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Folgen einer unzureichenden Plaqueentfernung während der Behandlung mit einer Multiband-Brackett-Apparatur bei einem 18-jährigen Patienten. Die ehemalige Lage der Bracketts lässt sich anhand der Demineralisationen sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkie
 
Zahnheilkunde 3. Mai 2016

Mit der chemischen Keule...

Problemfall Plaque: Welche Möglichkeiten bietet die Chemie, um dem Biofilm zu Leibe zu rücken? *

Die zahnmedizinische Prophylaxe zur Reduktion von Karies hat in den letzten Jahrzehnten beispiellose Erfolge erzielt. Das Mittel der Wahl zur Plaquekontrolle ist nach wie vor die mechanische Entfernung des Biofilms. Zusätzlich sind in den letzten Jahren allerdings auch vermehrt Verbindungen untersucht worden, die den Biofilm chemisch und biochemisch entfernen oder so modifizieren sollen, dass dessen Pathogenität reduziert wird.

Die suffiziente Mundhygiene stellt eine Grundvoraussetzung für den dauerhaften Erhalt der oralen Gesundheit dar. In der Gruppen- und Individualprophylaxe werden Mundhygienetechniken entsprechend der motorischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sowie Systematiken, Interdentalhygienetechniken und eine definierte Zahnputzdauer vermittelt. Über die Effektivität dieser Bemühungen ist allerdings nur wenig bekannt. Erste Videobeobachtungsstudien zeigen, dass trotz Teilnahme an Prophylaxemaßnahmen oftmals keine altersentsprechende Zahnputztechnik ausgeführt wird. Zudem wird häufig unsystematisch geputzt, sodass bestimmte Areale nicht erreicht werden. Diese Defizite spiegeln sich in der Plaquebedeckung nichterreichter, aber auch erreichter Areale wider. Als Ergänzung oder sogar als Alternative zur mechanischen Plaquekontrolle werden daher zunehmend Agenzien zur chemischen Plaquekontrolle untersucht und beworben.

Chemische Plaquekontrolle

Da die mechanische Plaquekontrolle oftmals nicht ausreichend ausgeführt wird, können Strategien, die chemisch oder biochemisch zu einer Plaquereduktion oder zu einer Reduktion der Pathogenität der Plaque beitragen, eine vielversprechende Option zur Reduktion von Karies darstellen. Vor allem Personen mit besonderen Bedürfnissen in Bezug auf die Mundhygiene könnten in hohem Maß von derartigen Ansätzen profitieren. Dazu zählen Personen mit manuellen oder geistigen Beeinträchtigungen, Menschen mit einem reduzierten Speichelfluss und damit einem bereits veränderten, oftmals kariogeneren Ökosystem in der Mundhöhle oder Patienten mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen.

In den letzten Jahren sind verschiedene Agenzien zur chemischen Plaquekontrolle untersucht worden. Sie beeinflussen auf sehr unterschiedliche Art und Weise Formation, Reifung und Pathogenität des Biofilms. Zum einen kann die Zahnoberfläche beziehungsweise das Pellikel modifiziert werden, sodass die Adhärenz der Bakterien zur Zahnhartsubstanz verändert und eine initiale Besiedelung der Zahnoberfläche vermieden oder reduziert wird. Zum anderen sind die bakteriellen Kommunikationswege sowie Mechanismen während der Plaqueneubildung potenzielle Angriffspunkte, um die Plaqueneubildungsrate und die Masse des Biofilms zu reduzieren. Zudem kann die Zerstörung der Bakterien selbst ein Ziel sein. Andere Maßnahmen zielen auf die Biochemie und die Zusammensetzung des Biofilms ab, um die Pathogenität der Plaque zu reduzieren, beispielsweise durch die Reduktion der Bildung kariogener Säuren oder die Bildung intra- und extrazellulärer (Speicher-) Kohlenhydrate. Hier stehen vor allem die Modifikation, Elimination oder Reduktion kariesrelevanter Bakterien, wie Streptococcus mutans, im Fokus. Auch extrazelluläre Biopolymere, wie Glucane, verschiedene Proteine und DNA, die für die Adhäsionsstärke des Biofilms an der Zahnoberfläche verantwortlich sind, könnten ein Ziel zur chemischen Kontrolle der Plaque sein. Es werden ebenfalls Ideen verfolgt, mit denen das gesamte Ökosystem der mikrobiellen Flora modifiziert werden soll.

Modifikation der Ökologie des Biofilms

Das Ökosystem der Mundhöhle ist sehr komplex und eine Modifikation nicht trivial. Hinzu kommt, dass die residente bakterielle Flora der Mundhöhle zwar die Ursache plaqueassoziierter Erkrankungen ist, gleichzeitig aber einen Teil der körpereigenen Immunabwehr darstellt. Sie kann daher nicht ohne Weiteres eliminiert werden. Bei Eingriffen in das orale Ökosystem muss beachtet werden, dass Veränderungen nicht nur die Pathogenität reduzieren, sondern gegebenenfalls sogar potenziell erhöhen können. Aufgaben von verdrängten Bakterienspezies könnten beispielsweise durch andere, pathogenere Vertreter einer Bakterienklasse übernommen werden. Dieser Mechanismus, dass eine Spezies die Aufgabe anderer verdrängter übernehmen kann, führt insgesamt dazu, dass Strategien, die auf die Elimination einer einzelnen kariogenen Bakterienspezies abzielen, wenn überhaupt, nur kurzfristig zielführend sind. Es erscheint sinnvoller, die Ökologie der Bakterienflora der Mundhöhle zu stabilisieren und eine Verschiebung des bakteriellen Gleichgewichts bzw. eine Selektion von kariogenen Bakterien zu verhindern. Das soll durch das Einbringen nichtpathogener Keime (Probiotika) erreicht werden. Probiotika sind mikrobielle Lebensmittelzusätze zur Förderung der Gesundheit eines Konsumenten. Das Ziel der Probiotikaanwendung ist, dass pathogene Keime verdrängt werden sollen. Vor der Anwendung muss jedoch sichergestellt sein, dass die eingebrachten Bakterienstämme auch über die Zeit keine Pathogenität entwickeln.

Es sind verschiedene Bakterienstämme mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen untersucht worden. Von verschiedenen Laktobazillenstämmen ging ein positiver Einfluss auf das orale Ökosystem aus. Da die zugeführten Bakterienstämme jedoch nicht dauerhaft in der Mundhöhle kolonisieren, kann ein Effekt beispielsweise auf die Zusammensetzung der Plaque nicht wesentlich über die Dauer der Anwendung hinaus beobachtet werden. Wird der Parameter Kariesreduktion untersucht, zeigen sich ebenfalls nur eingeschränkt positive Ergebnisse; lediglich für Wurzelkaries, nicht aber für koronale Karies konnte ein Effekt nachgewiesen werden. Der ausbleibende Erfolg probiotischer Therapiestrategien ist vermutlich auf die Komplexität der oralen Mikroflora und auf die bereits erwähnte Fähigkeit verschiedener Bakterienspezies, die Aufgabe verdrängter Bakterien zu übernehmen, zurückzuführen. Maßnahmen, die die Plaqueakkumulation oder die Acidogenität des Biofilms direkt beeinflussen, scheinen sinnvoller zu sein als probiotische Ansätze.

Verbindungen und Wirkstoffe

Zahlreiche verschiedene Einzelwirkstoffe sind auf ihr Potenzial zur chemischen Plaquekontrolle untersucht worden. Diese werden zum Teil bereits jetzt in diversen Mundhygieneprodukten verwendet; dazu zählen Triclosan, Chlorhexidindigluconat, polyvalente Metallionen und verschiedene Polymere (siehe Tabelle). Untersuchungen existieren zudem zu Zuckeralkoholen, Aminosäuren, verschiedenen Enzymen, Ammoniumsalzen, sekundären Pflanzenstoffen und Ozon.

Die genannten Wirkstoffe werden in der Regel topisch in Form von Lacken, Gelen, Zahnpasten, Mundspüllösungen, Kaugummis oder Lutschtabletten appliziert. Das Ziel sollte eine möglichst lange Einwirkdauer sein, um eine maximale Wirksamkeit zu erzielen. In diesem Zusammenhang sind Wirkstoffe, die die Plaque gut penetrieren können und sogar in der Plaque über einen längeren Zeitraum retiniert werden können oder eine hohe Substantivität und damit eine lange Verweildauer in der Mundhöhle haben, besonders geeignet. Trotz vieler Vorteile müssen jedoch bei allen Substanzen, die über einen längeren Zeitraum in der Mundhöhle angewandt werden, auch immer unerwünschte Wirkungen bedacht und berücksichtigt werden.

Triclosan

Triclosan wird in einigen Zahnpasten mit der Indikation „antibakteriell wirksam“ bzw. „Plaqueinhibition“ verwendet, meist vor dem Hintergrund der Therapie gingivaler oder parodontaler Erkrankungen. Triclosan hat ein breites Wirkspektrum unter anderem gegen S. mutans, aber auch gegen andere Streptokokkenspezies. Die Substantivität von Triclosan ist relativ gering, sodass das Molekül nur zusammen mit einem Kopolymer (PVM/MA) oder mit Zinkzitrat verwendet wird, um dessen Substantivität und Wirksamkeit zu erhöhen. Mit den in Mundhygieneprodukten verwendeten Konzentrationen (zulässige Höchstkonzentration 0,3 Prozent) wird eine bakteriostatische Wirkung erzielt; insgesamt treten bei diesen Konzentrationen nur wenige Nebenwirkungen auf. Triclosan steht jedoch im Verdacht, durch eine genetische Veränderung von Bakterienstämmen Kreuzresistenzen zu verschiedenen Antibiotika zu verursachen. Allerdings ist die Datenlage dazu widersprüchlich. Die Evidenz für einen kariostatischen Effekt von Triclosan ist jedoch ebenso nur mäßig. Es konnte lediglich eine leichte Reduktion von Wurzel- und Kronenkaries dokumentiert werden. Aufgrund des nur mäßigen Nachweises der Effektivität sollte zur reinen Kariesprävention auf Triclosan, vor allem bei Kindern, verzichtet werden, bis die potenzielle Bildung der Kreuzresistenzen wissenschaftlich gesichert ausgeschlossen werden kann.

Chlorhexidin

Chlorhexidin (CHX) ist eine in höheren Konzentrationen über die Zerstörung der Bakterienmembran bakterizid wirkende Verbindung; in niedrigen Konzentrationen wirkt sie bakteriostatisch durch die Hemmung des bakteriellen Stoffwechsels. Das Wirkspektrum ist breit, und besonders S. mutans reagiert sehr empfindlich auf CHX. Chlorhexidin kann an alle Oberflächen der Mundhöhle binden, sowohl an Hart- als auch an Weichgewebe, und zeigt eine hohe Substantivität. Durch diese Eigenschaft wirkt CHX sehr lange und weit über die eigentliche Anwendung hinaus. In systematischen Übersichtsarbeiten konnte eine deutliche Reduktion der Plaquemenge durch die Anwendung von CHX – zumeist verabreicht als Mundspüllösung – gefunden werden; die durchschnittliche Reduktion betrug etwa 30 Prozent. Die Effekte von Zahnpasten sind aufgrund der geringeren Verfügbarkeit von CHX oft nur unzureichend. Die Anwendung von CHX hat allerdings nicht nur quantitativen Einfluss auf die Biofilmmenge, sondern auch qualitativ durch eine Hemmung der Glykolyse auf die Acidogenität und folgend der Kariogenität der Plaque. Interessanterweise ist jedoch der messbare klinische Effekt deutlich größer als der durch die Wirkweise prognostizierbare Effekt. Die CHX-Nutzung geht mit diversen Nebenwirkungen einher, die bei der Indikationsstellung berücksichtigt werden müssen. Dazu zählen Verfärbungen von Zähnen, Restaurationen und Zunge sowie Veränderungen des Geschmacksempfindens; zudem werden vermehrte Zahnsteinbildung sowie Desquamation und Wundheitsgefühl der Mundschleimhaut beschrieben. Applikationen von CHX sind daher lediglich für Personen mit besonderen Mundhygienebedürfnissen oder für Personen mit niedriger Fluoridversorgung erwägenswert. Auch bei diesen sollte CHX, vor allem aufgrund der Nebenwirkungen mit Auswirkung auf die Mundschleimhaut, nur temporär eingesetzt werden.

Polyvalente Metallionen

Polyvalente Metallionen wurden schon sehr früh zur Kariesprävention genutzt. Allerdings wurden sie wegen Nebenwirkungen und Schwierigkeiten bei der Formulierung zunehmend durch andere Wirkstoffe verdrängt. Derzeit erfahren sie aber, aufgrund von neuen Technologien zur Stabilisierung von Metallionen und zur Reduktion von Nebenwirkungen, neue Beachtung. Potenziell in der Mundhöhle verwendbare Ionen sind Zink (Zn2+), Kupfer (Cu2+), Silber (Ag2+) und Zinn (Sn2+); klinische Relevanz zu Prävention und nichtinvasiver Therapie von Karies haben derzeit Ag2+ und Sn2+. Metallionen wirken sowohl bakteriostatisch als auch bakterizid durch einen direkten Eingriff in den Stoffwechsel der Bakterien; sie hemmen insbesondere Enzyme der Glykolyse, aber auch wachstums- und membranbildungsrelevante Enzyme. Sie können damit, ähnlich wie CHX, sowohl die Plaquemenge als auch die Acidogenität der Plaque reduzieren.

Silberionen in Form von Silberdiaminfluorid (SDF) scheinen derzeit vor allem in der Kinderzahnmedizin einen höheren Stellenwert einzunehmen. Es ist bekannt, dass Silber bereits in niedrigen Konzentrationen eine bakterizide Wirkung entfaltet und ein breites antibakterielles Spektrum bei gleichzeitig geringer Toxizität, sowohl auf die Weichgewebe als auch auf das Pulpagewebe, hat. Diese Eigenschaften werden zur Arretierung aktiver Karies im Milchgebiss genutzt, um damit die Notwendigkeit invasiver Therapiemaßnahmen zu reduzieren. Zudem scheint die Retention von Fluoriden in Form von Kalziumfluorid auf der Zahnoberfläche signifikant erhöht zu werden; dies hat durch Formierung eines ausgeprägten Fluoridreservoirs einen kariespräventiven Effekt. Es wird vermutet, dass SDF nicht nur kariesarretierend wirkt, sondern sogar die Bildung neuer kariöser Läsionen besser verhindern kann als Natriumfluorid; umfangreiche Studien dazu stehen allerdings noch aus. Ein entscheidender Nachteil von silberhaltigen Präparaten ist jedoch, dass Silberionen mit Schwefelverbindungen in der Mundhöhle reagieren und schwarzes Silbersulfid bilden können, was zu einer Dunkelfärbung der zu arretierenden Läsionen führt und ein ästhetisches Problem darstellen kann.

Zinnionen stellen eine weitere Option dar. Bereits in den 1950er Jahren wurden Zinnionen zur Prävention von Karies verwendet. Zinnionen reduzieren die Plaqueneubildungsrate und verändern die Zusammensetzung der Plaque mit einer Tendenz zu weniger säurebildenden und -toleranten Bakterien. Meist wird Zinn in Kombination mit Fluorid verwendet. Während die Zinnionen die P-Glycerin-Aldehyd-Dehydrogenase und die Aldolase, zwei Enzyme der Glykolyse, inhibieren, hemmen Fluoride ein anderes Enzym der Glykolyse, die Enolase. Zinn und Fluorid zeigen damit eine komplementäre Wirkung, behindern sich gegenseitig nicht, was in einer verstärkten Hemmung der Glykolyse und damit in einer deutlichen Reduktion der Acidogenität resultieren kann. Auch hemmen Fluoride den Glucosetransport nach intrazellulär, wodurch die Acidogenität weiterreduziert wird. Durch die Anwendung von Zinnionen in Kombination mit Fluorid werden, ähnlich wie bei Silberionen, die Formation von Kalziumfluorid auf der Zahnoberfläche und die Säureresistenz der Zahnhartsubstanz selbst erhöht. Allerdings kann die Anwendung zinnionenhaltiger Produkte ebenfalls Zahnverfärbungen bewirken. Es handelt sich aber, anders als bei den silberhaltigen Präparaten, um entfernbare Auflagerungen. Mitunter werden ein adstringierendes Gefühl und ein metallischer Geschmack im Mund beschrieben. Vor allem Personen mit eingeschränkter Mundhygiene(-fähigkeit) oder eingeschränktem Speichelfluss können durchaus sehr von der Gabe zinnhaltiger Produkte profitieren. Ist die Mundhygiene jedoch gut, zeigt die Gabe von Zinn in Kombination mit Fluorid gegenüber der Gabe von herkömmlichen Fluoriden keinen kariespräventiven Vorteil, sodass die genannten Nebenwirkungen sicher nicht in Kauf genommen werden müssen.

Zuckeralkohole

Das Kauen von zuckerfreien Kaugummis wird schon seit langer Zeit als kariespräventive Maßnahme empfohlen. Die Wirkung basiert auf der Stimulation des Speichelflusses, sodass die Elimination von zuckerhaltigen Speiseresten aus der Mundhöhle beschleunigt und die Dauer des pH-Wert-Abfalls in der Plaque durch vermehrte Sezernierung von Bikarbonat während der Speichelstimulation reduziert werden. Die zum Süßen von Kaugummis zugesetzten Zuckeraustauschstoffe, zumeist Zuckeralkohole wie Xylit oder Sorbit, können zusätzlichen Nutzen bringen. Xylit ist ein natürlicher Bestandteil in verschiedenen Pflanzen und hat eine ähnliche Süßkraft wie Saccharose sowie einen zur Saccharose vergleichbaren Geschmack. Damit eignet es sich besonders für zuckerfreie Lebensmittel. Der Zuckeralkohol kann von Bakterien nicht verstoffwechselt werden; vielmehr führt er sogar zu einer negativen Energiebilanz innerhalb der Bakterien. Daher wird nicht nur die Glykolyse gehemmt, was zu einer Reduktion der Pathogenität bzw. der Acidogenität der Plaque führt, sondern auch die Bildung intra- und extrazellulärer Polysaccharide inhibiert. Xylit ist damit in der Lage, die Bakterien des Biofilms aktiv „auszuhungern“ . Ein weiterer positiver Aspekt des regelmäßigen Xylitkonsums ist die Selektion von weniger virulenten, xylitresistenten S. mutans, was eine weitere Reduktion der Kariogenität des Biofilms bewirkt. Studien konnten zeigen, dass durch die Supplementation von Xylit in Süßigkeiten und Kaugummis eine Reduktion des Karieszuwachses um bis zu 45 Prozent erzielt werden kann. Für andere Zuckeralkohole liegen weniger Daten im Hinblick auf den Wirkmechanismus vor, allerdings weisen auch sorbithaltige Kaugummis eine kariespräventive Wirkung auf. Diese basieren vermutlich im Wesentlichen auf dem oben genannten speichelstimulierenden Effekt.

Auch wenn eine Überlegenheit von Xylit gegenüber anderen Zuckeralkoholen nicht eindeutig belegt ist, zeigen Studien immer wieder die gleiche Tendenz. Um eine ausreichende Wirkung zu erzielen, ist die regelmäßige Anwendung – täglich für zehn bis 20 Minuten – nötig. Dabei sollten insgesamt etwa 6 bis 10 g mit einer möglichst hohen Frequenz am Tag konsumiert werden (zwei- bis drei-, besser fünf- bis sechsmal).

Derzeit werden auch xylithaltige Mundhygieneprodukte wie Zahnpasten oder Mundspüllösungen auf den Markt gebracht. Produkte, die nur Xylit als Wirkstoff, nicht aber Fluorid enthalten, sollten nicht empfohlen werden, da keine Informationen über ihre kariesprotektiven Langzeiteffekte vorliegen. Es scheint aber synergistische Effekte von Fluoriden und Xylit, Triclosan/Fluorid und Xylit oder CHX und Xylit zu geben, sodass hier eventuell neue Optionen zur Kariesprävention bei Personen mit besonderen Bedürfnissen im Bereich der Mundhygiene entstehen könnten. Als jetzige Empfehlung kann das regelmäßige Kauen oder Lutschen von xylithaltigen Kaugummis oder Bonbons durchaus empfohlen werden; besonders Personen mit starker S.-mutans-Kolonisation könnten aus dem Selektionseffekt von weniger pathogenen S. mutans einen Nutzen ziehen.

Aminosäuren

Die wohl am meisten im Kontext von Plaquekontrolle und Kariesprävention untersuchte Aminosäure ist Arginin. Sie wird im Rahmen des Harnstoffzyklus im Körper selbst gebildet und gilt als unbedenklich. Im Speichel kann sie durch bestimmte Bakterien, wie Streptococcus sanguinis, oder durch die im Speichel vorkommende Arginin-Deiminase unter Freisetzung von Ammoniak metabolisiert werden. Ammoniak ist basisch, sodass die intraorale Freisetzung eine Erhöhung des pH-Werts in Speichel und Plaque bewirken kann. Neben der schnelleren Neutralisation verhindert das Anheben des pH-Werts zusätzlich eine Verschiebung des Gleichgewichts in der Plaque in Richtung acidurischer und acidogener Keime, selbst wenn Zucker konsumiert wird. Arginin wird in Kombination mit einer schwerlöslichen kalziumreichen Verbindung in Mundhygieneprodukten formuliert; dies resultiert in einer zusätzlichen Anreicherung von Kalzium und soll die Remineralisation fördern. Argininhaltige Produkte sind insgesamt sehr vielversprechend, denn schon ohne Fluorid hat die Aminosäure einen zum Fluorid vergleichbaren kariesprotektiven Effekt. In Kombination mit Fluorid scheinen argininhaltige Präparate durch den additiven Effekt beider Wirkstoffe sogar den konventionellen, fluoridhaltigen Präparaten überlegen zu sein. Diese Produkte können bei Personen mit besonderen Risikofaktoren hilfreich sein; dazu zählen vor allem Personen mit hoher Kariesaktivität, eingeschränkter Mundhygiene oder reduziertem Speichelfluss.

Weitere Verbindungen

Zahlreiche weitere Verbindungen sind auf ihr Potenzial als Wirkstoff zur chemischen Plaquekontrolle untersucht worden. Dazu gehören (Bio-)Polymere, wie Chitosan oder Polyphosphate, quartäre Ammoniumsalze, spezifische Enzyme, sekundäre Pflanzenstoffe und essenzielle Öle. Ebenfalls untersucht wurden kalziumreiche Verbindungen, wie CPP-ACP oder Hydroxylapatite. Für all diese Verbindungen liegen nur wenige Daten vor. Für einige konnte ein plaqueinhibierender oder plaquereduzierender Effekt gezeigt werden. Dies betrifft vor allem sekundäre Pflanzenstoffe, wie beispielsweise Phenole und Phenolsäuren, Chinone, Flavone und Flavonide, Terpene und so weiter, sowie essenzielle Öle – Mischungen aus bis zu 100 verschiedenen aktiven Substanzen und sekundären Pflanzenstoffen. Für CPP-ACP und Hydroxylapatit finden sich unter Laborbedingungen zwar ebenfalls Effekte auf die Plaque, die jedoch, zumindest für CPP-ACP, klinisch nicht verifiziert werden konnten. Das Biopolymer Chitosan ist in der Lage, die Vitalität des Biofilms zu modifizieren und die Säuretoleranz von S. mutans zu reduzieren. Ähnliches konnte für peroxidasehaltige Mundspüllösungen nachgewiesen werden. Allerdings gibt es kaum Informationen darüber, ob diese Wirkstoffe tatsächlich die Kariesinzidenz oder die Schwere von Karies besser reduzieren können als etablierte Präventionsverfahren mit Fluoriden. Auch das in den 1990er Jahren viel umworbene Ozon konnte die Erwartungen nicht erfüllen, da das Gas nicht in der Lage ist, Bakterien im komplexen oralen Biofilm zu zerstören.

Literatur bei der Autorin

Korrespondenz: Prof. Dr. Nadine Schlüter Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Universitätsklinikum Freiburg

* Dieser Artikel umfasst den zweiten Teil des Originalartikels „Mechanische und chemische Kontrolle des supragingivalen Biofilms“ der in Der Freie Zahnarzt 10/2015, DOI 10.1007/s12614-015-5451-z, © Springer Verlag, erschienen ist. Der 1. Teil erschien in Ausgabe 4/2016.

Fazit für die Praxis

• Die mechanische Entfernung des supragingivalen Biofilms ist aus kariologischer Sicht nach wie vor das Mittel der Wahl zur Plaquekontrolle.

• Die chemische und biochemische Beeinflussung des Biofilms stellt eine zusätzliche Option zur Plaquekontrolle dar. Die Wirkung auf den supragingivalen Biofilm ist durchaus sehr gut, allerdings ist der kariespräventive Effekt bisweilen nicht sicher belegt. Sie stellen keine Alternative zur mechanischen Plaquekontrolle oder zur Gabe von Fluoriden dar. Sie können aber bei Patienten mit hoher Kariesaktivität oder speziellen Bedürfnissen durchaus von Nutzen sein, sodass diese Personengruppen von einer adjuvanten chemischen Plaquereduktion profitieren können.

Nadine Schlüter, Zahnarzt 5/2016

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