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Univ.-Prof. Dr. Martin Lorenzoni Vorstandsmitglied der ÖGI
© Payer

Univ.-Prof. Dr. Michael Payer Präsident der ÖGI

 
Zahnheilkunde 3. Mai 2016

ÖGI goes digital

Prof. Michael Payer und Prof. Martin Lorenzoni zu neuen Entwicklungen in der Implantologie allgemein und der ÖGI speziell.

Der „Zahn Arzt“ bat die Implantologie-Experten Lorenzoni, Mitglied des Vorstands und Payer, Präsident der ÖGI, zu einem Gespräch zur Zukunft ihres höchst dynamischen Fachgebietes.

In welchen Bereichen der Implantologie stehen große Veränderungen ins Haus?

Payer: Das Thema Ästhetik ist in den letzen Jahren ganz klar zu einem integralen Bestandteil der implantologischen Rehabilitation geworden: Von einem Erfolg sprechen wir nur mehr dann, wenn Implantate neben einer vorhersagbare Osseointegration auch ein zufriedenstellendes ästhetisches Ergebnis erzielen. Eine wesentliche Erleichterung hierfür ist, dass Ästhetik zumindest im implantologischen Bereich durch verschiedene Ästhetik-Indizes auch messbar und somit weitestgehend objektivierbar geworden ist. Die klinische Umsetzung hiervon ist sicherlich durch unterschiedlichste Material-Weiterentwicklungen – wie Einsatz keramischer Werkstoffe, die 3D Planung etc. – in vielen Fällen auch vorhersagbarer geworden.

Eine wesentliche Voraussetzung für ein optimales ästhetisches Ergebnis ist auch ein ausreichendes Knochen– und Weichgewebsangebot, das entweder vor oder während der Implantation geschaffen werden muss. Auch hier haben sich die Möglichkeiten durch minimal invasivere OP-Techniken, bessere präoperative 3D Beurteilung von Gewebedefiziten und auch die Weiterentwicklung und Individualisierung von Hart- und Weichgewebsersatzmaterialien ganz klar verbessert. Man kann sich heute präoperativ ein auf den zu regenerierenden Defekt maßgeschneidertes Ersatzmaterial anfertigen und evtl. auch bald schon im 3D Druck herstellen lassen. Auch der Einsatz von Wachstumsfaktoren wie BMP ist Gegenstand klinischer Untersuchungen. Vor allem bei ausgeprägten Defektsituationen, z. B. nach Trauma oder Tumoren, sind auch heute noch in vielen Fällen autologe Knochentransplantate der Goldstandard.

Die vergangenen „implantologischen“ Jahre brachten eine rasante Weiterentwicklung in Hinblick auf prothetische Versorgungsmöglichkeiten, chirurgische Techniken, innovative Belastungsprotokolle, Reduktion der Behandlungsdauer und vor allem einen Fokussierung auf die „Ästhetik“ mit sich.

Lorenzoni: Eine große Herausforderung stellt die Korrektur kompromittierter Implantate im Frontzahnbereich dar. Fehlende Papillen, sichtbare Aufbauten und faziale Rezessionen können heute mit parodontal-plastischen mikrochirurgischen Techniken, wie koronalen Verschiebelappen in Kombination mit subepithelialen Bindegewebstransplantaten, freien Schleimhauttransplantaten zur Generierung von keratinisierter Mukosa oder eine Augmentation des periimplantären Weichgewebsvolumens durch gewebeschonende Tunnelierungstechnik, therapiert werden. Bei größeren Defekten sind prothetische Möglichkeiten wie Pontics, Extensionen, Schleimhautkonditionierung durch Provisorien und der Einsatz von künstlicher Mukosa aus Kunststoff oder Keramik indiziert.

Das Ziel unserer Arbeit ist eine optimale Balance zwischen Aufwand, Kosten, Patientenbelastung und Patientenzufriedenheit bzw. Langzeiterfolg. Für das nächste „implantologische Jahrzehnt“ wünsche ich mir eine Verbesserung der Verblendmaterialien, verbesserten Knochen- und Mukosaverbund mit der Implantatoberfläche und optimierte präimplantologische Augmentationsverfahren – wie Wachstumsfaktoren -zur Rekonstruktion atropher Kiefer, um prothetische Kompromisslösungen vermeiden zu können.

Inwieweit ist eine verstärkte Zusammenarbeit mit Humanmedizinern angedacht, um Implantat-Patienten allgemein besser behandeln zu können?

Payer: Bei Risikopatienten wie Diabetikern ist eine Zusammenarbeit und Absprache mit den behandelnden Allgemeinmedizinern/Internisten unerlässlich und im klinischen Alltag bereits klar verankert. Hierbei geht es vor allem darum zu erkennen, inwieweit eine Allgemeinerkrankung oder eine laufende Therapie den implantologischen Behandlungsplan beeinflussen könnte oder überhaupt zulässt.

Hier ist es wichtig, dass der behandelnde Zahnarzt Kenntnis über relevante Erkrankungen und Therapien hat um Risikopatienten als solche zu erkennen und zu behandeln. Eine sorgsame Risiko/Nutzenabwägung in Absprache mit dem Patienten, dem behandelnden Arzt und uns Zahnmedizinern ist hierfür unerlässlich.

Thema Fortbildung: Welche Möglichkeiten will die ÖGI in Zukunft verstärkt anbieten?

Payer: Ein Schwerpunkt der zukünftigen Fortbildung liegt ganz klar in dem Einsatz eines digitalen Fortbildungsangebotes für ÖGI Mitglieder – Stichwort E-learning. Hier haben wir bereits während der DGI/SGI/ÖGI Gemeinschaftstagung in Wien das ÖGI E-learning für alle Tagungsteilnehmer in Kooperation mit Dental Campus freigeschalten.

Dem Ziel, als ÖGI zukünftig auch eine strukturierte Fortbildungsmöglichkeit im Sinne eines Implantologie-Curriculums anbieten zu können, sind wir ein großes Stück näher gerückt. Zu diesem Zweck konnte nach vorbereitenden Gesprächen und Verhandlungen mit dem DGI- Präsidenten und Past-Präsidenten – Prof. Dr. Frank Schwarz und Doz. Dr. Gerhard Iglhaut – an der Gemeinschaftstagung vor versammelter Presse eine Absichtserklärung über eine Fortbildungs-Kooperation der beiden Gesellschaften unterzeichnet werden. Inhalt der Vereinbarung ist es, ÖGI-Mitgliedern in Zukunft Zugang zu dem seit Jahren erfolgreich abgehaltenen DGI-Curriculum zu den gleichen Konditionen von DGI Mitgliedern zu eröffnen. Darüber hinaus sollen zukünftig in Österreich Humanpräparatekurse zur Erweiterung des Fortbildungsangebotes von ÖGI und DGI abgehalten werden.

Zurück zum Patienten: Sind Maßnahmen angedacht, um die Compliance zu stärken und damit den Behandlungserfolg zu verbessern?

Lorenzoni: Die Implantatbehandlung endet nicht mit dem Einsetzen der Implantate und des Zahnersatzes, sondern erfordert ein dauerhaftes Nachsorgeprogramm je nach Risikofaktoren, Mitarbeit und Umfang der Versorgung.

Aktuelle Studien zeigen uns dass das Risiko einer schwerwiegenden Entzündung beim Implantatpatienten durch die Nachsorge von 43 auf 18% reduziert wird. Es gibt keine einheitlichen Richtlinien für die Nachsorge von Implantatpatienten, zumeist stammen diese Protokolle aus der Parodontologie und betreffen den Schutz der natürlichen Zähne. Die Etablierung einheitlicher Protokolle und Empfehlungen für Zahnärzte und Patienten muss ein Schwerpunkt der kommenden Jahre werden.

Payer: Die Compliance unserer Patienten ist natürlich ein wesentlicher Punkt und Voraussetzung für langfristigen Implantaterfolg – bereits beginnend in der ersten postoperativen Phase bis hin zu den auf jeden Patienten individuell abgestimmten Recall-Intervallen und Terminen nach der prothetischen Versorgung. Hierüber und über weitere allgemeine Gesundheitsthemen wie Auswirkungen des Rauchens und Raucherentwöhnung, Implantatversorgung im Alter und einige andere Themen wollen wir in Zukunft als ÖGI ganz gezielt über Gesundheitsmedien informieren. Den wir wissen: Nur ein gut informierter Patient setzt unsere Empfehlungen auch um.

Das Gespräch führte Ingo Schlager.

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