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© Andreas Tischler/Kitzbühel Tourismus
Nächtliches Kitzbühel: vorne der Dorffriedhof, im Hintergrund die Streif.
 
Zahnheilkunde 29. Februar 2016

Implantation am Limit

Die kitzimplantweek 2016 der Akademie für orale Implantologie punktete mit praxisbezogenem Wissen, Tipps und reichlich mehr.

„ein Problem – eine Lösung“ war das Motto der diesjährigen Veranstaltung. Der stilvolle Tagungsort, ein äußerst durchdachtes Programm, ein vielfältiges Angebot an Workshops und OP-Videos sowie die unterhaltsamen Rahmenbedingungen, von Köstlichkeiten am Buffet bis hin zu präsentierter neuester Technologie schufen eine perfekte Kombination aus beruflicher Fortbildung und Genuss.

Organisiert wurde die diesjährige 11. Implantologische Intensivtagung in bewährter Weise von der Akademie für orale Implantologie: Prim. Dr. Rudolf Fürhauser, PD Dr. Dieter Busenlechner, Prof. Dr. Georg Mailath-Pokorny, Prof. DDr. Robert Haas, Prof. DDr. Georg Watzek sowie Prof. DDr. Werner Millesi und selbstverständlich dem gesamten weiterem Team. Navigierte Implantologie, optimierte Teamarbeit, Keramik- und ultrakurze Implantate als Problemlöser, Behandlungsmöglichkeiten bei Periimplantitis und –mukositis sowie Platform-Switching und Behandlungsabläufe bei komplizierten Augmentationen waren nur ein Bruchteil des reichhaltigen Themenangebots, denen sich über zehn national und international renommierte Referenten im Rahmen der diesjährigen Fortbildungswoche intensiv widmeten.

Implant Circle Training

Das umfangreiche Programm ist dabei auch heuer wieder progressiv geblieben: Das Generalthema „ein Problem – eine Lösung“ garantierte, dass nicht allein Idealversorgungen besprochen wurden, sondern dem Geist der Veranstaltung entsprechend auch ganz ungeschminkt Problemfälle diskutiert wurden. Zusätzlich wurde mit dem Implant Circle Training eine Nachmittagsveranstaltung eingeführt, bei der die Teilnehmer insgesamt dreistündige Workshops pro Nachmittag rotierend besuchen konnten. Eine weitere Neuheit war der erstmals stattfindende Vor-Kongress: Allen Interessierten wurde die Möglichkeit geboten, den alle fünf Jahre gesetzlich vorgeschriebenen Kurs für Strahlenschutzbeauftragte sowie einen Notfall-Kurs angepasst an die Zahnarztpraxis zu absolvieren.

Charity am Hahnenkamm

Zusätzlich zum äußerst breit aufgestellten und fachlich fundierten Kongressprogramm gab es ein paar Highlights am „Rande“: Im Rahmen der Fortbildungswoche bot sich den anwesenden Zahnärztinnen und Zahnärzten außerdem die Möglichkeit, an einem Charity Skifahren mit Alexandra Meissnitzer – Doppelweltmeistern/Gesamtweltcupsiegerin/Olympia- und WM-Medaillengewinnerin – teilzunehmen, bei dem die Spenden an die Tiroler Bergrettung gingen. Außerdem warteten u.a. eine Fackelwanderung, ein Kinoabend im Filmtheater von Kitzbühel, eine klassischen „Streifparty“ sowie ein Abschlussabend in der Streifalm auf die Teilnehmer.

Errare humanum est

„Der Mensch: ein Sicherheitsrisiko? Optimierte Teamarbeit – der Schlüssel zu hoher Sicherheit“: Diesem Thema nahm sich Sonntagvormittag in seinem Eröffnungsvortrag Flugkapitän Manfred Müller, Leiter der Flugsicherheitsforschung des Lufthansa-Konzerns, an. Gegenseitige Überwachung in einem optimalen Hierachiegefälle sowie die Fähigkeit, aktiv und passiv mit Kritik umzugehen sind laut Müller ebenso wie die Akzeptanz der eigenen Fehlerhaftigkeit Grundvoraussetzungen für gute Teamarbeit. Durch optimale soziale Interaktion im Team können rund 80% aller human errors in komplexen Situationen entschärft werden. Zusätzlich bot der erfahrende Pilot am darauffolgenden Nachmittag ein Seminar an, in dem er über die Risikoreduzierung im Alltag sowie über die Anwendung von Sicherheitsstrategien der Luftfahrt auf die Medizin referierte.

