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Zahnheilkunde 9. Dezember 2005

Vom schlechten Umgang mit Daten (Teil 3)

Wer die statistische Kompetenz oder die intellektuelle Redlichkeit von Autoren für selbstverständlich hält, kann massiv in die Irre geführt werden. Auch Begutachter beurteilen Studien nicht immer ganz unvoreingenommen.

In der Vorwoche wurden statistische Begriffe, die häufig in wissenschaftlichen Publikationen oder medizinischen Fachzeitschriften zu finden sind, kurz erklärt. „An sich kann bei den meisten Veröffentlichungen die Statistik auch von Nicht-Statistikern beurteilt und überprüft werden“, so Dr. Trisha Greenhalgh, Autorin des nützlichen Buches „How to read a paper/Einführung in die Evidence-based Medicine“. Generell könne man „massiv in die Irre geführt werden, wenn man die statistische Kompetenz (oder die intellektuelle Redlichkeit) von Autoren für selbstverständlich hält.“ Zur kritischen Beurteilung der statistischen Angaben in Papers schlägt Green­halgh vor, sich einige Fragen zu stellen (siehe Kasten). Darüber hinaus hat Greenhalgh auch verschiedene (nicht ernst gemeinte) Tipps für den „kreativen“ Umgang mit Daten parat, wie zum Beispiel den, alle Daten in den Computer einzugeben und Signifikanztests mit allen möglichen Parametern durchzuführen – dann erhält man sicher auch ein paar signifikante Ergebnisse. Oder Ausreißer, die das Ergebnis stören, einfach zu streichen. Falls die Daten insgesamt nichts hergeben, empfiehlt Greenhalgh, noch eine Subgruppe einzubeziehen, bei der die Intervention eine Wirkung zeigt – etwa chinesische Frauen einer bestimmten Altersgruppe.
Methodische Fehler bzw. manipulierte Daten finden sich auch in renommierten Zeitschriften mit strenger Begutachtung (Peer-Review) der Manuskripte und dementsprechend hoher Ablehnungsquote. Dies ist damit zu erklären, dass Gutachter Fehler übersehen, und dass sie bei befreundeten oder prominenten Arbeitsgruppen dazu neigen, ein Auge zuzudrücken. Kein Wunder also, dass am Peer-Review-System auch Kritik geübt wird. Dazu Prof. DI Dr. Josef Haas, Statistiker an der Geburtshilflich-gynäkologischen Universitätsklinik der Medizinischen Universität Graz: „Ich halte Peer-Reviews für unverzichtbar und in der Regel auch für unproblematisch.“

Immer die gleichen

Eine mögliche Schwäche bestehe darin, dass die Gutachten oft unter Zeitdruck geschrieben werden. Weiters werde oft nicht berücksichtigt, dass man auch zum Reviewen ein Team benötigt. „Manchmal hat man auch den Verdacht, dass immer die gleichen Gutachter mit Reviews betraut werden. Publikationen mit Ergebnissen, die nicht zu den Theorien der Gutachter passen, haben es dann schwer und werden häufig abgelehnt“, so Haas Beim kritischen Lesen von Artikeln sei auch zu bedenken, dass industriefinanzierte Studien dazu tendieren, vorteilhaft für das entsprechende Medikament auszufallen, wie Prof. Dr. Marcia Angell, ehemalige Chefredakteurin des renommierten „New England Journal of Medicine“ und Autorin kritischer Sachbücher, betont.
Zudem beeinflussen Verbindungen zur Industrie auch die Ansichten von Experten. Angell: „Beispielsweise zeigte die Auswertung von 70 Fachaufsätzen über die Sicherheit von Kalziumantagonisten, dass 96 Prozent der Autoren, die zu einer positiven Bewertung gelangten, finanzielle Verbindungen zu den Herstellerunternehmen unterhielten. Unter denjenigen, die sich kritisch äußerten, waren es nur 37 Prozent.“

Placebo-Vergleich

Einer der Tricks, damit neue Medikamente in klinischen Studien besser abschneiden als ältere, bestehe darin, so Angell, dass das Vergleichsprodukt in zu niedriger Dosis oder nicht vorschriftsgemäß verabreicht werde. Letzteres geschah laut Angell in Studien, in denen zwei Antimykotika verglichen wurden. Das Vergleichsmedikament wurde oral verabreicht, was seine Wirkung drastisch verringerte. Eine beliebte Methode sei auch, etwa nur die Ergebnisse der ersten sechs Monate, nicht aber die über einen längeren Zeitraum gewonnenen zu veröffentlichen. Oft werden neue Medikamente überhaupt nur gegen Placebos, aber nicht gegen andere Medikamente getestet. „In den Artikeln werden sie dann aber angepriesen, als seien sie ein großer medizinischer Fortschritt“, kritisiert die Expertin. Angell fordert daher, dass nur Medikamente zugelassen werden sollten, die bereits auf dem Markt befindlichen Produkten eindeutig überlegen sind.

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