zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 30. Jänner 2006

Physiotherapie bei Kiefergelenkbeschwerden

Bei der Behandlung von PatientInnen mit Kiefergelenkbeschwerden kann die Physiotherapie eine wichtige Rolle spielen. Daher führte der ZAHNARZT ein Interview mit dem Therapeuten Robert Kriz.

Könnten Sie bitte die PatientInnen, die zu Ihnen kommen, kurz charakterisieren?
Kriz: Die Patienten werden hauptsächlich von Kieferorthopäden und Kieferchirurgen zu mir überwiesen. Sie leiden vor allem an einer Subluxation des Kiefergelenks, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Die Physiotherapie wird meist an Stelle oder vor einer Operation durchgeführt, seltener nach einer Operation. Im letzteren Fall geht es darum, die neue Form nicht zu überlasten und die Funktion zu ändern. Nicht vergessen werden darf, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Kopf-, Nacken- und Kiefergelenkschmerzen gibt. Eine Hypomobilität der oberen Halswirbelsäule hebelt oft am Kiefergelenk.

Wie sieht Ihre Vorgangsweise als Physiotherapeut genau aus?
Kriz: Wichtig ist zunächst, dass der Patient seine Sicht des Problems schildert, auch wenn diese ganz anders aussieht, als die des behandelnden Arztes, der vielleicht darauf fokussiert ist, dass keine strukturellen Veränderungen vorhanden sind. Zu berücksichtigen ist weiters, dass Kiefergelenk und Halswirbelsäule fragil sind und dass strukturelle Schäden bestimmte Therapien unmöglich machen. Zum Einsatz kommen vor allem passiv-manuelle Techniken zur Mobilisierung des Kiefergelenks. Dabei ist auch die Wirbelsäule (bis Th 4) von großer Bedeutung. Generell arbeite ich vor allem mit dem Manualtherapie-Konzept nach Maitland. Natürlich kommen auch Weichteiltechniken (Massagen) zur Anwendung. Wichtig ist, eine Schmerzreduktion zu erzielen und so dem Patienten aus dem Kreislauf von Schmerz und Verspannung herauszuhelfen.
Um Veränderungen beim Gebrauch des Kiefergelenks zu erzielen, muss man sich zunächst ansehen: Wie öffnet der Patient/die Patientin den Mund, wie hält er/sie den Kopf, welche Muskeln sind verkürzt, welche inaktiv. Ziel ist, eine Balance der Spannungsverteilung zu erreichen; weh tut, was zu viel Spannung verursacht. Neue, mechanisch günstigere Bewegungsmuster müssen häufig wiederholt werden, damit das alte Muster gegen das neue ausgetauscht wird. Die physiotherapeutischen Therapien werden in Kombination mit Aufbissschienen, Kieferregulierungen aller Art und chirurgischen Eingriffen eingesetzt.

Welche Techniken kommen noch zur Anwendung?
Kriz: Hier ist vor allem die Wärmetherapie (etwa Packungen aller Art) zur Entspannung überspannter Muskulatur zu nennen. Rotlichtlampen werden vor allem im Bereich der Halswirbelsäule eingesetzt. Die Kiefermuskulatur ist dafür zu klein, da wird gleich der gesamte Kopf aufgeheizt. Kältetherapie kommt nur für akute Reizzustände in Frage. Kälte im Gesicht mag fast niemand, auch die Gesichtsnerven haben Probleme damit.
Elektrophysikalische Maßnahmen kommen selten zum Einsatz, da Gesicht und Hals sehr empfindlich sind. Mit TENS habe ich gute Erfahrungen als Schmerzverdecker gemacht, allerdings sind die Patienten von Elektroden im Gesicht nicht sehr begeistert. Man kann TENS auch zur Bewegungskontrolle verwenden, das heißt, der Patient spürt das Gerät (in leicht unangenehmer Weise) nur, wenn eine bestimmte Position – meist eine passive Hängestellung – aufgesucht wird. Dieses (Bio-)Feedback kann weiters auch auf optischem oder akustischem Wege gegeben werden.

