zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 23. November 2005

Wirkung und Eigenschaften von Antibiotika

Die verschiedenen Formen und Schweregrade parodontaler Erkrankungen erfordern individuell angepasste lokale oder systemische Begleittherapien. Ziele der Behandlung sind ein Sistieren der Entzündung und eine Regeneration der geschädigten Gewebe. Bedarf und Voraussetzungen für den Einsatz systemischer Antibiotika wurden bereits im 1. Teil eingehend behandelt. Die Therapie mit Antibiotika erfordert vom Patienten ausreichende Compliance. Unregelmäßige Einnahme oder vorzeitiger Therapieabbruch bei beginnender Besserung beeinträchtigen das Ergebnis und erschweren durch Resistenzbildung bei den verbleibenden Keimen auch künftige therapeutische Maßnahmen. Nebenwirkungen können unter Umständen meist in milder Form auftreten. In seltenen Fällen kommt es allerdings zu massiveren Beschwerden, besonders im gastrointestinalen Bereich oder auf der Haut; hier empfiehlt es sich die laufende Therapie abzusetzen und die Behandlung mit einem Antibiotikum zweiter Wahl (laut Antibiogramm) fortzusetzen. Bei nur mäßiger Entzündung beziehungsweise geringerem Keimbefall des Sulcus besteht auch die Möglichkeit einer lokalen antibiotischen Therapie durch Einbringung des Wirkstoffes über beschichtete Fäden oder haftende Gele in die Zahnfleischtasche. Besonders bei lokalisiertem Befall lassen sich hier gute Erfolge erzielen. Leider ist die Auswahl an lokalen Antibiotika eher gering; es stehen vor allem Metronidazol und Tetracyclin (auch in Kombination mit Cortison) zur Verfügung. Penicilline sollten nicht direkt auf die Schleimhäute aufgebracht werden, da die Gefahr einer Allergisierung gegeben ist. Es sollen nun hier die wichtigsten in der Parodontaltherapie verwendbaren Antibiotika, ihre Wirkungsbereiche und Eigenschaften diskutiert werden.

Clindamycin ...

... ist ein halbsynthetisches Antibiotikum, welches die bakterielle Proteinsynthese hemmt und je nach Art und Ausmaß des Keimbefalls bakteriostatisch bis bakterizid wirkt. Es ist gut resorbierbar und erreicht eine hohe Konzentration in der Sulcusflüssigkeit und im gingivalen Gewebe. Das Keimspektrum ist breit. Bei anaeroben Bakterien und fakultativen Anaerobiern können bei mäßigem Befall gute Ergebnisse erzielt werden; bei hoher Anaerobierdichte (z. B. massiver Prevotella- oder Bacteroidesbefall) kommt es zwar zu einer Keimreduktion, aber nicht zu einer vollständigen Eliminierung. Sehr gut ist die Wirksamkeit bei gemischtem Anaerobier/Kokken-Befall (z. B. ß-hämolysierende Streptokokken) und bei Treponemen/Fusiformen-Gemischen. Clindamycin ist im Allgemeinen gut verträglich; zu ernsten Problemen kommt es nur bei gleichzeitigem Clostridienbefall des Darmes in Form der pseudomembranösen Colitis. Hier muss die Therapie sofort abgebrochen werden und Metronidazol zur Entfernung der Clostridien verabreicht werden.

Metronidazol ...

... ist ein hoch potentes gut gewebsgängiges Chemotherapeutikum, das zweischienig wirkt: nämlich durch die Hemmung der Replikation der bakteriellen DNA und durch Blockade des Glukosestoffwechsels der Keime. Das Wirkungsspektrum ist im rein anaeroben Bereich – es kommt hier auch bei massivem Keimbefall zu einer effektiven und raschen Verbesserung der oralen Situation. Besonders bei Dominanz von schwarz pigmentierten Bacteroidesformen können gute Erfolge mit Keimelimination aus dem Sulcus und Verhinderung weiterer Gewebsverluste erzielt werden. Allerdings ist die Wirkung im fakultativ anaeroben Bereich nur mäßig. Dies muss besonders bei Beteiligung von Actinobacillus actinomycetem-comitans (A. a. c.), der bei der juvenilen Parodontitis und teilweise bei aggressiven Formen der Erwachsenenparodontitis beteiligt ist, beachtet werden. Metronidazol ist hier als alleiniges Therapeutikum nicht ausreichend, da die Metaboliten des Chemotherapeutikums die Keimzahl nur teilweise reduzieren. Metronidazol ist auch als Dentalgel verfügbar und kann bei nur vereinzelten, mäßig infizierten Taschen eingesetzt werden. Bei generalisierter Parodontitis sind die Ergebnisse nicht ausreichend, da es zu einer raschen Rebesiedelung der Taschen aus anderen Nischen der Mundhöhle (Gaumenfalten, Zungenpapillen) kommt und gewebsinvasive Keime nicht vollständig erfasst werden. Bei Metronidazol kann es während der Einnahme zu Nebenwirkungen wie Geschmacksveränderungen (metallischer Geschmack) und Kopfschmerzen kommen. Der Patient sollte unbedingt auf die Unverträglickeit von Alkohol während der Therapie (Antabuswirkung) hingewiesen werden. Metronidazol darf nicht im ersten Trimenon der Schwangerschft gegeben werden und sollte auch später nur bei dringlicher Indikation eingesetzt werden.

