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Zahnheilkunde 1. Juni 2016

SOS in der Zahnarztpraxis

Was tun im Notfall? Ein Update über Erste Hilfe in der zahnärztlichen Ordination.

Im Rahmen der kitzimplantweek 2016 vermittelte Dr. David Baron, Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, in seinem Vortrag „Zahnmedizinische Notfälle – Erste Hilfe bis der Notarzt kommt“ notwendige Grundlagen für diese Gefahrsituationen in praxisnaher Form.

„Generelle Aspekte, die stets zu beachten sind: „Sei allzeit bereit. Sei wachsam. Hole Hilfe. Agiere“, betonte Baron zu Beginn seines Vortrags in Kitzbühel. Notfallsituationen sind in der zahnärztlichen Praxis nicht alltäglich, trotzdem - oder gerade deshalb - ist es wichtig, dass der Arzt und sein Team stets gut vorbereitet sind. Grundlegende Maßnahmen wie die Kenntnis über Anwendung diverser Utensilien im Notfallkoffer sowie eines Defibrillators, sofortige Akquirierung der wichtigsten Notfallnummern und Erhebung einer vollständigen Patientenanamnese sind ebenso wichtig wie das allgemeine Erkennen von Gefahrsituationen im zahnärztlichen Betrieb.

Checkliste Notfallmedikamente

Um im Notfall adäquat gerüstet zu sein, spielt allen voran die bestehende Notfallausstattung in der Zahnarztpraxis eine wichtige Rolle. Zu den klassischen Medikamenten, die man auf jeden Fall in der eigenen Ordination jederzeit zur Hand haben sollte, gehören Katecholamine (Etilefrin, Adrenalin), Antihypertensiva (Urapidil, Nitroglyzerin), Glukokortikoide (Prednisolon), H1-Antihistaminika (Diphenhydramin) sowie Beta-2-Sympathomimetika (Fenoterol), Benzodiazepine (Midazolam, Lorazepam, Diazepam), Diuretika (Furosemid) und kristalloide Lösungen (Ringer-Lactat) inklusive Infusionsbesteck. Weitere standardisierte Hilfsmittel, wie Blutdruckmessgeräte oder ein (Halb-)Automatisierter Elektrischer Defibrillator sind selbstverständlich ebenfalls Voraussetzung. „Das Notfallset sollte außerdem durch Instrumente zur suffizienten Oxygenierung (Ambu-Beutel, Beatmungsmaske, Larynxmaske), einem Pulsoxymeter zur Beurteilung der kardiovaskulären und pulmonalen Systeme sowie einem Blutzuckermessgerät ergänzt werden“, führte der Intensivmediziner aus.

Der klinische Zugang zum Patienten

Die allgemeine sowie fachspezifische Patientenanamnese als systematische Befragung, die den Gesundheitszustand eines Individuums zum Thema hat, ist einer der wichtigsten vorbeugenden Eckpfeiler in der Notfallkunde. Kardiovaskuläre und pulmonale Vorerkrankungen, Diabetes Mellitus, Blutungsanamnese und laufende Medikamenteneinnahme sowie Allergie gehören zur Standardabklärung vor Behandlungsbeginn.

Anschließend teilte Baron dem interessierten Auditorium die häufigsten Ursachen für Notfälle in zahnärztlichen Ordinationen in Wien mit. Diese wurden folgendermaßen angegeben: Vasovagale Synkope, Synkope unklarer Genese, Panikattacke und Hyperventilation, Epileptischer Anfall sowie Hypoglykämie und Angina-pectoris-Anfall. Seltener wurden noch die Hypertensive Krise, Anaphylaxie, Asthamanfälle, Atemwegskomplikationen durch Blutung oder Fremdkörper sowie ein Schlaganfall und Herzstillstand angeführt.

Ohnmacht: Rasch die Ursache erkennen

Die vasovagale Synkope gehört in die Gruppe der neurogenen, über den Reflexbogen ausgelösten Kreislaufstörungen. Zu den klassischen Symptomen zählen Schwindel, Blässe, Schwitzen und Übelkeit meist ausgelöst durch Nervosität, Stress, Angst und Schmerz im zahnmedizinischen Betrieb. „Als sofortige Maßnahme empfehle ich das Hochlagern der Beine, geregelte Sauerstoffinsufflation sowie bei Bedarf die intravenöse Flüssigkeitszufuhr und die Gabe eines Katecholamins“, erläuterte der Referent. Bei einer Synkope unklarer Genese sollten kardiale, pulmonale oder zerebrovaskuläre Ursachen abgeklärt werden sowie das Vena-Cava-Kompressionssyndrom in Betracht gezogen werden. Als Maßnahmen sollten eine Sauerstoffinsufflation, Pulsoxymetrie und die sofortige Alarmierung eines Notarztes stattfinden.

Viele Angststörungen beginnen völlig unerwartet „aus heiterem Himmel“ mit einer Panikattacke. Sind die Ursachen häufig ähnlich denen einer vasovagalen Synkope, unterscheiden sich die Kardinalsymptome doch deutlich: Atemnot, Beklemmungsgefühl, Tachykardie, Parästhesien in Gesicht und Händen, Muskelkrämpfe, Schweißausbrüche sowie Zittern, Schwindel und Erbrechen. Beruhigende Zusprache, Patienten zu bewusst langsam Atmen auffordern und Herausführen aus dem Behandlungsraum sind meist ausreichende Therapiemaßnahmen. In Gefahrsituationen kann zusätzlich ein Benzodiazepin verabreicht werden.

„Gewitter im Gehirn“

Epileptische Anfälle entstehen durch eine plötzliche extreme Aktivitätssteigerung von Nervenzellen, entsprechend einem Gewitter oder Kurzschluss im Gehirn, ausgehend von einer erhöhten zerebralen Erregungsbereitschaft. Klassische Ursachen können die intravasale Verabreichung eines Lokalanästhetikums, Hypoglykämie, Medikamenten- oder Schlafentzug, Reizüberflutung (Licht), Infekte oder Hirntumoren sein. Die Behandlung der Epilepsie erfolgt durch unmittelbare Absicherung der Patientenumgebung, der Atemwegssicherung und gegebenenfalls Sauerstoffgabe sowie der Gabe von Antikonvulsiva und Blutzuckerkontrolle. Im Rahmen eines Status epilepticus (eines persistierenden epileptischen Anfall) sollte ein Notarzt ausnahmslos kontaktiert werden.

Unter Angina Pectoris versteht man ein plötzlich auftretendes Engegefühl oder Schmerzen in der Brust, hinter dem Brustbein oder in der linken Brustseite. Eine Allgemeinanamnese, das Alter, die Kenntnis über Vorerkrankungen sowie die Medikamenteneinnahme können mitunter lebensrettend sein. Typischerweise klagen Patienten über retrosternale Schmerzen mit Ausstrahlen in Schulter, Arm und Kiefer (CAVE: kann von Zahnschmerzen überlagert sein) und einem Beklemmungsgefühl. Beim Auftreten von Symptomen sollte ohne zu Zögern ein Nitroglyzerin-Präparat s.l. und Acetylsalicylsäure i.v. unter Beachtung der Kontraindikationen verabreicht werden sowie der Oberkörper ausreichend hoch gelagert werden. Ein Einleiten von Reanimationsmaßnahmen muss im Extremanfall durchgeführt werden.

Der hypertensive Patient

Bei einer hypertensiven Krise schießt der Blutdruck plötzlich auf Werte über 180/120 mmHg, begleitet von Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Dyspnoe und erhöhter Blutungsneigung. Als häufige Ursachen gelten die Dysregulierung einer vorbestehenden arteriellen Hypertonie, Nervosität, Stress und Angst. Eine kontrollierte Blutdrucksenkung im Notfall erfolgt stets mit Medikamenten wie Nitroglyzerin s.l., Urapidil i.v. oder Furosemid i.v. (v.a. bei einem hypertensivem Lungenödem). Eine Sedierung kann mittels niedrigdosierter Benzodiazepine intravenös erfolgen. Die ständige Überwachung des Blutdrucks und eventuell Sauerstoffinsufflation ist Grundvoraussetzung aller Maßnahmen.

Hypoglykämie

Eine Hypoglykämie kann aufgrund einer Vielzahl von Gründen auftreten und wird meist durch zu viel Insulin im Körper verursacht. Vegetative Dysregulierung, Diabetes Mellitus und Lebererkrankungen sind häufig für dieses Ereignis verantwortlich. Schwitzen, Tachykardie, Übelkeit und Erbrechen sowie neurologische Symptome sind die Folge. „Initiale Therapiemaßnahmen sind die orale Verabreichung von Glukose, konsequente Blutzuckerkontrolle und Atemwegssicherung bei Bewusstseinseingetrübten Patienten“, unterstrich der Intensivmediziner.

Der allergische Notfall

Unter einer anaphylaktischen Reaktion oder Anaphylaxie versteht man eine allergische Reaktion, die unmittelbar oder wenige Minuten nach dem Kontakt einer Person mit dem auslösenden Allergen auftritt. In ihrer maximalen Ausprägung entspricht man vom allergischen Schock. Ursachen im zahnmedizinischen Bereich sind häufig Lokalanästhetika, Latex, verabreichte Antibiotika und Chlorhexidin. Die Symptome äußern sich typischerweise in Form einer Hautrötung, eines Exanthems oder Juckreiz sowie Atemnot, Hypotension und im Extremfall Kreislaufstillstand. „Intensivmedizinische Betreuung muss im Rahmen einer solchen Gefahrensituation unmittelbar in die Wege geleitet werden. Sauerstoffinsufflation, die intravenöse oder –muskuläre Gabe von Adrenalin sowie die intravenöse Gabe von Glukokortikoiden, Antihistaminika und Flüssigkeitszufuhr sind die Therapiemethoden der Wahl bis zum Eintreffen eines Notarztes“, untermauerte Baron.

Bronchialkrampf

Beim Asthmanfall kommt es zu akuter Atemnot, oft verbunden mit Husten und pfeifender Atmung (Giemen). Vor allem die Ausatmung ist erschwert. Die Patienten klagen von (Sprech-)Dyspnoe mit expiratorischem Stridor. Tachypnoe, eine initiale Tachykardie gefolgt von Bradykardie, Zyanose, muskuläre Erschöpfung und Somnolenz sind die Folgen. Auf einen akuten Asthmaanfall sollte jeder Asthmatiker gut vorbereitet sein. In einer solchen Extremsituation ist es wichtig, dass der Betroffene selbst – aber auch sein Umfeld – wissen, was zu tun ist: Sauerstoffverabreichung, inhalative Bronchodilatatoren (Beta-2-Sympathomimetika und Glukokortikoide) und intravenöse Glukokortikoide werden zur Therapie empfohlen. Ein Status asthmaticus ist eine Indikation zur nicht-invasiven unterstützenden Beatmung via Ambu-Beutel bzw. Intubation mit invasiver Beatmung.

Akute Blutung

Eine akute Blutung im zahnärztlichen Alltag finden sich häufig bei Patienten mit entsprechender Anamnese: medikamentöse Antikoagulation oder Blutgerinnungsstörungen. Mittel der Wahl zur Stillung akuter Blutungen ist eine Tamponade oder Naht begleitend zur Kühlung, Überwachung der Kreislauffunktion, intravenösen Flüssigkeitssubstitution, Gerinnungssubstitution und Transfusion (Notarzt!). Abschließend verwies Baron auf die aktuellen Richtlinien der European Resuscitation Council (ERC) zur Reanimation.

Philipp Kaiser, Zahnarzt 6/2016

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