Trendwende in der Implantologie

Wer sich über Trends der Keramikimplantate informieren wollte, war anschließend nachmittags im Implantatworkshop „Keramik- und ultrakurze Implantate als Problemlöser?“ gut aufgehoben. Bei diesem Hands-On-Workshop wurde sowohl in Theorie und Praxis verdeutlicht, warum die Kontrolle der Achsenneigung von Implantaten sowie die richtige Indikation dieser Implantate eine wesentliche Rolle für den Therapieerfolg spielen.

Gleichzeitig bot sich den Anwesenden auch die Möglichkeit, als Alternativprogramm am Seminar „5 von 4 Personen haben ein Problem mit Zahlen – statistisches Minimalwissen zum Verständnis wissenschaftlicher Publikationen“ teilzunehmen. Der Montagvormittag stand ganz im Zeichen der periimplantären Weichgewebsentzündungen. „Welche Exit-Strategien gibt es bei Periimplantitis & Perimukositis?“, „Welche erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten dieser Erkrankungen sind evidenz-basiert?“ und „Wann ist der richtige Zeitpunkt zur Explantation und Reimplantation?“: Diesen Fragen ging Prof. Robert Haas zum Auftakt des 3. Fortbildungstages nach.

In weiterer Folge konnten die Besucher der kitzimplantweek 2016 erneut aus drei weiteren Workshops zu Thema Implantologie auswählen: dem „Implant Circle Training“, „Die klinisch herausfordendsten Röntgenbefunde der letzten zwei Jahre. Aus der Praxis – für die Praxis – radiologische Spezialitäten“ sowie „Platform Match oder Platform Switch. Mit dem kleinen Spalt zum großen Erfolg...“.

Im Zuge des durchdachten ersten Implant Circle Training konnten die Teilnehmer an drei einstündigen Workshops teilnehmen. Einer davon war „Der ästhetische Bereich – optimal versorgt durch individualisierte Implantatprothetik“. Schwerpunkt waren die Einzelzahnversorgung im ästhetisch relevanten Bereich der Oberkiefer-Front, welche nach wie vor eine der größten Herausforderungen eines Implantatprothetikers darstellt. Wie Probleme von schmalen Lücken sowie besonders hohen Lachlinien sinnvoll gelöst werden können, wurde eingehend besprochen. In weiterer Folge des Trainings wurden ebenfalls die Versorgung des zahnlosen Patienten mit dem All-on-4™ Konzept geübt. Um Augmentationen und langwierige Behandlungen zu vermeiden und die Patientenzufriedenheit zu erhöhen, wurde dieses bewährte Konzept entwickelt. In diesem Kurs wurden alle Vorteile und Herausforderungen von eingeneigten Implantaten aufgezeigt und die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, an Modellen alle dazugehörigen Komponenten zu testen. Wie sich Wettbewerbsdruck, Differenzierung und Patientenerwartungen als zukünftige Herausforderung in der Zahnmedizin darstellen, konnten die Besucher des Implant Circle Training im Seminar „Der Zahnmediziner als Unternehmer. Mehr Behandlungsakzeptanz durch professionelle Beratungsgespräche“ erfahren und erarbeiten.

Platform Switch

Gleichzeitig bot sich interessierten Zahnärzten die Gelegenheit, alles rundum das Thema Platform Switching zu erfahren. Ist weniger Abutment wirklich mehr? Welche Wege führen zum optimalen Erhalt des periimplantären Knochengewebes? Wie schaffen wir Bakterienfreiheit zwischen Implantat und Abutment und welcher Verbindungstyp hat nun die geringsten Mikrobewegungen? Diese Fragestellungen wurden reichhaltig im Workshop „Platform Match oder Platform Switch?“ beantwortet.

