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© Kittel (7

Abb. 1: Offener Biss, falsche Zungenruhelage )

Abb. 2: Korrekte Ruhestellung der Zunge

Abb. 3: Falsches Schlucken

Abb. 4: Verkürzte Oberlippe

Abb. 5: Angespannter M. mentalis

Abb. 6: Schwäche der Zungenmitte

Abb. 7: Zunge knickt in der Mitte ab bei der Aufforderung: „Strecke die Zunge gerade, weit heraus!“

 
Zahnheilkunde 1. Juni 2016

Zwanghafter Zungenschlag

Bei der Behandlung von myofunktionellen Störungen ist eine Zusammenarbeit zwischen Logopädie und Zahnmedizin gefragt.

Die infantile Form des Schluckens, nämlich die Vorwärtsbewegung der Zunge zwischen die Kiefer, muss zu einem gaumengerichteten, physiologischen Schlucken umgestellt werden. Falls ein ad- oder interdentales Schluckmuster besteht, entwickelt sich eine myofunktionelle Störung (MFS) mit Auswirkungen auf den orofazialen Bereich und den Ganzkörpertonus.

Verschiedene ärztliche Fachrichtungen können bei einer MFS involviert sein: Kinderarzt und (Kinder-)Zahnarzt, Kieferorthopäde, HNO-Arzt und gegebenenfalls Prothetiker, Parodontologe oder Kieferchirurg. Sie alle benötigen Kenntnisse bezüglich der myofunktionellen Diagnostik und Möglichkeiten der „Myofunktionellen Therapie“ (MFT). Eine logopädische Behandlung sollte von diesen Berufsgruppen initiiert werden. Notwendig für den dauerhaften Erfolg der Therapie sind neben Mundfunktionsübungen die wichtigen Ganzkörperübungen, um eine Eutonisierung der orofazialen Muskulatur zu erreichen.

Physiologische Funktionen

Zunge: Die Zunge ist normalerweise äußerst beweglich und anpassungsfähig, wenn ihre Lageveränderung- und die Binnenmuskeln gut koordinieren. Neben Ausruhen am Gaumen, Schmecken der Nahrung, Lateralbewegungen beim Kauen, Feinst- und Schnellstbewegungen beim Artikulieren muss die Zunge Schluckbewegungen vollziehen. Die Zunge bildet einen Unterdruck am Gaumen beim Essen und Trinken und befördert somit die Nahrung über den Rachen in Richtung Magen. Äußerst selten gibt es zu große und zu lange Zungen. Menschen mit Zungen, die keine differenzierten Bewegungen in schnellstem Tempo bewältigen, haben eine verwaschene/unpräzise Aussprache.

Lippen: Der Ringmuskel des Mundes (M. orbicularis oris) steht in Verbindung mit den weiteren Gesichtsmuskeln. Zum Atmen sind idealerweise die Lippen geschlossen und bilden eine Halterung für die Zähne. Auch beim Kauen sollte der Mundschluss gehalten werden können. Eine deutliche Sprechweise setzt die gute Beweglichkeit der Lippen voraus. Für die Laute „sch“, „o“ und „u“ müssen sie sich beispielsweise gut runden, für die Laute „s“, „e“ und „i“ breit formen. Beim Sprechen ist ein stetiges Wechselspiel zwischen Lippenrundformung und -spreizung notwendig. Der Laut „m“ wird physiologisch labial, also mit Kontakt der Ober- und Unterlippe gebildet; bei Kindern mit MFS erfolgt die Lautbildung teilweise labiodental.

Des Weiteren gelangt die Atemluft bei offener Lippen- und Mundhaltung weder gefiltert noch angewärmt in den Körper und kann dadurch etliche gesundheitliche Probleme (z.B. Infektionsanfälligkeit) nach sich ziehen.

Schluckablauf und Krankheitsbild

Beim normalen Schluckvorgang

• übt die Zunge mit ihrem vorderen Drittel Druck gegen den Alveolarknochen aus.

• Die Seitenzähne werden zugebissen, dadurch werden die Kaumuskeln aktiv.

• Der mittlere Anteil der Zunge saugt sich gegen den harten Gaumen. Dadurch entsteht der notwendige Unterdruck für den Transport von Speichel, Flüssigkeiten und Nahrungsbolus in Richtung des Rachenraums.

• Der hintere Anteil der Zunge hebt sich gegen den weichen Gaumen, der sich seinerseits spannt und anhebt, um den Nasen-Rachen-Raum abzuschließen.

• Nun wird der Schluckreflex ausgelöst, und die Speise/das Getränk wandert unbeeinflussbar in den Pharynx und Ösophagus.

Folgende Symptome kennzeichnen die MFS: ad- oder interdentales Schluckmuster, pathologische Zungenruhestellung (ad-, interdental oder am Mundboden; Abb. 1), häufig offene, schlaffe Lippen mit Mundatmung, dann meist verkürzte Oberlippe und dicke, gerötete, nach außen gerollte Unterlippe, verkürzte, „starr“ wirkende Oberlippenmuskulatur, verdickte, häufig gerötete und teilweise nasse, nach außen gerollte Unterlippe, Dystonie der orofazialen Muskulatur: meist eingeschränkte Zungen- und Lippenmotorik sowie herabgesetzte Zungen- und Lippenspannung bei häufig hyperaktivem M. mentalis (Kinnmuskel), wenig ausgeprägte Beweglichkeit der mimischen Muskulatur („langweiliger“ Gesichtsausdruck) und (selten) Kompensationsbewegungen im orofazialen oder Hals-, Schulterbereich (z. B. Zusammenpressen der Lippen oder Nickbewegungen des Kopfes).

Diese orofaziale Dystonie bzw. Dysfunktion führt in den meisten Fällen zu schlaffer Körperhaltung im Sitzen und Stehen bei teilweise kompensatorisch hyperaktiven Körperpartien, Störungen der Atem- und Stimmfunktion durch die Störung des muskulären Gleichgewichts, hypotoner Körperhaltung, Zahnfehlstellungen durch pathologische Zungenruhelage und Zungenpressen, schmalem Kiefer, hohem Gaumen durch fehlende Wachstumsstimulation; des weiteren zu Artikulationsstörungen, Kiefergelenkbeschwerden und Kopfschmerzen.

Diagnostik

Die korrekte Ruhelage der Zunge zeichnet sich durch folgende Charakteristika aus:

• Das vordere Drittel der Zunge hat ab dem Beginn der Inzisalpapille einen flächenhaften leichten Kontakt mit dem Gaumen.

• Lippen sind in lockerem Kontakt.

• Das Lippenniveau ist geradlinig, das heißt, die Unterlippe bleibt unten, die Oberlippe kommt ihr entgegen und nicht umgekehrt.

• Der M. mentalis ist völlig entspannt und sieht glatt aus.

• Die Zahnreihen befinden sich in Ruheschwebe.

Ist die Zunge in korrekter Ruhestellung, nimmt auch der Schluckvorgang seinen Ursprung an der richtigen Stelle (Abb. 2).

Korrektes Schlucken: Beim physiologischen Schluckmuster ist die Gesichtsmuskulatur entspannt. Beim Schlucken tritt weder ein Zusammenpressen der Lippen noch eine offene Mundhaltung auf. Der Kinnmuskel, M. mentalis, ist inaktiv. Die Zunge zeigt sich nicht an oder zwischen den Zähnen, und es treten keine Speichelbläschen zwischen den Zahnreihen aus.

Falscher Schluckvorgang: Die Zunge nimmt beim falschen Schlucken unterschiedliche Positionen ein (Abb. 3). Mehrere der folgenden Symptome können auftreten:

• Das Zungenvorderteil bewegt sich gegen oder zwischen die Frontzähne und/oder

• die Zungenränder drücken ein- oder beidseitig gegen oder zwischen die Seitenzähne.

• Der mittlere Anteil hebt sich nicht an den harten Gaumen, sondern bleibt auf dem Mundboden.

• Die Lippen sind entweder offen und schlaff oder befinden sich in starker Anspannung.

• Die Zahnreihen sind häufig geöffnet, das heißt, es ist keine Anspannung der Mm. masseter und temporalis zu tasten.

• Der M. mentalis ist häufig hyperaktiv.

Diagnostik in der Zahnarztpraxis

Viele Symptome einer MFS können von Zahnarzt festgestellt werden. Häufig ist eine dünne hochgezogene, „starr“ wirkende, verkürzte Oberlippe zu sehen (Abb. 4). Dagegen ist die Unterlippe oft dick, nach außen gerollt und gerötet. Man sieht die innere Schleimhaut.

Durch die offene Mundhaltung fallen oft nasse Lippen und demzufolge Lippenlecken auf. Auch Speichel und Risse in den Mundwinkeln können mit der MFS zusammenhängen. Der Kinnmuskel ist häufig hyperaktiv, um die Unterlippe der verkürzten Oberlippe entgegenzuschieben (Abb. 5), der Unterkiefer hängt bei offener Mundhaltung stark oder leicht nach unten. Häufig besteht eine Mundatmung tagsüber und/oder nachts. Dazu sind die Patienten oder deren Eltern zu befragen. Auch die Zunge erscheint häufig schlaff zwischen den Front- und/oder Seitenzähnen: Die Zungenruhelage kann statt inter- auch addental gegen die oberen oder die unteren Schneidezähne gerichtet sein oder auf dem Mundboden liegen. Dies ist in Ruhe und beim Schlucken zu sehen. Bei der Beobachtung des Schluckens mit Wangenhaltern können eventuell Speichelbläschen durch die Zahnzwischenräume nach vorn geschoben werden.

Wenn aufgefordert wird: „Streck/Strecken Sie deine/Ihre Zunge gerade weit heraus“, kann es sein, dass sich eine Zunge zeigt, die zu groß wirkt. Tatsächlich ist sie aber nur erschlafft. Es ist also praktisch nie notwendig, eine Zunge operativ zu verkleinern, sondern sie ist mithilfe der MFT durch Beeinflussung ihrer Binnenmuskulatur sehr gut form- sowie jeder Kiefer- und Gaumenform anpassbar. Bei der Aufforderung „gerade weit raus“ zeigt die Zunge oft mit konvexem Zungenrücken nach unten, bzw. noch häufiger sieht sie schüsselförmig aus (Abb. 6, 7). Die Seitenränder sind dick und gerötet und/oder haben seitliche Zahnimpressionen vom Pressen gegen die Zähne. Wenn aufgefordert wird: „Strecke deine Zunge bei weit offenem Mund zum letzten oberen Zahn“ und das Zungenbändchen kann sich nicht länger als 5 mm dehnen, kann die Zungenmitte zum Schlucken auch nicht gut an den Gaumen zur Unterdruckbildung gesaugt werden. Auch ein weit vorn angewachsenes Zungenbändchen macht es unmöglich, korrekt zu schlucken. Hier liegt die Indikation für einen oralchirurgischen bzw. kieferchirurgischen Eingriff vor.

Eine ausdruckslose Mimik entsteht, wenn die Gesichtsmuskulatur, von den Augenmuskeln angefangen über die Wangen- und Lippenmuskulatur, erschlafft ist. Begleitet wird falsches Schlucken oft von einem Sigmatismus („s“-Laut betroffen) und/oder Schetismus („sch“-Laut betroffen) addentalis, interdentalis oder lateralis bzw. allgemeiner Inter- oder Addentalität der Laute „n“, „d“, „t“ und „l“.

Auffallend an der Körperhaltung des Patienten sind im Sitzen meist ein im Nacken liegender Kopf, ein runder Rücken und ein eingefallener Brustkorb, eventuell hochgezogene Schultern oder Asymmetrien (z.B. im Bereich des Gesichts: Ober- und Unterkiefer, Nase und Gaumennaht).

Schmerzen des Kiefergelenks deuten eher auf eine hyperfunktionelle Störung hin. Die MFT nach A. Kittel arbeitet mit denselben Übungen erfolgreich an hypo- und hyperfunktionellen Problemen. Einerseits wird die Spannung hyperaktiver Muskel(-Gruppen) reduziert und andererseits die Spannung hypotoner Muskeln erhöht. Es geht also um die Eutonisierung, um den Spannungsausgleich. Zusätzlich zur Eutonisierung im muskulären Bereich sowie der Verbesserung der orofazialen und ganzkörperlichen Wahrnehmung kann bei Zähneknirschen (Bruxismus) mit Entspannungsübungen gearbeitet werden, die Logopäden und Logopädinnen regelmäßig auch bei hypo- oder hyperfunktionellen Stimmstörungen anwenden. Ergänzend hat sich der Einsatz der manuellen logopädischen Therapie bei orofazialen Dysfunktionen als sehr hilfreich erwiesen.

Diagnose- und Therapieindikationen

Indikationen zur myofunktionellen Diagnose und MFT liegen vor bei:

• Lippen-, Kiefer-, Gaumensegelspalten (LKGS);

• M. Down und anderen Syndromen (Therapie über manuelle Methoden und Elternberatung/-anleitung bereits kurz nach der Geburt);

• Kindern ab zwei Jahren, die dauernd sabbern und entweder zu selten und nicht korrekt schlucken;

• Kindern ab vier Jahren, die gegen oder zwischen die Zähne schlucken und/oder eine Artikulationsstörung von „s“, „sch“, „l“, „n“, „d“ und „t“ haben;

• Kindern im Schulalter, Jugendlichen und Erwachsenen mit falschem Schluckmuster, vom Zahnarzt oder Kieferorthopäden diagnostiziert;

• Jugendlichen und Erwachsenen mit Parodontitis und falschem Schlucken;

• Patienten mit Zahnprothesen, die aufgrund der nach vorn gerichteten Schluckaktivität nicht halten;

• Jugendlichen und Erwachsenen mit Kiefergelenkbeschwerden – der Zahnarzt kann zur Logopädie schicken.

• Jugendlichen und Erwachsenen vor Kieferoperationen – sie müssen vor der Operation dringend myofunktionell behandelt werden, damit es nicht zum Rezidiv kommt.

MFT und Sigmatismus-/ Schetismusbehandlung

Intensivtherapie: Je nach Ausprägung des Störungsbildes, nach dem regelmäßigen Wahrnehmen der Termine und nach Mitarbeit (auch tägliche häusliche Übungsdurchführung) variiert die Therapiedauer zwischen circa 25 und 35 Therapieeinheiten. Die Therapiefrequenz sollte einmal pro Woche betragen, und die Therapiedauer ist mit 30 bis 45 Minuten anzusetzen. Da es sich um eine mehrjährige falsche Gewohnheit handelt, braucht es Zeit, die muskulären und kinästhetischen Voraussetzungen zu schaffen sowie das Verhalten bezüglich Ruhelage und Schluckmuster zu ändern.

Ruhelageübungen: Auf das Thema „Zungen am Platz (ZAP)“ bzw. „Lippen am Platz (LAP)“ wird in jeder Stunde eingegangen, zum Beispiel beim Zuhören, beim Nachdenken, beim Schreiben oder beim Malen.

Am Ende der Therapie geht es auch um die bewusste Wahrnehmung der Zungenruhelage abends vor dem Einschlafen und um das Erspüren der Zungenlage am Morgen, direkt nach dem Aufwachen, damit sich das physiologische Schluckmuster auf den unbewussten Zustand (zum Beispiel beim Schlafen) überträgt.

Muskelübungen: Zungenmuskelübungen (ZÜ) und Lippenmuskelübungen (LÜ) werden ab der ersten bzw. zweiten Therapiestunde durchgeführt. Nach Abschluss dieser Übungen werden Ansaugübungen (AÜ) angeboten, die ganz speziell die Zungenränder, die Zungenmitte und die Unterdruckbildung trainieren. Die Sigmatismus-/Schetismus-lateralis-Therapie beginnt erst, nachdem die AÜ gut funktionieren. Dann sind die für die Artikulation erforderlichen neun Voraussetzungen geschaffen, die notwendig sind für die schnellstmögliche und korrekte Platzierung des Lauts innerhalb einer extrem schnell ablaufenden Artikulation eines Wortes, eines Satzes bzw. eines Redebeitrags. Diese Voraussetzungen sind:

Halten des Kieferschlusses bzw. der Kieferstellung, Abdichten der Wangen an den Zähnen, Formen der Lippen entsprechend dem Laut, Halten der Zunge in der exakten Position, Abdichten der Zungenränder über eine gewisse Zeit am Zahnfleisch, Bildung einer Längsrinne (Zunge), gute Körperspannung, gute Zwerchfellspannung (zur dosierten Luftführung bei der Lautbildung) und Stimme beim stimmhaften „s“-Laut. Die ersten Wahrnehmungs- und Beobachtungsübungen (im Spiegel) zu Zungenlage und der Bewegungsweise der Zunge beim Schluckvorgang werden im Therapieverlauf schon frühzeitig eingesetzt. Aktive Schluckübungen, zum Beispiel mit Nahrung und Flüssigkeiten, werden allerdings erst gegen Ende der Therapie durchgeführt, weil das Abdichten der Zungenränder am Alveolarrand als die für das korrekte Schlucken zwingend notwendige Funktion zuvor im Rahmen der Ansaugübungen intensiv trainiert werden muss.

Nach der Einführung der Schluckübungen werden diese zügig in den Alltag integriert und beispielsweise beim gemeinsamen Essen angewendet, um den Transfer des korrekten Schluckmusters zu fördern. Damit in der Automatisierungsphase des physiologischen Schluckmusters der Transfer gelingt, sollten alle Familienmitglieder informiert werden. Bei Kindern ist die Elternarbeit unabdingbar, denn auch die Eltern müssen zum Beispiel sehen lernen, dass eventuell noch vorbereitend ein Zungenvorstoß eingesetzt wird oder dass sich die Zunge nach dem bewussten Schlucken unbewusst beim anschließenden Nachschlucken noch gegen die Zähne bewegt.

Visuelle Erinnerungshilfen, bei Kindern auch verbale Unterstützungen sowie autosuggestive Übungen (beispielsweise vor dem Einschlafen) sollen das erlernte physiologische Schluckmuster auch im Unterbewusstsein verankern.

Körperübungen: Von Beginn an finden Übungen zu Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, Aktivierung der Körpermitte, Überkreuzen der Körpermittellinie, Koordination (zum Beispiel Augen-Hand-Mund-Koordination) unter Einhaltung von Zungen- und Lippenruhelage statt.

Elternarbeit: Ein wichtiges Prinzip der MFT ist die regelmäßige Anwesenheit eines Elternteils in den Therapiesitzungen. Wenn sie zu Hause auf einen regelmäßig täglichen Übungsrhythmus Wert legen, wird der Therapiefortgang gut unterstützt. Wir empfehlen innerhalb von zehn Sitzungen jeweils ein Elterngespräch ohne Kind. Ab 4 Jahren kann spielerisch gut therapiert werden, wenn die Eltern zu Hause die Therapie unterstützen. Aber auch bei Kindern ab 9 Jahren brauchen wir ebenso die Unterstützung und das Verständnis der Eltern. Bei Kindern bis zur Pubertät funktioniert die Therapie gut, wenn die Eltern intensiv in die Therapie eingebunden sind. Ab ca. 14 Jahren können die Jugendlichen selbstverantwortlich arbeiten, das heißt, allein zu den Therapiesitzungen erscheinen. Hier ist pro Therapieabschnitt über zehn Einheiten ein gemeinsames Gespräch mit dem jugendlichen Patienten und einem Elternteil zu empfehlen.

Ziele: „Am Ende der Therapie soll beim Essen und Trinken der orale Ablauf des Schluckens gaumenwärts ohne Kompensationsmechanismen in Bezug auf die Unterdruckbildung funktionieren“. Wenn Aussprachestörungen vorhanden waren, zielt die Therapie des Weiteren auf eine deutliche, klare Artikulation. Durch die physiologische Zungen- und Lippenruhelage soll im Kindesalter das Kiefer- und Gaumenwachstum unterstützt werden.

Bei einer KFO-Behandlung mithilfe des „festen“ KFO-Geräts (zum Beispiel Multiband) zielt die Therapie auf die bestmögliche Durchführung des Schluckmusters. Bei herausnehmbaren Geräten soll die Wahrnehmung für die Zungenlage mit und ohne Gerät so gut geschult sein, dass der Schluckablauf jederzeit gut gelingt.

Ein sehr wichtiges Ziel der Zusammenarbeit zwischen Logopädie und KFO ist die möglichst gute Unterstützung der KFO-Behandlung (z. B. durch manuelle Mobilisierung der Gaumennaht vor dem Einsatz einer Gaumennahterweiterungsapparatur) oder das Mobilisieren der Zähne vor dem Einsatz eines Geräts.

Zudem soll die Therapie einen bestmöglichen Schutz vor einem Rezidiv bieten. Dafür ist die im Folgenden beschriebene Intervalltherapie notwendig. Ein weiteres wichtiges Ziel besteht in der Prävention vor weiteren Folgen wie kraniomandibulären Dysfunktionen (CMD) oder Kopfschmerzen bzw. weiteren Verspannungen (z. B. im Nackenbereich).

Intervalltherapie

Alle 3 Monate bis 1 Jahr nach Abschluss der Intensivphase erfolgt eine Intervalltherapie, die aus 1 bis 2 Sitzungen besteht.

Wir beenden die Therapie, wenn beim Schluck-Screening nach Förster und Kittel 80 Prozent der 30 geprüften Schluckvorgänge korrekt sind und das Spontanschlucken durch die Beobachtung während der Therapie als „gut“ bewertet werden kann. Eine interne Studie an 40 Patienten hat gezeigt, dass das Ergebnis beim ersten Intervall auf 63 Prozent sinkt, zu den folgenden Intervallen aber wieder stetig ansteigt. Hätte nach der Intensivtherapie (einmal wöchentlich) keine erneute Anleitung in Form einer Intervallbehandlung stattgefunden, ist davon auszugehen, dass das Ergebnis weiter abgesunken wäre.Das Ziel der Intervallbehandlung besteht in der vollständigen Automatisierung und Integration der korrekten Zungen- und Lippenruhelage, des physiologischen Schluckmusters in den Alltag und dem Beibehalten der eutonen orofazialen Spannungszustände. Um diese zu erreichen, ist die beschriebene langfristige, im Intervall angesetzte Betreuung wesentlich. Besonders, wenn die Kieferorthopädie nach Abschluss der Intensivphase weitergeführt wird und weitere KFO-Geräte geplant sind, sollten die Patienten zur Intervallbehandlung überwiesen werden. Etliche KFO-Geräte könnten die Zunge wieder verleiten, in ihre alten Gewohnheiten zurückzufallen.

Erleichternd und wünschenswert für beide Seiten (Arzt und Therapeut) ist der schriftliche oder telefonische Austausch von wichtigen Informationen. Die Ärzte werden im Rahmen der Therapie nach A. Kittel auch während der Intervallbehandlung anhand schriftlicher Berichte regelmäßig über die Inhalte und Ergebnisse der Therapie, über den Stand der Behandlung sowie über den weiteren geplanten Verlauf und die Ziele informiert. Vonseiten der Zahnärzte/Kieferorthopäden sind schriftliche Mitteilungen über Diagnosen, KFO-Geräte, geplante Behandlungen hilfreich und wünschenswert.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Logopäde schickt zum Zahnarzt, wenn ...

• er einen Kreuzbiss im Vorschulalter entdeckt,

• er eine Progenie vermutet,

• das Kind Seitenzähne verloren hat.

Der Therapeut verfasst einen Bericht nach der MFS-Diagnostik, dem Therapieabschluss und nach den Intervallbehandlungen. Der Zahnarzt sollte eine MFT verordnen, wenn ...

• diagnostische Auffälligkeiten zu beobachten sind im Kindes-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter,

• bei Kindern angelegte Zähne nicht herunterwachsen, weil die Zunge eine hemmende Kraft darstellt.

• eine CMD vorliegt.

Der Zahnarzt/Kieferorthopäde sollte ...

• den Therapeuten informieren, wenn ein neues KFO-Gerät vorgesehen ist;

• „spikes“ vermeiden. Sie werden nicht benötigt, wenn MFT durchgeführt wird und eine gute Mitarbeit gewährleistet ist;

• aktive Platten bis zur Schraube anrauen, damit die Zunge etwas Halt bzw. Orientierung am Gaumen findet. Aus demselben Grund sollten auch passive Platten angeraut werden;

• sich mit dem Therapeuten absprechen, wann eine Vorschubdoppelplatte im logopädischen Behandlungsprozess am besten zu verkraften ist, denn sie verleitet die Zunge, sich auf den Metallstegen abzulegen;

• sich wegen des Zeitpunkts eines Hyraxschraubeneinsatzes mit der dem Therapeuten absprechen, da das Ansaugen der Zunge an den Gaumen erschwert wird. Eine ausreichende transversale Erweiterung ist eine Voraussetzung zum Erfolg und sollte als Erstes kommen – wenn möglich;

• wissen, dass erst am Schlucken gearbeitet wird, wenn die notwendige Muskulatur funktionell dazu in der Lage ist;

• wissen, dass es bei der Therapie von Kindern der Elternarbeit viel Gewicht zukommen muss.

Literatur bei den Autorinnen

Korrespondenz: Anna Kittel Hornschuchstr. 10 72074 Tübingen Mail:

Der ungekürzte Originalartikel „Myofunktionelle Diagnostik und Therapie“ ist erschienen in Der Freie Zahnarzt 4/2016, DOI 10.1007/s12614-015-5459-4 © Springer Verlag

Fazit für die Praxis

• Im Idealfall erkennt der Zahnarzt in Zuge der Untersuchung eine MFS und hält interdisziplinären Kontakt zu einem Therapeuten, der die myofunktionelle Diagnostik und Therapie beherrscht.

• Es kann nicht erwartet werden, dass mit der Veränderung des Schluckens begonnen wird. Zunächst müssen Grundlagen bezüglich Wahrnehmung, Kinästhetik und Motorik im orofazialen und gesamtkörperlichen Bereich aufgebaut werden. Nach diesem Therapieaufbau erfolgt die Schluck- und gegebenenfalls die Sprechtherapie. Entscheidend sind die Intervallbehandlungen für den dauerhaften Erfolg.

Anita Kittel und Nina Förster, Zahnarzt 6/2016

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