zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 17. Februar 2006

Vollnarkose mit Vollversorgung in der Praxis

Wenn der Patient aus Angst eine Behandlung ohne Narkose ablehnt, ist ein mobiler Anästhesist die Lösung des Problems

Manche Patienten lehnen eine Behandlung aus irrationalen Gründen ab. Angst vor dem Zahnarzt, Angst vor den Schmerzen können so stark werden, dass die Betroffenen sich weigern. Schließlich sind auch manche Behandlungen, etwa schwierige Extraktionen oder komplexe Implantate, auch langwierig und für den Patienten unangenehm. Will der Patient von der Behandlung nichts spüren, dann bleibt nur die Vollnarkose. Aber welcher Zahnarzt kann und darf diese in seiner Praxis durchführen? Ein Anästhesist muss her und zwar einer mit guten Fachkenntnissen und guter Ausrüstung. Prim. Dr. Herwig Feik, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Tulln, verfügt über beides. „Bisher sind die Zahnärzte an mich herangetreten, wenn sie bei ihren Patienten mit konventioneller Behandlung nicht weiterkamen“, sagt Feik. „Einige von ihnen, weil sie meine Seite im Internet gesehen haben oder weil sie von zahnärztlichen Kollegen eine entsprechende Empfehlung bekamen.“ Feik ist seit 15 Jahren Facharzt für Anästhesie und leitet seit bald zehn Jahren die Tullner Intensivstation. Vor gut drei Jahren spezialisierte er sich nebenbei auf ambulante Narkosen in Zahnarztordinationen.

Ausstattung wie im Spital

Die Behandlung ist nicht billig, aber die personelle, medikamentöse und apparative Ausstattung kann sich auch sehen lassen. „Ich reise immer in Begleitung einer Assistenz“, erklärt der Primar. „Das ist entweder eine ausgebildete Anästhesiepflegeperson, ein Arzt in Ausbildung oder ein zweiter Facharzt.“ Die apparative Ausstattung besteht aus einem Beatmungsgerät auf neuestem technischem Stand, das auch die Sauerstoffversorgung übernimmt, einer Monitoreinheit, die EKG, O2-Gehalt des Blutes, CO2-Gehalt der Ausatemluft und Blutdruck sowie bei Bedarf die Körpertemperatur des Patienten kontinuierlich und automatisch misst. Feik: „Zur Sicherheit gehört, dass sich die optischen und akustischen Warneinrichtungen dieses Gerätes teilweise gar nicht abschalten lassen.“ Dazu kommen mindestens zwei Motorspritzen und ein Defibrillator für Notfälle.
Für Notfälle sind auch alle gängigen Notfallmedikamente im Arztkoffer dabei. Das Standardregime der Narkose besteht aus Propofol (Diprivan®, Recofol®, Propofol Fresenius® oder Propofol Nycomed®) als Hypnotikum, das sowohl zur Narkoseeinleitung als auch zur Aufrechterhaltung verwendet werden kann. Es wirkt sehr rasch, aber auch sehr kurz, vermittelt angenehme Einschlaf- und Aufwachgefühle und wirkt zusätzlich gegen Brechreiz. Dieser Brechreiz wird nicht selten durch die Schmerzmittel hervorgerufen. Feik verwendet bei kurzen Operationen Alfentanil (Rapifen®), bei Operationen von mehr als 15 Minuten Dauer Remifentanil (Ultiva®). Beide sind starke kurz wirksame Opioide, die der Suchtgiftverordnung unterliegen. Sie führen zu völliger Atemdepression, die Sauerstoffzufuhr muss also über den Tubus gewährleistet werden. Der Vorteil des Medikaments: Die Wirksubstanz ist fünf bis zehn Minuten nach Ende der Verabreichung völlig aus dem Körper verschwunden und kommt auch nicht über Umwege,wie Muskel- oder Fettgewebe wieder in den Blutkreislauf zurück. Feik: „Damit ist auch die Entlassung des Patienten eine halbe Stunde nach Ende der Narkose möglich, denn die Gefahr einer Atemdepression durch das Schmerzmittel ist nicht mehr ge­geben.“ Zudem, so Feik, ist die ­Wirkung von Propofol und Remi­fentanil so stark, dass ein Muskelrelaxans nur zur Intubation notwendig ist. Ist der Tubus gesetzt, wird er durch die anderen beiden Mittel vom Patienten toleriert.

Keine halben Sachen

Tatsächlich sind die Patienten, vor allem Kinder, nur schwer 30 bis 45 Minuten nach Ende der Behandlung in der Praxis zu halten. Sie fühlen sich schon nach 15 Minuten wohl genug, und verspüren – da sie ja vor dem Eingriff sechs Stunden nichts essen und trinken dürfen – meist auch schon Hunger. Der Durst kann noch in der Praxis gestillt werden. Natürlich darf der Patient am Tag der Narkose kein Fahrzeug lenken. Zum Thema möglicher Komplikationen meint Feik: „Ich blicke jetzt auf drei Jahre ambulante Anästhesie mit etwa 500 Vollnarkosen in Ordinationen zurück und bin stolz darauf, dass es bisher keine einzige Komplikation gegeben hat. Ich hoffe, das bleibt auch so.“
Das Rezept dahinter? Feik: „Ich mache keine halben Sachen. Ich mache ganz bewusst keine Sedoanalgesie, keinen Dämmerschlaf, sondern immer nur Vollnarkosen mit Vollversorgung. Dafür garantiere ich dem Patienten einen sicheren Atemweg durch endotracheale Intubation über Nase oder Mund, damit auch nichts in die Lunge gelangt, was dort nicht hingehört. Und ich verzichte auf nichts, auf das ich im Krankenhaus auch nicht verzichten würde – inklusive eben der personellen Ressource, die zwar teuer kommt, aber Sicherheit gibt. Jeder, der mir sagt, er kommt mit weniger aus, geht mit Sicherheit ein höheres Risiko ein.“ Zur Sicherheit für Arzt und Patienten gehören auch die notwen­dige Voruntersuchung und die Aufklärung inklusive Einverständnis­erklärung des Patienten. Feik: „Optimal ist es, wenn der Patient einige Tage vor der Zahnbehandlung zu mir kommt, so dass ich mit ihm ein anamnestisches Gespräch führen und ihn klinisch untersuchen kann. Bei bestimmten Krankheiten oder Medikationen muss der Patient eventuell noch Labor- oder andere Befunde vor dem Eingriff einholen. Bei einem klinisch gesunden Patienten ohne Krankheitszeichen verzichte ich aber darauf. Das ist der Regelfall.“
Manchmal wohnen allerdings Zahnarzt und Patient zu weit von Tulln entfernt für diese optimale Lösung. Feik: „Dann läuft das Vorgespräch über das Telefon, und ich untersuche den Patienten unmittelbar vor dem Eingriff in der Or­dination des Zahnarztes.“ Die Ein­willigungserklärung wird auch ­unmittelbar vor dem Eingriff unter­schrieben, und zwar von Patient, Anästhesist und Zahnarzt. Feik: „Die Erklärung enthält auch den Passus, dass sowohl der Zahnarzt als auch der Anästhesist mit dem Patienten darüber gesprochen haben, dass die Behandlung auch ohne Narkose möglich wäre und der Patient dennoch ausdrücklich auf die Narkose besteht.“

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 10/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben