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Zahnheilkunde 24. Jänner 2006

Vorsorgen: Ja — so früh wie möglich

Im internationalen Vergleich hat Österreich ein großzügiges staatliches Pensionssystem. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der öffentlichen Pensionsaufwendungen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 14,5 Prozent — der höchste Wert innerhalb der EU, volle vier Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt.
Seit 20 Jahren versucht die Politik das staatliche Pensionssystem zu „reformieren“ — im Klartext: Die Leistungen zu vermindern, ohne damit die Bevölkerung zu sehr zu beunruhigen. Solange das Wirtschafts- und Einkommenswachstum ausreichend war, konnte an der Beitragsschraube gedreht werden, ohne allzu große Widerstände auszulösen. Bereits Ende der 70er-Jahre hat sich aber immer deutlicher herausgestellt: Die Zusagen sind zu hoch und können mit zunehmendem Reifegrad des Pensionssystems nicht finanziert werden; das Wirtschaftswachstum ist zu niedrig, um die entsprechende Finanzierung zu sichern (Wachstumsknick 1975) und das Bevölkerungswachstum verringerte sich ab Mitte der 60er-Jahre (Pillenknick) und verschiebt dadurch die demografischen Grundlagen des Systems.

Semper reformanda?

Nach einigen Pensionsreformen schwindet die Hoffnung auf das Erreichen eines stabilen Endpunktes, bei dem die langfristige Finanzierbarkeit gesichert ist. Für das Pensionssystem scheint der Grundsatz des „semper reformanda“ — des andauernden Reformbedarfs — zu gelten, wobei die Richtung jeder neuen Reform eindeutig ist: weniger Leistung der staatlichen Pension.
Interessanterweise haben die Demografen zuletzt ihre Warnungen etwas gemildert: Die Statistik Österreich ging in ihrer Prognose 1999 noch von einem Schrumpfen der österreichischen Bevölkerung um fünf Prozent bis zum Jahr 2050 aus, in ihrer aktuellsten Prognose erwartet sie hingegen im Jahr 2050 eine Bevölkerungszahl, die um knapp zwei Prozent über jener des Jahres 2000 liegt. Grund dafür ist eine Mischung aus leicht erhöhten Geburtenzahlen und erhöhter Zuwanderung (beides entlastend für das Pensionssystem) und weiter verlängerter Lebenserwartung (individuell höchst erfreulich, aber belastend für das Pensionssystem). Zu befürchten ist, dass diese insgesamt gute Nachricht die Politik zur bequemen Handlungsalternative zum „semper reformanda“ verleitet — der Untätigkeit.
Unmittelbarer Reformbedarf besteht noch in drei Bereichen: Erstens bei der weiteren Harmonisierung der Pensionssysteme — ein politisches Minenfeld ersten Ranges. Denn gerade bei der Harmonisierung kann es nicht zu einer Harmonisierung auf den jeweils besten Versorgungsgrad kommen, sondern diese wird überwiegend mit einer Beschneidung der Ansprüche verbunden sein. Zweitens müsste eine Verkürzung des Zeitraums für Parallelrechnungen kommen, denn derzeit ist ein Zeitraum bis 2050 vorgesehen. Zwar werden die Pensionsansprüche nach altem Recht und neuem Recht im Verhältnis der Anspruchsjahre gewichtet, aber wenn die „Baby-Boom-Generation“ ab Mitte der 2020er-Jahre in Pension geht, erhält sie damit immer noch die Hälfte ihrer Pension nach der alten gesetzlichen Regelung. Drittens besteht ein Reformbedarf bei den Invaliditätspensionen, die — wie schon im Zuge der Pensionsreform diskutiert — aus dem Alterssicherungssystem herausgelöst werden sollte. Damit müsste aber auch eine Reform der Invaliditätspension einhergehen, denn eine reine Ausgliederung würde nur die Bezeichnung des Geldtopfes ändern, aus der diese geleistet wird.

Krösus und Habenichts

Die Pensionsreformen hatten zum Ziel, die Höhe der Pension an die jeweils individuell geleisteten Beiträge anzupassen. Das Ergebnis: Wer eine Beschäftigungskar­riere vorzuweisen hat, wie sie im Zeitraum zwischen 1950 und 1985 die Regel war, fährt mit dem neuen System gut: Wer 45 Beitragsjahre und einen kontinuierlichen Verlauf seines Einkommens aufweisen kann, darf mit einer Pension in Höhe von rund 80 Prozent des Letztbezuges rechnen. Und damit seinen Lebensstandard auch in der Pension gesichert sehen. Bei weniger Beitragsjahren oder stark schwankendem Einkommen wird die Pension hingegen deutlich niedriger ausfallen.Wie realistisch ist dieses Idealbild noch? Personen mit längeren ­Ausbildungszeiten und/oder längeren Weiterbildungszeiten werden diese 45 Jahre wohl nur erreichen, wenn sie noch jenseits ihres 70. Lebensjahres im Berufsleben stehen. Und wenn — dank Weiterbildung — dann ein signifikant höheres Einkommen erzielt wird, ­
sinkt die Einkommensersatzrate (in Relation zum Letztbezug) dramatisch ab.

Private Vorsorge: nicht für jeden möglich

Dramatischer sieht es am anderen Ende der Einkommensskala aus: Unterbrechungen aufgrund von Arbeitslosigkeit oder aufgrund mehrerer Kinder lassen sich künftig weit schwerer aufholen als zu Zeiten, in denen die 15 besten Einkommensjahre zur Pensionsbemessung herangezogen wurden. Für diese Personengruppe wird es meist auch nur ein Hohn sein, wenn man ihnen die Möglichkeit der privaten Vorsorge nahe bringt: Dafür wird wohl im Regelfall kein Geld vorhanden sein.
Die private Vorsorge wird in praktisch allen Ländern steuerlich gefördert. Grundsätzlich ist das vernünftig, denn je mehr Personen privat vorgesorgt haben, desto eher sind künftige Anpassungen der staatlichen Pension möglich: Das Wehklagen über Kürzungen der staatlichen Pension steht wohl in unmittelbarem Zusammenhang mit der (relativen) Bedeutung, die diese Kürzungen auf den gesamten Pensionsbezug — staatliche Pension, private Pension, Firmenpension — haben. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die steuerlichen Förderungen für die private Vorsorge ebenfalls Kosten für den Staat darstellen. Verteilungspolitisch macht es natürlich einen riesigen Unterschied, ob der Staat seine Mittel zum Ausgleich von Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Kindererziehung einsetzt oder zur Förderung der privaten Vorsorge. Die Förderungen in der privaten Altersvorsorge wurden durch Begründung der prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge beträchtlich er­weitert. Der interessante Aspekt an diesem Produkt liegt darin, dass es Anleger zwingt, das zu tun, was bei einer langfristigen Vorsorge ­ohnedies sinnvoll ist: nämlich einen hohen Anteil in Aktien zu veranlagen.

Strategien der Vorsorge

Die Strategien der Vorsorge vieler Anleger sind — noch immer — äußerst unprofessionell. Wer von Zeit zu Zeit ein paar Silbermünzen im Wäschekasten versteckt, seine Ersparnisbildung ausschließlich an der möglichen steuerlichen Förderung ausrichtet oder den Beginn der Altersvorsorge mit dem Zeitpunkt festsetzt, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind, braucht sich nicht zu wundern, wenn es letztlich mit der privaten Vorsorge nicht (ausreichend) klappt.
Wer früh beginnt, kann über einen entsprechend langen Zeitraum von 30 oder 40 Jahren auch mit relativ kleinen Beträgen eine ansehnliche private Rücklage schaffen. Als ungefähre Richtgröße gilt: Wer vor dem 30. Geburtstag mit der Altersvorsorge beginnt, muss rund drei Prozent seines Einkommens dafür aufwenden, wer mit 40 beginnt sollte schon den doppelten Anteil einkalkulieren, und wer bis 50 wartet, ist gut beraten, den vierfachen Betrag — rund zwölf Prozent des Einkommens — für die private Altersvorsorge beiseite zu legen.
Hat man im Alter von 30 Jahren bereits ein höheres Einkommen erreicht, muss man jedenfalls mit einer beachtlichen Lücke zwischen der Höhe des Einkommens und der Pensionszahlung rechnen. Sinnvolle Investments zur Abdeckung der Pensionslücke sind für besser verdienende Personen das regelmäßige Ansparen in Aktienfonds und der Abschluss von (fondsgebundenen) Lebensversicherungen. Auf Grund des langen Zeitraums bis zum Pensionsantritt kann bei der Veranlagung ein relativ hoher Aktienanteil gewählt werden: In der Vergangenheit war es jedenfalls so, dass bei sehr langen Veranlagungszeiträumen die Renditeentwicklung bei breit gestreuten Aktieninvestments von keinen anderen Veranlagungen übertroffen werden konnte.

Hohe Belastung im Alter

Spätestens mit 40 sollte planmäßig die Altersvorsorge vorbe­reitet werden: Jedes Jahr, das für den Aufbau der privaten Säule verloren wird, kann man jetzt nur noch durch erhöhte Einzahlungen wettmachen. Leider ist die Altersvorsorge nicht das einzige Thema, das in diesem Alter unter den Nägeln brennt: Steigende Kosten durch heranwachsende Kinder, der Kauf eines Eigenheims, Investitionen in Zusatzausbildungen oder in berufliche Belange belasten das Bud­get oftmals erheblich. Sinnvoll sind ­Lebensversicherungen (mit Absicherung der Familie) und Fondssparpläne mit breiter Anlagestreuung (immer noch bei hohem Ak­tienanteil).
Wer 50 ist und noch nichts für die Altersvorsorge getan hat, hat (gerade noch) ausreichend Zeit. ­
Zu den „defensiven“ Maßnahmen zählt, dass man vorausschauend die künftigen finanziellen Lasten vermindert. Dazu zählt insbesondere die (weitest gehende) Entschuldung von Wohneigentum bis zum Eintritt in den Ruhestand. Ebenso ein Thema ist die Schaffung zusätzlicher Liquidität durch die Übersiedlung in eine kleinere Immobilie, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Zu diesem Zeitpunkt ist ein großes Stück des Berufsweges bereits gegangen und die künftige Entwicklung meist gut einschätzbar; daher sollte man den (voraussichtlichen) Pensionsanspruch berechnen lassen und dann den allfälligen Fehlbetrag zur erwünschten (bzw. benötigten) ­Altersvorsorge möglichst exakt ­ermitteln.
Die Bedeutung der privaten Vorsorge kann kaum überschätzt werden: Ein ganzer Lebensabschnitt wird maßgeblich bestimmt durch rechtzeitig — oder eben nicht rechtzeitig — getroffene finanzielle Weichenstellungen. Wer in der Lage ist, vorzusorgen, sollte dies nicht versäumen.

Werner Szábo, Zahnarzt 1/2006

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