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Improvisation war Trumpf: Der Behandlungsraum in Nature care Hospital
© Ocskay Bence/fotolia.com

In Kathmandu startete das Hilfsprojekt.

Ein warmes Willkommen in der „Shree Rastrya Prathmik Bidhyalaya Belsi“ Schule

©  Domic(3)

Die jüngsten Patienten wurden mit Mundhygiene-Hilfsmitteln versorgt.

 
Zahnheilkunde 1. Oktober 2016

Nepal 2016: ein Hilfsprojekt am Dach der Welt

Reportage. 26 Zahnärzte und Zahnmedizinstudenten aus der ganzen Welt trafen sich in Nepal, um die hilfsbedürftigsten Patienten zahnmedizinisch zu versorgen und vor allem die Kinder über Mundhygiene zu instruieren.

„Namaste“ – „Servus“ auf Nepalesisch – hörte ich zum ersten Mal im März 2016. Damals war Nepal für mich immer noch sehr unwirklich, dunkel, schwül und schwer zu greifen. Eine ganz andere, eine „mystische“ Kultur und vielfältige Welt, die ich noch nicht kannte. Nepal, ein Land, das Hinduismus und Buddhismus verbindet. Ein Land, das länger Tageslicht als Stromversorgung hat und kein Leitungswasser. Ein Land, in dem man kaum Gehalt bekommt, aber Lebensfreude und Gastfreundschaft ganz groß geschrieben werden. Friedlich und liebevoll, willkommen in Nepal!

Die Hauptstadt Kathmandu war der erste Treffpunkt für alle 26 Teilnehmer – die meisten Zahnmedizinstudenten, aber auch Zahnärzte aus der ganzen Welt. Alle kamen mit dem gemeinsamen Zielen an, so viele Patienten wie möglich zu versorgen, internationale Kontakte zu knüpfen, neue Behandlungsmethoden kennenzulernen, unsere Erfahrungen mit anderen Kollegen auszutauschen und Kinder in Schulen über orale Hygiene zu unterrichten. Am zweiten Tag des Projektes waren schon alle gut ausgeschlafen und bereit für die Eröffnungsfeier. Dr. Ajay Neupane, Vorsitzende der nepalesischen Zahnärztekammer und Leiter des Sairam Dental Care Zentrums und des gesamten Projektes sowie Rowan Faisal, Zahnmedizinstudentin aus dem Sudan und Präsidentin von Voluntery Work bei IADS (International Association of dental Student) hießen uns herzlich willkommen. Auch das nepalesische Team stellte sich vor. Die Einrichtung Samudayik prakritik chikitsalaya (Nature care hospital) stellte ihre Räumlichkeiten für unser Projekt zur Verfügung. Das Spital befindet sich im Ort Rajahar im Bezirk Nawalparasi, einer der ärmsten Regionen des Landes. Die Einheimischen waren schon vorab gut informiert und über das „Dental Project“ aufgeklärt. Für viele bildete es die einzige Möglichkeit, zahnmedizinisch versorgt zu werden. Und diese wurde genützt: Innerhalb von 5 Tagen wurden über 1.400 Patienten versorgt.

Improvisation groß geschrieben

Ungefähr 30 Minuten dauerte die Fahrt von unserem Hotel zum „Nature care“ Spital. Lang genug, um noch ein paar Brocken Nepalesisch zu lernen. „Mero nam Danijel ho, timro nam ke ho“ oder „Ich heiße Danijel, wie heißen Sie/du“, war die erste Aufgabe und der Satz den ich hundertmal in meinem Kopf wiederholte. Je näher wir zum Spital kamen desto mehr Elan und Tatendrang verspürte ich.

Das Spital, die Mitarbeiter sogar die Patienten hatten sich regelrecht für uns herausgeputzt. Das „Nature care“ Spital ist ein L-förmiges, insgesamt ca. 500 Quadratmeter umfassendes einstöckiges Ziegelhaus mit einem wunderschönen Innenhof, Badmintonspielplatz und mit einer kleinen Mensa. Behandlungsräume gab es im engeren Sinne des Wortes keine. Ein improvisierter Eingriffsraum mit Teppichboden und Hängeventilator und ein paar kleine, wenig Licht spendende Fenster mussten reichen. Therapiemöglichkeiten gab es nur drei: Zahnextraktion, Zahnsteinentfernung und die Füllungstherapie. Die Patientenaufnahme befand sich im Innenhof des Spitals. Nach der Anmeldung saßen die Patienten auf dem Boden und warteten darauf, über Lautsprecher aufgerufen zu werden.