Welche Muskeln sind bei Ihren Patienten vor allem verspannt?
Kriz: Vorauszuschicken ist, dass Muskeln nicht sehr intelligent sind, sie reagieren einfach reflexartig. Oft sind jedenfalls die Extensoren an der Halswirbelsäule verspannt, was etwa zu Schmerzen im Trigeminus-Dermatom, zu Sehstörungen oder Tinnitus führen kann. Auch Masseter, Mundbodenmuskulatur, Musculi scaleni und der Musculus sternocleidomastoideus sind häufig verspannt. Hingegen findet sich bei den Halsflexoren meist eine Hypotonie. Generell sind Kiefer- und Nackenmuskulatur bekanntlich sehr stressanfällig. Ideal wäre es, die Hauptursache für den psychischen Stress zu bekämpfen. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen, immer dann, wenn man einen Pathomechanismus nicht versteht, alles auf die Psyche zu schieben.

Spielt die Physiotherapie im Bereich der Zahnmedizin die Rolle, die ihr gebührt?
Kriz: Generell ist der Betätigungsbereich für Physiotherapeuten im letzten Jahrzehnt größer geworden; er könnte aber durchaus noch größer sein. Während zum Beispiel der orthopädische Chirurg heute sehr genau weiß, was der Physiotherapeut leisten kann (und umgekehrt), ist dies etwa im Bereich der Kieferchirurgie noch nicht der Fall. Dabei ist das Kiefergelenk, das von der Anatomie her als Mischung aus Knie- und Hüftgelenk angesehen werden kann, physiotherapeutischen Maßnahmen gut zugänglich. Zudem sind Subluxationen sehr häufig, viel häufiger als Probleme, die nur chirurgisch gelöst werden können. Die Physiotherapie kann weiters auch präventiv eingesetzt werden, wenn man noch nicht genau weiß, welcher Faktor in welchem Ausmaß zu den Beschwerden beiträgt. Bissfehlstellungen kann ich freilich nicht ausgleichen.
Wichtig ist, dass der behandelnde Arzt die Situation differenziert betrachtet und beispielsweise nicht davon ausgeht, dass jedes Problem chirurgisch anzugehen ist. Man neigt natürlich dazu, vielschichtige Probleme einfach mit dem eigenen Handwerkszeug zu behandeln. Wie heißt es doch so schön: Man kann nur die Fische fangen, für die man einen Köder hat.

Wo lernen Physiotherapeuten, wie bei Kiefergelenkbeschwerden vorzugehen ist?
Kriz: Die Behandlung des Kiefergelenks ist eine relativ hoch spezialisierte Angelegenheit, die in der Physiotherapie-Grundausbildung kaum vorkommt. Allerdings werden entsprechende Post-Graduate-Ausbildungen in zunehmendem Maße auch in Ös- terreich angeboten. Ich musste meine Ausbildung noch in der Schweiz absolvieren.

Welche Zustände sind eher leicht, welche eher schwer zu behandeln?
Kriz: Relativ einfach zu behandeln sind (akute) Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäule und des Kiefergelenks. Für die Patienten ist es eine spektakuläre Erfahrung, wenn nach ein paar Minuten wieder eine normale Funktion gegeben ist. Hingegen gelingt es bei Kiefergelenkarthrosen kaum, völlige Beschwerdefreiheit herbeizuführen. Zu bedenken ist auch, dass bei Gelenkinstabilitäten eine komplette Änderung der Bewegungssoftware nötig ist. Hier hängt der Erfolg stark von der Compliance der Patienten und ihrer Bereitschaft zum Üben ab.

Wie sehen Ihre Wünsche an die zuweisenden Ärzte aus?
Kriz: Für mich ist vor allem von großer Bedeutung zu wissen, was der Patient nicht machen darf. Generell wünsche ich mir möglichst viele Informationen über den Patienten. Selbstverständlich sollte auch eine entsprechende Rückmeldung des Physiotherapeuten an den Zuweiser erfolgen. Manchmal ist aber keine Rückmeldung möglich, weil die Patienten etwa aufgrund zu großer Distanzen oder des unüberschaubaren medizinischen Angebots den Weg zu mir nicht finden.

Kontakt:
Robert Kriz, Wahl-Physiotherapeut
Sandwirtgasse 10/Haus 2/4, 1060 Wien
Tel: 01/597 34 95; 0699/114 08 538
www.physio-kriz.at

Dr. Peter Wallner, Zahnarzt 8/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben