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Gratis? Nur für Kinder mit massiven Zahnfehlstellungen ist die Zahnspange wirklich kostenlos.
 
Zahnheilkunde 2. September 2016

„Die einen bekommen alles, andere gar nichts“

„Gratiszahnspange“. Die ersten Zwischenbilanzen sind geschrieben – und sie fallen höchst unterschiedlich aus: Die Sozialversicherung spricht von einem „großen Erfolg“, der Verband der Kieferorthopäden von einer „mangelhaften Umsetzung“, die Zahnärztekammer von „gebrochenen Versprechungen“.

Für den Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger ist die „Gratiszahnspange“ also wenig überraschend „ein voller Erfolg“. Das im Vorjahr gestartete Leistungspaket für mehr Zahngesundheit sei von den Betroffenen „ausgezeichnet aufgenommen worden“, schreibt dessen Vorstandsvorsitzende Mag. Ulrike Rabmer-Koller in einer Aussendung. Als Beleg dafür legt sie selbst erhobene Daten vor. Demnach wurden alleine im zweiten Halbjahr 2015 über 31.000 Leistungen inklusive Beratung und IOTN-Feststellungen mit den Krankenkassen abgerechnet, von diesen rund 28 Millionen Euro dafür aufgewandt.

Der überwiegende Teil davon (knapp 24 Millionen Euro) entfiel dabei auf Kieferregulierungen mit festsitzender Zahnspange. Von den Zahnärzten mit entsprechender kieferorthopädischer Zusatzqualifikation wurden in dem Zeitraum 12.000 Leistungsfälle abgerechnet. Aus Sicht von Rabmer-Koller stellen damit „die gemeinsam mit der Österreichischen Zahnärztekammer vertraglich fixierten Regelungen sicher, dass jeder, der eine entsprechende Behandlung einer Fehlstellung benötigt, diese auch erhält“.

Kammer gegen Zweiklassenmedizin

DDr. Claudius Ratschew, Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer, bestätigt auf Anfrage der Redaktion zwar, dass die Kammer das Konzept der Gratiszahnspange „grundsätzlich befürwortet“, weil es „zumindest für Kinder mit besonders starken Fehlstellungen eine notwendige Leistung anbietet“. Aber „ganz so mit rosaroter Brille wie die Vorsitzende des Hauptverbandes sehen wir das nicht. Denn in der Praxis sieht das alles etwas anders aus als in den Zahlenreihen und Bilanzen des Hauptverbandes.“

Durch die bestehende Gesetzeslage und Art und Weise, wie „die Politik ihr Wahlzuckerl umgesetzt hat“, sei vielmehr eine neue Zweiklassenmedizin unter Kindern geschaffen worden, kritisiert Ratschew, nämlich solche Kinder, die eine Zahnspange kostenlos bekommen und eine sehr viel größere Gruppe, die jetzt gar keine mehr bekommt. Bedauerlicherweise werde das Gesetz nämlich „von einigen Chefzahnärzten mancher Sozialversicherungsträger dazu benutzt, die bisher abnehmbare Zahnspange bei geringeren Fehlstellungen zu verweigern“, auch wenn eine Regulierung bei IOTN Stufe 3 medizinisch absolut notwendig sei. Als Beispiele nennt Ratschew die Wiener und NÖ Gebietskrankenkassen, wo Anträge mittlerweile nur mehr in zwei bis drei Prozent der Fälle bewilligt würden: „Man kann in diesem Fall also sagen: Die abnehmbare Zahnspange wurde de facto abgeschafft.“

Diese Vorgangsweise widerspräche „allen Vereinbarungen und Versprechungen, die im Vorfeld gemacht wurden“, ärgert sich Ratschew. Darin hätten Ministerium und sämtliche Kassen nämlich schriftlich versichert, dass sich durch die Gratiszahnspange an der bisherigen Praxis nichts ändern werde. Das aber sei nicht der Fall.

Die Argumentation mancher Kassenvertreter, bei der abnehmbaren Spange handle es sich um eine veraltete Technologie, weist Ratschew zurück: „Das stimmt so nicht, kann nur auf mangelndes Wissen oder bewusste Falschinterpretation mancher Chefzahnärzte zurückzuführen sein, um ihren Kassen Geld zu ersparen.“

Aus Sicht der Kammer sei es jedenfalls nicht akzeptierbar, dass einzelne Sozialversicherungsträger Kindern Leistungen vorenthalten, hält Ratschew fest: „Ich erwarte mir sowohl von der Politik als auch von der Sozialversicherung, dass Vereinbarungen, Absprachen und Verträge eingehalten werden. Was ich nicht toleriere ist, dass sich Obleute von bestimmten Gebietskrankenkassen hinter den verantwortlichen Chefzahnärzten verstecken und sich zu berechtigter Kritik nicht einmal äußern. Das ist sozial unerträglich.“ Die Kammer tritt dafür ein, möglichst vielen Kindern alles zu erstatten, was sie aus medizinischen Gründen benötigen.

