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Zahnheilkunde 21. Februar 2006

Eine gute Foto- und Modelldokumentation kann einen Rechtsstreit verhindern

Immer wieder wird im Streitfall die Frage gestellt, ob eine Foto- und/oder Modelldokumentation, neben den Röntgenbildern, vorliegt.

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für den Sachverständigen, sondern ganz besonders für den behandelnden Zahnarzt wichtig. Warum? Weil gerade in der Zahnheilkunde die Diagnostik ­weitgehend visuell erfolgt und strukturelle (z. B. Zahnstellung oder Form des Alveolarfortsatzes) sowie die Farbe betreffende Veränderungen in der Mundhöhle beziehungsweise das Erscheinungsbild der Schleimhaut, sich in Form von Fotos und Modellen sehr gut darstellen lassen.

Klinischer Inspektionsbefund nicht ersetzbar

Natürlich kommt der Röntgenaufnahme, die eine klinische Hilfsuntersuchung darstellt, eine do­minierende Rolle in der Zahn­heilkunde zu. Dennoch ist hier festzuhal­­ten, dass keine der aufgezählten Dokumentationsmöglichkeiten (Röntgenbilder, Fotos, Modelle) umfassend ist, sondern jede einzelne Methode lässt, für sich allein angewandt, einiges an Informationen offen. Daraus ergibt sich, dass oft nur die kombinierte Anwendung verschiedener Dokumentationsmethoden eine reale Darstellung der Situation im Mund des Patienten erlaubt. Auch durch noch so viel technischen Aufwand im Rahmen von Hilfsuntersuchungen ist der klinische Inspektionsbefund nicht zu ersetzen.

Patienten die Verunsicherung nehmen

Die digitale Oralkamera gibt uns die Möglichkeit, die Mundhöhle so zu untersuchen, dass der Patient sich selbst wieder erkennt und er von seinem Enoralzustand zu überzeugen ist. Zweifel von Seiten des Patienten an der Diagnostik kommen daher kaum auf. Die Oralkamera hilft eine Verunsicherung des Patienten erst gar nicht entstehen zu lassen, was die Entwicklung von Vertrauen fördert. Daraus resultieren weniger Misstrauen und eine größere Behandlungsbereitschaft der Patienten. Folgender Fall, der bereits an einen Rechtsanwalt übergeben worden war, der von mir ein Pilotgutachten anforderte, wäre ohne gute Foto- und Modelldokumentation eskaliert, das heißt an das Gericht herangetragen worden: Ein minderjähriges Mädchen stand wegen eines frontoffenen Bisses bei einer Kieferorthopädin in Behandlung. Um das Behandlungsziel zu erreichen, war ein Zeitraum von zirka zwei Jahren den Eltern mitgeteilt worden. Die zwei Jahre waren noch nicht vergangen, als die Eltern zur Kariesbehandlung der Tochter einen anderen Zahnarzt aufsuchten. Diesem war das Mädchen bereits von früher bekannt. Über die laufende kieferorthopädische Behandlung informiert, erklärte er den Eltern gegenüber, dass sich an der Ausprägung des offenen Bisses nichts geändert habe. Daraufhin haben die Eltern die Behandlung ihrer Tochter bei der Kieferorthopädin abgebrochen und haben sich an einen anderen Kieferorthopäden gewandt, der derzeit die Behandlung durchführt.

Vergleich des Vor- und Nachbehandlers

Der Fall wurde mir vom Rechtsanwalt der Eltern zur Erstellung eines Pilotgutachtens übergeben. Die Frage an mich lautete, ob die Behandlung, welche die Kieferorthopädin bei der minderjährigen Patientin über mehr als eineinhalb Jahre durchgeführt hat, tatsächlich keine Besserung gebracht hat und ob allenfalls eine Fehlbehandlung, die nur das Kind belastet hat (physische und psychische Schmerzen) und die überdies frustrane Kosten verursacht hat, vorgelegen ist. Nach Begutachtung des Kindes und einem Gespräch mit den Eltern forderte ich alle Unterlagen sowohl von der Vorbehandlerin wie auch vom derzeitigen Nachbehandler an. Umgehend habe ich alle verfügbaren Unterlagen von beiden Zahnärzten erhalten und zwar Röntgenbilder, Fotos und ­Modelle. Aufgrund des vollständigen Dokumentationsmaterials konnte ich eindeutig feststellen, dass es schon durch die primäre kieferorthopädische Behandlung, welche die Kieferorthopädin durchgeführt hat, zu einer Besserung des offenen Bisses gekommen ist und daher kein Behandlungsfehler gegeben war. Der Fall wird daher nicht gerichtlich ausgetragen. Auch hat sich wieder gezeigt, was un­überlegte Äußerungen auslösen können.

Beweismittel aufheben

Aus gutachterlicher Sicht ist es vollkommen klar, dass die Lagerung von Modellen im Laufe einer nicht selten mehrjährigen Behandlungsdauer nicht nur einer spe­ziellen Logistik, sondern auch entsprechender Räumlichkeiten bedarf. Aber jeder, der mit dem o. a. Beispiel konfrontiert wird, muss ­zustimmen, dass es sinnvoll ist, insbesondere in der Disziplin der Kieferorthopädie, Studienmodelle über den Behandlungsbeginn, den Verlauf und das Ende der Behandlung, also einen jeweils aktuellen dreidimensionalen Status, anzufertigen und als Dokumentationsmodelle (Beweismittel) aufzubewahren.

Dankbar für jedes Foto

Noch nach Jahren – die Arzthaftung ist bekanntlich mit Abschluss der Behandlung nicht zu Ende – kann sich dies als sehr vorteilhaft erweisen. Das Gleiche gilt für Fotos, sofern sie von guter Qualität und aus standardisierten Perspektiven aufgenommen sind. Als Gutachter sind wir in höchstem Maße für eine gute Dokumentation dankbar und letztlich ist eine solche zumeist für die/den Zahnärztin/-arzt hilfreich, wie das Beispiel zeigt.

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