläger stimmte darauf der Ext­raktion des Zahnes 37 zu. Grund für die kariöse Läsion des Zahnes 37 war (auch) der dislozierte Weisheitszahn 38, der in seinem distalen Abschnitt ebenfalls eine große kariöse Läsion aufwies. Auch darüber klärte der Beklagte den Kläger auf, vor allem dahingehend, dass auch der Zahn 38 extrahiert gehöre und dass dies im Zuge der ohnehin noch bestehenden Lokalanästhesie auch gleichzeitig gemacht werden könne. Folglich wurden beide Zähne 37 und 38 in einer Sitzung extrahiert. Zur Beseitigung der Schmerzsymptomatik wäre die Extrahierung des Zahnes 38 allerdings nicht unmittelbar erforderlich gewesen, wohl aber in weiterer Folge, weil aufgrund der Schrägstellung dieses Zahnes eine Verwendung als Pfeilerzahn nicht möglich war. Die Extraktion der Zähne 37 und 38 in gleicher Sitzung war somit „lege artis“, zumal es dem Patienten auf diese Weise erspart blieb, in einer weiteren Sitzung neuerlich das Risiko einer Leitungsanästhesie auf sich zu nehmen. Obwohl der Beklagte aufgrund seiner eingehenden klinischen Untersuchung zunächst eindeutig den Zahn 37 als Schmerzverursacher festgestellt hatte, teilte er dem Kläger auch eine ebenfalls vorliegende Beherdung des Zahnes 36 mit und klärte ihn auch über die Behandlungsmöglichkeiten, nämlich Extraktion oder Revision, auf. Im Falle des Weiterbestehens der Schmerzen solle der Kläger wieder in die Ordination kommen.

Konsultation eines anderen Zahnarztes

Als er neuerlich Schmerzen verspürte, suchte der Kläger am folgenden Tag aber einen anderen Zahnarzt auf, der den bereits schlecht wurzelvorbehandelten, massiv beherdeten Zahn 36 einer Wurzelbehandlung unterzog. Lege artis hätte schon der Beklagte auch diesen Zahn, der in der Schmerzambulanz als mutmaßliche Schmerzquelle definiert worden war, entweder extrahieren oder wurzelbehandeln sollen. Da er dies unterließ, entstanden dem Kläger einen Tag lang mittelstarke Schmerzen, aber keine Dauer- oder Spätfolgen. Der Kläger begehrt den Zuspruch von 11.111,68 Euro an Schmerzengeld, Heilungskosten und Verdienstentgang. Als Haftungsgrund macht er mangelnde Aufklärung über die Behandlungsmöglichkeiten der Zähne 37 und 38 durch den Beklagten geltend. Wäre er in einer Art und Weise aufgeklärt worden, dass er die Bedeutung und Tragweite des medizi­nischen Eingriffs und der damit verbundenen Risken verstanden hätte, so hätte er sich für eine konservative, zahnerhaltende Alternativtherapie entschieden. Der beklagte Zahnarzt beantragte Klagsabweisung. Es sei ihm weder ein Kunstfehler vorzuwerfen noch habe er seine ärztliche Aufklärungspflicht verletzt. Der Oberste Gerichtshof (OGH) gab dem Zahnarzt Recht und stellte fest: Für allfällige nachteilige Folgen einer ohne Einwilligung oder ausreichende Aufklärung vorgenommenen Behandlung des Patienten haftet der Arzt selbst dann, wenn ihm bei der Behandlung – wie im vorliegenden Fall (sieht man von der nun nicht mehr verfahrensgegenständlichen Unterlassung der Behandlung des Zahnes 36 ab) – kein Kunstfehler unterlaufen ist, es sei denn, er beweist, dass der Patient auch bei ausreichender Aufklärung in die Behandlung eingewilligt ­hätte.
Aufgabe der ärztlichen Aufklärung ist es, dem Patienten die für seine Entscheidung maßgebenden Kriterien zu liefern und ihn in die Lage zu versetzen, die Tragweite seiner Einwilligung zur Behandlung zu überschauen. Damit der Patient eine echte Wahlmöglichkeit hat, muss der Arzt also über mehrere zur Wahl stehende diagnostisch oder therapeutisch adäquate Verfahren informieren und die Vor- und Nachteile mit dem ­Patienten abwägen. Die dem Patienten durch seinen Zahnarzt hinsichtlich des Zahnes 37 gegebene Information kann keineswegs als unzureichend angesehen werden, zumal der Kläger über die therapeutischen Möglichkeiten informiert und auch das Für und Wider mit ihm abgewogen wurde, wobei insbesondere der unsichere Erfolg einer konservativen Behandlung für die dann vom Kläger gewählte Extraktion des Zahnes sprach.

Überspannung der Aufklärungspflicht

Hinsichtlich des Zahnes 38 lag das Spezifikum vor, dass sich erst nach Extraktion des Zahnes 37 die Notwendigkeit, auch hier eine Ex­traktion vorzunehmen, ergab und auch hier eine konservative Behandlung, abgesehen vom fraglichen Erfolg, wegen der Schrägstellung dieses Zahns weniger empfehlenswert war. Die Annahme eines Aufklärungsdefizits hinsichtlich des Zahnes 38 würde daher ebenfalls eine Überspannung der Aufklärungspflicht bedeuten. Der vom Beklagten dem Kläger gegenüber betonte Vorteil einer Vermeidung des Risikos einer weiteren Leitungsanästhesie überwiegt für das Höchstgericht jenen der Einräumung einer längeren Überlegungsfrist. Da der Kläger ja nur durch Tabletten schmerzfrei gestellt und eine Behandlung der betreffenden Zähne dringlich war, ist für den OGH keine Verletzung der ärztlichen Aufklärungspflicht erkennbar, weshalb der Klage gegen den Zahnarzt nicht stattgegeben wurde.

Mag. E. Kotschy, Zahnarzt 4/2006

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