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PD Dr. Ingrid WendlTagungsleiterin der 45. KFO Fortbildungstagung
 
Zahnheilkunde 1. April 2016

Schnelligkeit macht auch vor der Kieferorthopädie nicht halt

Rascher Behandlungserfolg ist nicht das einzige aber ein wichtiges Kriterium für den Patienten, wenn er sich für oder gegen eine Therapie entscheidet.

Was für den Patienten eine qualitative Behandlung ist, warum manche Themen Dauerbrenner in der Kieferorthopädie sind und vor allem wann die Beschleunigung von Zahnbewegungen Sinn ergibt und wann nicht, darüber spricht Priv.-Doz. Dr. Brigitte Wendl, Tagungsleiterin der 45. Internationalen kieferorthopädischen Fortbildungstagung, im Gespräch mit dem Zahnarzt.

Schnelligkeit ist das Thema des Vorkongresses – und auch eines unserer Zeit. Wie stehen Sie zu dieser Tendenz der Beschleunigung der Zahnbewegungen in der Kieferorthopädie?

Wendl: Unter Berücksichtigung der Kooperationsbereitschaft und individueller biologischer Faktoren jedes Patienten, wie Knochendichte, Wurzelform und Resorptionsneigung der Zähne, Zustand des Alveolarknochens und des Parodontiums, Wachstumsrichtung u. ä. m., kann man mit einem gut durchdachten Behandlungsplan und den richtigen kieferorthopädischen Geräten die Behandlungszeit heute sehr wohl effektiv und auch gesundheitsschonend verkürzen. Selbstverständlich stehe ich neuen Behandlungsmethoden offen gegenüber, ihre Wirksamkeit muss in Studien untersucht werden und diese dürfen für den Patienten nicht zu belastend sein.

Wie sieht es mit den chirurgischen Techniken für schnellere Zahnbewegungen aus?

Wendl: Die neueren chirurgischen Techniken, wie etwa Piezozision oder Kortikotomie, erlauben eine kurzzeitige Beschleunigung für ein paar Monate. Nach dieser Zeit bringen sie jedoch keinen Vorteil mehr und im Moment gibt es dazu auch noch wenig evidenzbasiertes Wissen.

Gibt es eine Methode zur Behandlungsbeschleunigung, bei der Sie skeptisch sind?

Wendl: Ja, beim Einsatz von Medikamenten. Da gibt es zu viele Nebenwirkungen. Das ist meines Erachtens nicht zu empfehlen.

Die chirurgische interdisziplinäre Intervention ist Schwerpunktthema dieser Tagung. Was bringt sie?

Wendl: Gute Behandlungsergebnisse und aufgeklärte Patienten! Speziell bei interdisziplinären Fällen, wo zusätzlich zum Zahnarzt, die Intervention eines Chirurgen und eines Parodontologen notwendig wird, gilt es, die Arbeiten gut aufeinander abzustimmen. Für den Patienten wird so auch das beste Ergebnis erreicht. Der Patient weiß noch vor Beginn über alle Alternativen, alle notwendigen Schritte sowie Kosten Bescheid und kann auf dieser Basis auch besser die Vor- und Nachteile, wie etwa die einer monognathen oder bimaxillären Osteotomie, abwägen. Das alles hat letztendlich Einfluss auf den Behandlungserfolg und die Dauer der Therapie.

Ist es das, was für den Patienten auch die Qualität in der Zahnmedizin ausmacht?

Wendl: Prioritär für den Patienten ist es, dass er nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft behandelt wird, also evidenzbasiert. Die Behandlungstechnik an sich ist ihm dagegen weniger wichtig.

KL III Fälle und offener Biss als häufige OP Fälle sind auch ein Dauerthema?

Wendl: Eine Sensibilisierung für diese ist deshalb wichtig, weil hier oftmals eher früh entschieden werden muss, welche Behandlungsform die beste für den Patienten ist. Eine Frühbehandlung im Kindesalter führt zum Beispiel bei Klasse III Fällen zu größeren Erfolgen; ebenso bei einem offenen Biss. Oft empfiehlt es sich bei dieser Indikation auch frühzeitig Zungenhabits zu therapieren oder andere Lösungen für die meist myofunktionellen Probleme zu finden.

Wie hat die sogenannte „Gratiszahnspange“ das Verhalten der Patienten beeinflusst?

Wendl: Wie erwartet interessieren sich nun auch Patienten für eine Zahnregulierung, die früher die finanziellen Möglichkeiten nicht hatten. Die Erwartungshaltung ist aber in etwa die gleiche geblieben.

Inwiefern haben sich die österreichischen Kieferorthopäden an diese Neuerung anpassen müssen?

Wendl: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, um alle Herausforderungen absehen zu können. Für eine optimale Versorgung des Patienten werden aber weitere Diskussionen und Verhandlungen erforderlich sein. Auf der Behandlerseite hat diese Neuerung ein Mehr an bürokratischem Aufwand gebracht, der nicht einfach in den Praxisalltag zu integrieren ist. Auch hier muss sich einiges erst noch entwickeln.

In welche Richtung geht es Ihrer Ansicht nach für die Kieferorthopädie generell weiter?

Wendl: Die Methoden und Techniken, die in der Diagnostik zum Einsatz kommen, werden rasant weiterentwickelt, wie etwa die Scanner für Modelle, enorale Scanner und digitale Setups. Gerade wegen oder trotz all der Fortschritte ist es seitens der Behandler wichtig, aktiv mitzudenken sowie Einfluss auf die Entwicklungen zu nehmen und dies nicht anderen zu überlassen.

Andreas Scheiderbauer, Zahnarzt 4/2016

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