Damit solche medizinischen Gründe möglichst selten auftreten, fordert die Kammer außerdem verbindliche Zahnuntersuchungen bereits im Mutter-Kind-Pass, „um Initialschädigungen zu vermeiden, die später Zahnspangen erforderlich machen“, meint Ratschew abschließend. „Und dass auch nach 60 Jahren noch immer keine Kinderzahnheilkunde in den Kassenverträgen vorkommt, das ist ohnehin ein Skandal.“

Selbstbehalte für Besserverdienende

Auch für den Verband Österreichischer Kieferorthopäden (VÖK) ist das Fehlen einer sozialen Staffelung das allergrößte Manko des aktuellen Leistungspakets. Eine Lösung, wonach „ein Drittel der Betroffenen hoch erfreut ist, weil sie alles oder zumindest sehr viel an Zuschuss bekommen, zwei Drittel dafür wenig oder im ungünstigsten Fall gar nichts“, könne keine wünschenswerte Lösung sein, sagt VÖK-Präsident DDr. Martin Brock. In Wien etwa bekommen Kinder mit Stufe 3 aktuell „laut Medienberichten gar nichts, die höheren Stufen 4.000 bis 5.000 Euro. Das ist ein riesiger Unterschied, den hätte man bei entsprechend gutem Willen etwas abfedern können.“

Der Verband der heimischen Kieferorthopäden hatte daher wiederholt vorgeschlagen, die Verteilung der vorhandenen Mittel nicht ausschließlich am medizinischen Bedarf auszurichten, sondern auch die finanziellen Möglichkeiten der Betroffenen mit einzubeziehen. Über Selbstbehalte für Besserverdienende hätte man etwa „bei gleichbleibend großem Kuchen auch Grenzfälle in der IOTN-3 bezuschussen und damit Härte aus dem System nehmen können“, argumentiert Brock. Sozialversicherung und Gesetzgeber hätten aber darauf bestanden, „dass es eine Sachleistung für alle sein muss, da ist eine Flexibilisierung schwer möglich.“

Eine soziale Staffelung würde bedeuten, dass jene Personen, die besonders hohe Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, zusätzlich noch für die Zahnspange zur Kasse gebeten werden, entgegnet Mag. Bernhard Wurzer. Auch bei Hüftoperationen oder Herzschrittmacher gäbe es schließlich keine soziale Staffelung. Die Vorschläge des VÖK hätten höchstens dazu geführt, mutmaßt der stellvertretende Generaldirektor im Hauptverband, „dass die Kieferorthopäden zum Vertragstarif noch zusätzliche Zahlungen lukrieren hätten können.“

„Hier vermischt Mag. Wurzer zwei Dinge“, repliziert Brock. „Zuzahlungen wären nur bei Vertragsleistungen denkbar. Wir reden aber von IOTN-3-Fällen, die dadurch einen erhöhten Zuschuss bekommen hätten. Das sind ohnehin keine Vertragsleistungen, der erhöhte Zuschuss wäre also ausschließlich den Patienten zugutegekommen.“

VÖK-Kritik Rechnung getragen

Der VÖK ließ bei seinen Mitgliedern zudem erheben, welche Mängel sie in der praktischen Umsetzung des Leistungspakets orten würden. Neben mangelnder Information der Kieferorthopäden, speziell jener Mehrheit der Wahl-Kieferorthopäden, die über keinen Kassenvertrag verfügen, und regional sehr unterschiedlichen Interpretationen der IOTN-Einstufung durch die chefzahnärztlichen Dienste der Kassen wurde vor allem der zusätzliche bürokratische Aufwand kritisiert.

Auch diese Kritik ist für Wurzer „nicht nachvollziehbar. Vertrag und Abläufe wurden gemeinsam mit der Kammer festgelegt. Wir haben die Möglichkeit geschaffen, dass die Modelle digitalisiert werden können. Dass bei einer Leistung von rund 4.000 Euro erwartet werden darf, dass es nachvollziehbar ist, warum eine Zahnspange notwendig ist, ist selbstverständlich. Es geht hier immerhin um öffentliche Gelder der Beitragszahler.“

Ein gewisses Ausmaß von Bürokratie ist sicher notwendig, weiß auch Brock und räumt ein, dass sich seit der Befragung „manches durchaus verbessert hat“. So sei es etwa gelungen, die mit jedem Antrag einhergehende Papierflut wieder einzudämmen und nun auf „ein Blatt zu reduzieren. Der von uns und der Kammer vorgebrachten Kritik hat man damit zumindest teilweise Rechnung getragen. Das ist jetzt erträglicher.“ Hätte man schon von vornherein mit den Betroffenen gesprochen, hätte man sich aber viel unnötigen Aufwand ersparen können, ebenso wie „die massive Verärgerung vieler Kollegen“, ist Brock überzeugt.

In zwei Jahren sollen die Ergebnisse und Erfahrungen in der Umsetzung des aktuellen Leistungspakets evaluiert und beurteilt werden. So sieht es jedenfalls eine Vereinbarung zwischen Hauptverband und Zahnärztekammer vor. Erst danach wird sich letztendlich beurteilen lassen, ob die Gratiszahnspange die in sie gesetzten medizinischen und politischen Erwartungen auch erfüllen konnte und ob Nachbesserungen erforderlich sind.Spätestens dann wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer zusätzlichen sozialen Komponente erneut gestellt werden.


Volkmar Weilguni

, Zahnarzt 9/2016

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