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Dr. Hady HaririanUniversitätszahnklinik WienHaririan

 
Zahnheilkunde 1. April 2016

Ein ganz besonderer Saft

Die Aufgaben des Speichels sind höchst vielgestaltig – unter anderem ist er ein Garant für eine widerstandsfähige Immunabwehr.

Die zentrale Bedeutung natürlicher Mundflüssigkeit für die Mundgesundheit ist unbestritten. Speicheldrüsensekret reguliert die orale Mikroflora, trägt maßgeblich zum Schutz der Zähne und Mundschleimhaut bei und spielt eine wesentliche Rolle bei der Vorverdauung. Dieses natürliche Abwehrsystem der Mundhöhle zum Schutz vor Infektionen und Erkrankungen ist dabei insbesondere auf die Wirkungskraft von Enzymen und Proteinen angewiesen.

Der menschliche Organismus sondert pro Tag etwa 0,5 bis 1,6 Liter Speichelflüssigkeit ab, die in den großen Speicheldrüsen an Ohren, Unterkiefer und Unterzunge sowie in den kleinen Speicheldrüsen an Lippen, Wangen, Gaumen und in der Zungen-Rachen-Region gebildet wird. Dabei stimulieren beispielsweise auditive, visuelle und gustatorische Reize, Appetitgefühle und Kaubewegungen die Speichelproduktion und -sekretion.

Dieser Prozess geht mit erhöhter Wasser- und Salzzufuhr einher. Obwohl Speichelsekret zu mehr als 99% aus Wasser besteht, variiert seine Konsistenz in Abhängigkeit von der jeweils produzierenden Drüse zwischen serös und mukös. Zurückzuführen ist dieser Umstand auf seine ebenfalls variable, drüsenabhängige Zusammensetzung. Neben Mucinen und Mineralstoffen wie Natrium, Calcium, Kalium und Phosphat besteht Speichel aus Enzymen und Proteinen, die als Stoffwechselkatalysatoren in der Mundhöhle aktiv werden und somit eine enorme Bedeutung für die Mundgesundheit haben.

Dr. Hady Haririan von der Universitätszahnklinik Wien bestätigt das Potenzial des Wirkungsfeldes der natürlichen Mundflüssigkeit für die Zahnmedizin: „Speichel als Diagnoseinstrument und Krankheitsindikator ist im Klinikalltag längst angekommen. Medizinische Studien haben inzwischen gezeigt, welche Chancen sich durch die Speichelflüssigkeit als natürliches Abwehrsystem für die Mundgesundheitsversorgung bieten!“

Bedeutsam für Ernährung, Zähne und Mikroflora

Die großen Speicheldrüsen sondern den Großteil seröser Speichelflüssigkeit ab und stellen die Befeuchtung und Reinigung der Mundhöhle sicher. Speichel ist somit maßgeblich für den Geschmacks- und Geruchssinn des Menschen und seine Sprechfähigkeit verantwortlich. Die kleinen Speicheldrüsen hingegen bilden das Verdauungsenzym α- oder Speichel-Amylase sowie 70% des gesamten Speichelproteins.

Die so angereicherte Speichelflüssigkeit leitet den Verdauungsvorgang ein, indem sie die Nahrung zu einem Speisebrei vermengt, der geschluckt werden kann. Speichel ist darüber hinaus von elementarer Bedeutung für die Gesundheit der Zähne und des Zahnfleisches als Bestandteil der Mundschleimhaut. Insbesondere die Proteine des Speichels gewährleisten das empfindliche Gleichgewicht einer gesunden oralen Mikroflora.

Proteine im Speichel schützten Zähne und Zahnfleisch

Indem Speichel das orale Hart- und Weichgewebe mit einem feinen Schutzfilm überzieht, der reich an Proteinen ist, wird die Regeneration der Zähne und des Zahnfleisches sichergestellt. Die so gebildeten Pellikel oder Schmelzoberhäutchen auf den Zahnoberflächen verhindern dentalen Mineralstoffmangel und ermöglichen zugleich die Wiedereinlagerung von Kalk und Salzen. Im Verein mit der Befeuchtungsfunktion des Speichels wird das Zahnkariesrisiko dabei wirkungsvoll reduziert. Mit einem durchschnittlichen pH-Wert von 6,7 wirkt Speichel zudem als effektiver Säure-Puffer, der dem Verlust von Zahnhartsubstanz vorbeugt. „Speichelproteine spielen eine wichtige Rolle beim Schutz der Zähne vor Karies und Zahnerosion“, attestiert auch Dr. Hady Haririan.

Orale Probleme durch instabile Mikroflora

Zahnkaries, Zahnerosion und Zahnfleischerkrankungen weisen auf ein Ungleichgewicht der oralen Mikroflora hin. Die Ursachen hierfür sind einerseits in den vielfältigen Veränderungen zu suchen, die der menschliche Organismus im Laufe seines Lebens durchläuft. Diese intrinsischen Faktoren, die eine deutlich spürbare Wirkung auf die Mundgesundheit haben können, ergeben sich aus hormonellen Schwankungen, die beispielsweise während einer Schwangerschaft oder in der Menopause auftreten.

Aber auch Stress und Depressionen beeinflussen das Abwehrsystem der Mundhöhle negativ. Andererseits unterliegt die Mundgesundheit extrinsischen Faktoren. Rauchen, Diäthalten sowie die Einnahme von Medikamenten können die Salivation und damit die orale Immunabwehr empfindlich beeinträchtigen. Eine Reaktivierung des mikrobiellen Gleichgewichts im Mund kann hierbei durch Stärkung der natürlichen Schutz- und Abwehrkräfte des Speichels herbeigeführt werden. Die große Bedeutung des Speichels für die Mundgesundheit ist unstrittig.

Eine Vielzahl von hemmenden und begünstigenden Faktoren beeinflusst die Speichelproduktion. Einige dieser Faktoren sind abhängig von genetischen Dispositionen, die beispielsweise über die Aktivität der Speichelproteine und Immunfähigkeit des Einzelnen bestimmen. Andere wiederum werden von der jeweils individuellen Allgemeingesundheit, Lebensführung und dem Alter bestimmt. Hemmende Faktoren sind u. a. Koffein-, Nikotin- und/oder Alkoholkonsum, hormonelle Schwankungen (z.B. Menopause), permanente Mundatmung, Stress und Depressionen, unzureichende Flüssigkeitszufuhr, stark zuckerhaltige Ernährung, Diäthalten, Hungerphasen, Essstörungen, Medikamenteneinnahme (z.B. Antihypertonika, Antiarrhythmika, Hypnotika, Psychopharmaka) und Erkrankungen der Mundhöhle, Stoffwechselkrankheiten, Krebserkrankungen) sowie Strahlen- und Chemotherapie.

Zu den begünstigenden Faktoren für die Speichelproduktion zählen regelmäßige Mundhygiene und Zahnpflege, ausgewogene, zuckerarme Ernährung, Nasenatmung, ausreichende Flüssigkeitsversorgung, intensive Kaubewegungen (z.B. durch Verzehr von Rohkost, Vollkornprodukten) und das Kauen zuckerfreier Kaugummis. Außerdem regen stark säurehaltige Zitrusfrüchte, zuckerfreie Bonbons oder Minze den Speichelfluss an.

Mikrobielles Gleichgewicht

Ein ausgeglichenes Mikrobiom aus kommensalen, symbiotischen und pathogenen Mikroorganismen trägt wesentlich zur Mundgesundheit und zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Sichergestellt wird es durch einen hochwirksamen Speichelcocktail aus Enzymen und Proteinen, der Infektionen und Erkrankungen durch Bakterien, Viren oder Pilze vorbeugt und wenn nötig entgegenwirkt.

Enzyme im Speichel erhalten das von Natur aus antibakterielle Milieu in der Mundhöhle und können kaskadenförmig agieren, um die natürliche Bildung von Hypothiocyanit via Wasserperoxid zu katalysieren. Hypothiocyanit ist eine wichtige antimikrobielle Komponente des Mundes. Proteine wie Lysozym und Lactoferrin behindern und unterbinden das Wachstum schädlicher Mikroorganismen auf der Mundschleimhaut. Hier entfaltet Speichelflüssigkeit als orales Abwehrsystem gegen krankheitserregende Mikroorganismen seine volle antibakterielle, antivirale und antifungale Wirkung.

Fazit

Speichel erfüllt also eine Vielzahl wichtiger Aufgaben. Angereichert mit Enzymen und Proteinen, entwickelt er bemerkenswerte Abwehrmechanismen. Speichelsekret reinigt und befeuchtet die Mundhöhle, trägt maßgeblich zum Schutz und zur Regeneration der Zähne und des Zahnfleischs bei, beschleunigt die Wundheilung und erleichtert die Verdauung. Indem Speichelsekret schädliche Mikroorganismen bekämpft und nützliche Bakterien in ihrer Entwicklung fördert, wird die orale Mikroflora zum Schutz vor Infektionen und Krankheiten also äußerst wirkungsvoll reguliert.

Pfadfinder Kommunikation, Zahnarzt 4/2016

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