Amoxicillin/ Clavulansäure ...

... ist ein Breitbandantibiotikum, wobei das Amoxicillin die bakterizide Wirkung hat. Die Clavulansäure wirkt nur mäßig antibakteriell, schützt aber das Amoxicillin vor der Zerstörung durch bakterielle Betalactamasen. Der Wirkungsbereich liegt vor allem bei Treponemen und grampositiven Kokken, wie ß-hämolysierenden Kokken. Bei koagulasepositiven Staphylokokken, Pseudomonas und vielen atypischen Keimen kann es Resistenzen geben, hier ist ein Sensibilitätstest unbedingt erforderlich. Das Antibiotikum ist gut mit Metronidazol kombinierbar und kann in dieser Form bei akut ulzerierender Gingivitis (ANUG) als Notfallmedikation ohne vorherige Abklärung des Erregerspektrums eingesetzt werden. Danach sollte allerdings eine mikrobiologische Analyse hinsichtlich eines möglichen Pilzbefalls oder verbliebener atypischer Keime durchgeführt werden. Zu Problemen bei der Therapie kann es bei starker Entzündung der Gingiva kommen, da durch die Schwellung des Zahnfleisches die beiden Komponenten des Antibiotikums nicht gleichzeitig am Ort des Geschehens ankommen. Amoxicillin wird teilweise schon vor dem Eintreffen der Clavulansäure durch die Betalactamasen zerstört. Durch das breite Spektrum, besonders im aeroben, grampositiven Bereich, kann es bei längeren oder häufig wiederholten Thera­pien zu Störungen der physiologischen Mundflora kommen. Vorsicht geboten ist bei einer chronischen Salmonelleninfektion, da die Gabe von Amoxicillin/Clavulansäre dann zu massiver Endotoxinausschüttung führt.

Amoxicillin/Ampicillin ...

... sind bakterizide Antibiotika, welche die Mureinsäuresynthese bei der Zellwandbildung der Bakterien hemmen. Sie wirken deshalb besonders auf grampositive Keime (diese haben eine komplexe Zellwand) in der Teilungsphase. Die Aktivität bei Anaerobiern ist nur gering bis mäßig; auch bei atypischen Keimen finden sich häufig Resistenzen (Antibiogramm!). Bei Kombinationstherapien ist darauf zu achten, dass gleichzeitig keine bakteriostatischen Antibiotika gegeben werden, da sie sich sonst die Wirkungen gegenseitig aufheben.

Doxycyclin/Tetracyclin ...

... hemmen die bakterielle Proteinsynthese durch Bindung an die Ribosomen. Das Spektrum ist breit – in der Praxis wird Doxycyclin häufiger verwendet, da es im Gegensatz zu Tetracyclin auch bakterizide Wirkung hat. Bei lokalisierter juveniler Parodontitis sind Doxycyclin beziehungsweise Tetracyclin die Mittel der Wahl. Kontraindiziert sind Tetracycline bei Kindern unter 12 Jahren, da sich der Wirkstoff durch seine hohe Affinität zu Kalzium in Zahn und Knochengewebe einlagert. Gleichzeitiger Genuss von Milch oder die Einnahme von Antazida sollten wegen der abschwächenden Wirkung auf diese Antibiotika vermieden werden.

Gyrasehemmer (Flourchinolone) ...

... entfalten ihre Wirkung über Hemmung der bakteriellen Gyrase, einem Enzym, das die DNA in ihre Superhelixstruktur umwandelt. Gyrasehemmer sind nicht nur sehr gut sulcus- und gewebsgängig, sie können auch im Knochengewebe wirksam werden. Dies ist bei einer Osteomyelitis des Kieferknochens, wie sie zum Beispiel bei Diabetikern mit Parodontalerkrankungen nicht selten vorkommt, von Bedeutung. Das Spektrum umfasst auch atypische Keime (Staphylokokken, E. coli, Pseudomonas, Enterobakterien etc.), wie sie bei lang bestehenden Parodontopathien und bei gleichzeitig bestehenden System­erkrankungen oft auftreten. Gyrasehemmer sind gut kombinierbar mit Metronidazol (bei aty­pischen Keimen und AnaerobierBefall) und können in dieser Kombination auch alternativ zu Amoxicillin/Clavulansäure bei der Ersttherapie einer ANUG eingesetzt werden. Beispiele für Gyrasehemmer sind Ciprofloxacin und Ofloxacin.

Makrolide ...

... haben ein relativ schmales Keimspektrum und einen ähnlichen Wirkungsbereich wie Penicillin. Sie sind im zahnärztlichen Bereich allerdings zu bevorzugen, da sie eine deutlich bessere Sulcusgängigkeit haben. Die Wirkung ist bakteriostatisch und liegt eher im aeroben Bereich. Zum Einsatz kommen Erythromycin, Clarythromycin und Josamycin; Letzteres wirkt auch gegen Actinomyceten und Enterobakterien. Unter Beachtung der notwendigen Vorsichtsmaßnahmen und individueller Gegebenheiten ist der Einsatz von Antibiotika im Rahmen einer Parodontaltherapie ein wichtiger Baustein zur Wiederherstellung der oralen Gesundheit.

Ch. Eder, L. Schuder, Zahnarzt 11/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben