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Zahnheilkunde 23. November 2005

Berufsrisiko eines Sachverständigen

Anlass für diesen Artikel ist die Mitteilung eines medizinischen Sachverständigen-Kollegen, dass er nach Erstellung eines Gutachtens im Rahmen eines Gerichtsverfahrens Drohanrufe bekommen hat. Da der Anrufer sich nicht namentlich gemeldet hat, kann er daher nur von einem Verdacht sprechen. Ob es sich wirklich um eine durch das Gutachten betroffene Streitpartei handelte, ist aufgrund des zeitlichen Zusammenhanges zwar wahrscheinlich, aber nicht sicher.Auf die Frage, ob ich auch schon mit Stör- oder Drohanrufen konfrontiert war und wenn ja, wie ich damit umgegangen bin, erklärte ich Folgendes:

Drohung am Telefon

Ich hatte einige Erlebnisse in der Vergangenheit, die mit meiner Sachverständigentätigkeit offenkundig in Zusammenhang zu sehen waren. Unter anderem erinnere ich mich an einen Fall, wo ich ein Sachverständigengutachten nach einer Nasenbeinfraktur bei einer weiblichen Patientin machte. Anamnestisch hat die Frau angegeben, dass sie von ihrem Partner misshandelt wurde und es dadurch zu dieser Verletzung gekommen ist, was ich als „Bericht der zu begutachtenden Person“ in mein Gutachten aufgenommen habe. Einige Wochen nachdem ich das Gutachten an das Gericht geschickt hatte, erhielt ich vom Partner der Verletzten einen Anruf mit der Aufforderung, mein Gutachten dahingehend abzuändern, dass ein Sturz und nicht ein Schlag ins Gesicht die Ursache für die Nasenfraktur war. Als ich antwortete, dass es für mich nicht in Frage kommt, das Gutachten zu ändern, was darüber hinaus auch nicht möglich wäre, da es schon bei Gericht sei und ich mich auch in der Verhandlung nicht von dem abbringen lasse, was ich im Gutachten geschrieben habe, wurde der Anrufer emotional und sprach indirekt Drohungen aus und zwar dahingehend, dass ich mir meine Haltung beziehungsweise Einstellung in der Causa gut überlegen solle, um sie nicht eines Tages zu bereuen. Der Anrufer untermauerte seine Äußerungen (Drohungen) damit, dass er meine Privatadresse kenne und auch sonst gut über mich informiert sei. Zum Abschluss des Te­lefongespräches meinte er noch, „wenn Sie das Gutachten nicht ändern, werden Sie wieder von mir hören beziehungsweise mich persönlich kennen lernen“, und legte auf. Von diesem Vorfall verständigte ich umgehend den verhandlungsführenden Richter. Vom Anrufer hörte ich in der Folge nichts mehr. Ein weiterer Vorfall, der mich betroffen hat, war ein Einbruchsversuch in meine Ordination und eine mehrmalige Beschädigung der drei Sicherheitsschlösser an der Eingangstür der Ordination. In jedem Fall habe ich die Polizei verständigt, wobei ein Täter verhaftet werden konnte. Die Recherche hat ergeben, dass es sich um einen Verwandten einer Streitpartei in einem Verfahren handelte, in welchem ich als Gutachter tätig war. Weiters ist mir noch ein Fall gut in Erinnerung, der ebenfalls einen Bezug zu meiner Gerichtstätigkeit hatte. Es handelte sich um anonyme wiederholte Störanrufe in der Nacht zwischen 2.00 Uhr und 5.00 Uhr früh. Da ich einen Verdacht hatte, konnte ich im Laufe einiger Störanrufe durch gezielte Bemerkungen bewirken, dass sich der Störenfried offensichtlich erkannt fühlte. Die Anrufserie war damit beendet.

Ruhig, sachlich und ­unerschrocken bleiben

Durch derartige Störungen betroffener Kolleginnen und Kollegen kann ich nur den Rat geben, möglichst ruhig, sachlich und unerschrocken zu bleiben und sich, sollten sich die Störungen häufen oder in Drohungen ausarten, an die Polizei oder das Gericht zu ­wenden. Es ist zwar kein großer Trost, aber im Strafgesetzbuch (StGb.) § 84, Abs 2, Z 4 findet sich folgende Textstelle: Eine an einem Sachverständigen während oder wegen der Vollziehung seiner Aufgaben begangene Körperverletzung wird wie eine schwere Körperverletzung bestraft, auch wenn es sich eigentlich nur um eine leichte Körperverletzung handelt. Die Freiheitsstrafe kann bis zu drei Jahren betragen. Damit soll offensichtlich der besonderen Schutzwürdigkeit der Sachverständigen Rechnung getragen werden. Wie die hier beispielhaft aufgezählten Fälle zeigen, ist die medizinische Sachverständigentätigkeit ein mehr oder weniger konfliktgeneigter Beruf, der mitunter nicht ganz risikofrei ist. Dies gilt insbesondere für die Sachverständigentätigkeit bei Strafgerichten, wo die Klientel eine andere ist als in Zivilprozessverfahren. Ständige Angst vor Bedrohung wäre jedoch eine ungünstige Vo­raussetzung, um objektive Gutachten erstellen zu können.

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