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Zahnheilkunde 30. Jänner 2006

Gingivitis und Parodontalerkrankungen des Kindes- und Jugendalters – Teil 1

Neben Karies zählen Zahnfleischentzündungen zu den häufigsten oralen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Symptome wie Gingivaschwellung, Rötung, Zahnfleischbluten und manchmal auch Schmerzen sind Alarmsignale und veranlassen die Eltern der betroffenen Kinder, diese zum Zahnarzt zu schicken. Hier muss zunächst eine Unterscheidung zwischen den glücklicherweise relativ seltenen destruktiven, rasch fortschreitenden „early onset”- Parodontopathien mit charakteristischen Symptomen und Keimspektren und einer weit häufigeren banalen „Schmutzgingivitis” getroffen werden.

Gingivitiden rasch behebbar

Die durch Plaqueretention aufgrund mangelnder oder insuffizienter Mundhygiene auftretenden Gingivitiden sind meist durch Beseitigung der Ursache (Plaqueentfernung) rasch zu beheben. Im Röntgenbild zeigt sich hier noch kein sichtbarer Knochenabbau. Das bindegewebige Attachment ist intakt und die in der entzündlichen Phase durch ödematöse Schwellung des Zahnfleisches auftretenden Pseudotaschen gehen nicht mit Gewebsverlust einher.

Gründliche Zahnreinigung und Einhaltung der zahnärztlichen Pflegeinstruktionen (für Kinder und Eltern!) helfen mit, bleibende Schäden zu vermeiden. Besonders wichtig ist richtige Zahnhygiene in der Pubertät. Hier kommt es, bedingt durch die hormonellen Umstellungen, zu oft massiven Entzündungen. Bei Keimanalysen zeigt sich, dass gerade typische, mit Parodontitis assoziierte, meist anaerobe Keime, wie Prevotella intermedia, Porphyromonas gingivalis, Treponema denticola, Campylobacter und Fusobakterien in großer Dichte am Gingivarand und in den Pseudotaschen nachweisbar sind. Diese deutliche Verschiebung von einer grampositiven kokkendominierten Mikroflora zu einer komplexen gramnegativ- anaeroben Population ist beim Jugendlichen bei intakter epithelialer Barriere noch voll reversibel – ein kurzzeitiger Übergang zu einer destruktiven Parodontalerkrankung ist selten.

Auch hier gilt: Verbesserung der täglichen Munhygiene, regelmäßiger Zahnarztbesuch mit professioneller Zahnreinigung und Konkremententfernung beugt späteren schwerwiegenden Folgen vor. Eine systemische antibiotische Begleittherapie ist bei Jugendlichen meist vermeidbar, besonders wenn nach der erfolgten mechanischen Reinigung eine Normalisierung des Keimspektrums eintritt. Allerdings kann es bei langfristiger Vernachlässigung der Mundhygiene und bei Hinzutreten anderer Faktoren wie z. B. Schwächung der Immunabwehr durch Infektionen, auch bereits im Jugendalter zu einer Chronifizierung der Entzündung kommen. Damit wird der Grundstein für eine spätere Erwachsenenparodontis gelegt.

Problematischer wird die Situation, wenn gingivale Entzündungen in Kombination oder parallel zu schweren systemischen Erkrankungen auftreten. Hierzu zählen Stoffwechselerkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ 1 ebenso wie kongenitale CVIDs (Common variable immundefiency), bei welchen spezifische Immunglobuline nicht oder kaum synthetisiert werden können.

Internistisch-immunologische Abklärung

Neben recurrenten Infektionen des Respirationstrakts, gastrointestinalen Erkrankungen etc., kommt es meist auch zu oralen Manifestationen, wie lichenoiden Schleimhautläsionen und schweren Entzündungen, welche sich nicht selten als nekrotisierende ulzerative Gingivitis präsentieren. Auch jede andere Beeinträchtigung der lokalen und/oder der systemischen Abwehr, wie etwa Neutropenien oder Therapien mit Immunsuppressiva oder Zytostatika, führen zu einem aggressiven Verlauf oraler Infektionen. Eine internistisch-immunologische Abklärung des Defekts samt Therapie (z. B. Ig-Infusionen) steht hier selbstverständlich im Vordergrund.

Daneben können aber zahnärztliche Interventionen wie plaquereduzierende Maßnahmen (z. B. Chlorhexidinspülungen) die Keimzahl senken und hilfreich unterstützend für das Wohlbefinden des jungen Patienten wirken. In jedem Fall sollte das Keimspektrum sorgfältig überwacht werden, um frühzeitige Interventionen zu ermöglichen und damit häufige Entzündungsschübe mit Gewebsabbau zu vermeiden.

Mundhygiene bei mental retardierten Kindern

Ein weiterer Problemkreis ist die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit mentaler Retardierung. Hier ist an sich schon viel Geduld und Einfühlungsvermögen seitens des Zahnarztes und des zahnärztlichen Personals sowie Unterstützung durch die Eltern gefordert. Hinzu kommt, dass gerade in dieser Gruppe, besonders bei Kindern mit Down-Syndrom, bedingt durch die Grunderkrankung, häufig schwere Zahn- und Zahnfleischerkrankungen vorliegen.

Eine Dysfunktion der polymorphkernigen Leukozyten sowie die oft nur schwierige und dann nur mangelhaft durchgeführte Zahnpflege, führen schon früh zu schweren Entzündungen, parodontalem Abbau und letztlich zum Zahnverlust. Eine neuere Studie hat gezeigt, dass bei mäßig retardierten Kindern durch gezielte Schulung, Anleitung und Erfolgskontrolle durch psychologisch geschultes Personal gute Erfolge erzielt werden können. Immerhin gelang eine deutliche Reduktion der Plaque und der gingivalen Erzündung (Plaquescorereduktion von 1,93 auf 0,95 und Gingivascore von 2 auf 0,83). Bei hoher Retardierung und undurchführbarer mechanischer Zahnreinigung empfiehlt sich die Verwendung chemischer Antiplaquemittel.

Parodontitis als Gefahr für herzkranke Kinder

Bakteriell bedingte gingivale Entzündungen und parodontale Infektionen können unter bestimmten Voraussetzungen akut die Gesundheit gefährden. Dies gilt vor allem für Kinder mit kongenitalen Herzvitien. Oftmals wird die Gefahr einer durch orale Infektionen bedingten Endokarditis unterschätzt. Die Eltern der betroffenen Kinder sind in vielen Fällen nur unzureichend über diese Risiken informiert. Eine deutsche Studie belegt, dass sowohl auf dem Gebiet der Elterninformation als auch hinsichtlich der zahnärztlichen Überwachung dieser Patienten großer Nachholbedarf besteht. So fand sich bei immerhin 35 Prozent der herzkranken Kinder ein schlechter Zahn- und Gingivazustand, bei 17 Prozent eine hohe Kariesrate und bei acht Prozent eine schwere Gingivitis. Engmaschige zahnärztliche Überwachung, Plaquekontrolle und Einhaltung einer entsprechenden Antibiotikaprophylaxe bei notwendigen therapeutischen Eingriffen sind hier unerlässlich.

Dr. Ch. Eder, Dr. L. Schuder, Zahnarzt 5/2004

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