Nach dem Betreten des Eingriffsraumes wurde bei jedem Patienten von zwei nepalesischen Zahnärzten eine Erstuntersuchung durchgeführt. Diese umfasste eine Anamnese sowie intra- und extraoralen Status. Der Behandlungsplan wurde auf einen Zettel in englischer Sprache geschrieben, und nun konnte es für die Patienten weitergehen. Der ganze Behandlungsraum wurde auf sechs Stationen aufgeteilt.

Die erste Station galt dem „Dental Check“, der Erstuntersuchung, gleich daneben lag die zweite Station mit Antibiotika, Schmerzmittel und Mundhygiene-Hilfsmitteln (Zahnbürsten, Zahnpasta). Die Dritte Station war mit Allgemeinärzten besetzt. Dort wurde jedem Extraktionspatienten vor dem Eingriff der Blutdruck gemessen. Des weiteren gab es noch drei Behandlungsstationen für Extraktionen, Zahnsteinentfernung und die Füllungstherapie.

Alle Projekt-Teilnehmer wurden auf drei verschiedene Teams aufgeteilt, je nach Therapiewunsch und Erfahrung. Die Behandler hatten nach einer Rücksprache die Möglichkeit, von einer zur anderen Station zu wechseln. Von 9:00 Uhr in der Früh wurden die Patienten durchgehend bis 19:00 behandelt. In den kurzen Pausen für die Behandler gab es landestypische Gerichte zur Stärkung. So wurde zum Beispiel. „Dalvat“ serviert, die traditionelle nepalesische Kost, welche von den Einheimischen mit den Fingern der linken Hand gegessen wird. Wasser gab es nur aus der Flasche und dazu etwas frische Milch nach der Hauptspeise.

Stirnlampe und Bein’scher Hebel

Da im Spital nur bei Tageslicht gearbeitet wurde, war eine Stirnlampe ein unerlässliches Hilfsmittel. Patienten saßen in Gartenstühlen aus Plastik vis a vis den Fenstern. Jeder Behandler hatte einen nepalesischen Assistenten an seiner Seite, der sowohl als Helfer als auch als Dolmetscher diente.

Für Extraktion gab es insgesamt 10 Gartenstühle. Für Zahnsteinentfernung und Füllungen gab es jeweils zwei Liegestühle, zusätzlich zwei mobile Einheiten, um Zähne für die Füllungstherapie präparieren zu können. Die mobilen Einheiten waren Spenden. Der einzige Nachteil: Man konnte sie nur solange verwenden, solange es Strom gab. Ohne Strom waren sie nutzlos. Alle anderen Verbrauchsmaterialen wurden von der Teilnahmegebühr gekauft. Meine erste Station war die Zahnextraktion. Ich war noch nicht einmal richtig angekommen, schon standen vor mir die ersten Patienten. Ein paar Minuten benötigte ich noch um einen nepalesischen Assistenten zu finden sowie den Tisch mit aufgezogenen Anästhesien und anderen Werkzeugen wie Hebel und Zangen.

Die ersten zwei, drei Fälle waren nicht kompliziert. Meist handelte es sich um die Wurzelreste im Molarenbereich oder parodontal erkrankte Zähne mit Mobilitätsgrad zwei und drei. Bei einer scheinbar einfachen Extraktion eines stark kariös zerstörten 36ers brach mir die Krone ab, und die noch zusammenhängenden Wurzeln bewegten sich kaum. Von einer maschinellen chirurgischen Wurzeltrennung mit einer Fräse konnte ich nur träumen. Ich bat den ersten der nepalesischen Ärzte in meiner Nähe um Hilfe. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass es sich dabei um Ass. Prof. Dr. Pranay Sakaya, den Leiter der MKG-Abteilung in „People’s Dental College & Hospital“ in Sorhakhutte, Kathmandu handelte. Diese wendete die sogenannte – und hier gängige – „Klopf“-Technik zur Wurzeltrennung an. Ein zarter Bein’scher Hebel wird an die buccale Knochenlamelle an der Verlängerung der Wurzelfurkation gelegt und mit dem Griff eines zweiten Bein’schen Hebels wird so lange draufgeklopft, bis der erste in der Furkation gerammt worden war. Dieser wird dann gegen den Uhrzeigersinn gedreht, bis die zwei Wurzeln getrennt sind.

Durch die weitere Drehung des Hebels wird meistens schon die distale Wurzel herausluxiert und die mesiale in weiterer Folge mit einem Kryer Hebel/ Kralle über die distale Alveole herausgenommen. Die leere Alveole wird nochmals kontrolliert und mit einem scharfen Löffel ausgekratzt. Zuletzt wird der Patient mit einem Aufbisstupfer versorgt und über das postoperative Verhalten aufgeklärt. Ich bedankte mich bei Dr. Pranay für diese eindrucksvolle Demonstration sowie bei unserem Patienten, der die ganze Behandlung ohne einen Mucks über sich ergehen ließ. Bis Ende des Projektes extrahierte ich selbst noch viele Zähne mithilfe der „Klopf“ Technik.

Besuch der Schule

Nicht nur die erwachsenen Patienten, auch die Kinder wurden im Dental Camp behandelt. Generell waren die Patienten sehr dankbar und tapfer. Und nicht nur sie. „Es war eine Ehre so viele engagierten Zahnmediziner aus der ganzen Welt zwecks freiwilligen Arbeitens in Nepal zu haben“, zeigte sich Dr. Ajay Neupane, der nepalesische Leiter des Projektes begeistert. „Dental Projekt Nepal 2016 ist aus verschiedenen Perspektiven ein großer Erfolg. Ich möchte mich noch einmal bei allen Teilnehmern für die Bemühungen, Kooperation und neuen Freundschaften bedanken.“

Der schönste Teil des Projektes war der Besuch der „Shree Rastrya Prathmik Bidhyalaya Belsi“ einer Schule im Dorf Belsi, im Bezirk Suarha. Trotz de höchsten Feiertages im Land (Geburtstag der Götter Shiva und Holy) kamen über 500 Kinder von der ersten bis zur achten Schulstufe in die Schule um sich eine Zahnbürste und Zahnpasta zu holen und wurden gleichzeitig – und vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben– über richtige Mundhygiene instruiert. Am Ende des Tages wurde Fußball gespielt, Nationallieder gesungen und Folklore getanzt.

Im Programm der Veranstalter waren noch zwei Workshops für die Teilnehmer geplant: „Chirurgische Nahttechniken“ und „Endodontie mittels Endomotor“. Das „social program“ bestand aus verschieden Aktivitäten, verteilt n der Region, bei denen man genießen konnte, was einem dieses herrliche Land zu bieten hatte. Während dieser arbeitsfreien Zeit hatten die Teilnehmer die Möglichkeit sich noch besser kennenzulernen und nach dem Dental Camp ein bisschen zu erholen.

Danijel Domic ist Student ander Universitätszahnklinik Wien und freier Mitarbeiter des Zahn Arzt

Dental Projekt Nepal

Info

„Dental Projekt Nepal“ ist das zweite Hilfsprojekt organisiert von der „Sairam Dental Care“ Zahnklinik unter der Leiteng des Präsidenten der nepalesischen Zahnärztekammer, Dr. Ajay Neupane und „IADS“ (International Association of dental students), dem größte Netz Zahnmedizinstudierender weltweit. In den ärmsten Regionen des Landes wurden innerhalb von zwei Wochen über 1.400 Patienten behandelt, sowie über 500 Schulkinder mit Mundhygiene-Hilfsmitteln versorgt und über richtige Mundhygiene instruiert. Alle Zahnmedizinstudenten und Zahnärzte weltweit hatten die Möglichkeit, an dem Projekt teilzunehmen.


Danijel Domic

, Zahnarzt 10/2016

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