Implantatverlust war zugleich das Stichwort Dienstagvormittag im Rahmen des energiegeladenen Vortrags „Der Implantatverlust – was nun? Ein kleiner Verlust schreckt, ein großer zähmt.“ Selbst bei Implantaterfolgsraten von 97 % kommt es früher oder später auch bei größter Vorsicht und gewissenhaftestem Arbeiten zu Verlusten. Aus diesem Grund wurde in umfangreichem Stil über Erfahrungen dieser Problematik sowie Misserfolg und deren Therapiealternativen erläutert.

Nach der Mittagspause bot das spannende Workshop-Programm den wieder gestärkten Kollegen erneut eine Bandbreite an Fortbildungspunkten. Zur Auswahl gab es einen Implant Circle, mit der Möglichkeit drei verschiedene Implantatsysteme zu testen, das Seminar „Navigation Planungsluxus oder sinnvolles Tool. Indikation, Kontraindikation, Möglichkeiten zur Vereinfachung der Behandlung und Fallstricke der schienengeführten Operationstechnik“ sowie „Implantation am Limit. Sicheres Operieren durch präzises anatomisches Wissen“.

Knochenaufbau – muss das sein?

Themenschwerpunkt am Vormittag des fünften Fortbildungstages war der Knochenaufbau im Vortrag „Die unvermeidliche Augmentation: Problemlösungen, Risikoevaluierung und Komplikationsvermeidung“. Dabei wurde eines klar festgestellt: Vergleicht man augmentationsvermeidende Verfahren mit Kieferaufbauten vor oder bei Implantation, zeigt sich, dass die Knochenaugmentation zusätzliche Risiken für intraoperative Komplikationen, postoperative Morbiditäten der Patienten wie auch Langzeitkomplikationen verbirgt. Diese Problematik wurde im Rahmen dieser Präsentation erläutert. Die Zuhörer waren dabei von immer wieder eingestreuten Praxistipps und Erklärungen begeistert.

Nach einer Mittagspause, bei der es die einen auf die Skipiste zog, die anderen sich von OP-Videos an Erfahrungsschatz bereichern ließen, begann der nächste Workshopnachmittag. Themenschwerpunkte waren im Rahmen des Implant Circle Training Augmentationen mit Knochenersatzmaterialien, die Socketpreservation sowie die diversen Zugänge im Zuge eines Sinuslifts. Insuffizientes Knochenangebot ist das Hauptproblem jedes Implantologen. Wie diesem Problem mit Hilfe von Knochenersatzmaterial und Barrieremembranen Abhilfe verschafft werden kann und wann man doch zu augmentationsvermeidenden Strategien schreiten sollte, wurde hier praktisch veranschaulicht.

Ästhetische Zahnheilkunde

„Prothetisch-ästhetische Probleme“ war zugleich das Stichwort für das Vortragsprogramm am vorletzten Tag der diesjährigen implantologischen Fortbildung in Kitzbühel. Funktion und Ästhetik – diese beiden Begriffe sind untrennbar und doch scheint die Ästhetik immer im Vordergrund zu stehen. Im Rahmen einer Problemanalyse wurde das häufigste Problem ästhetischer Komplikationen besprochen: die falsche (= bukkale) Implantatposition.

Die Dokumentation einer erfolgreichen Implantatbehandlung, welche Aufbereitungsbohrer bei welchem Implantatdurchmesser verwendet werden sowie die Fragestellung wann man einen Gewindeschnitt benötigt und wo die Unterschiede zwischen Einzelzahnversorgungen und verblockten Konstruktionen liegen waren nur ein Bruchteil der Themen, die am vorletzten Nachmittag bearbeitet wurden.

Wer sich über Methoden für Blutstillung von Umstechung bis hin zum Verklopfen sowie über neue hypokoagulierende Medikamente oder über die virtuelle Planung der Implantatposition anhand von dreidimensionalen Röntgen informieren wollte, war in den parallel stattfindenden Seminaren „Der blutungsgefährdete Patient – Blutstillung in der Praxis“ und „Der volldigitale Workflow. Implantologie im Zeitalter von CAD/CAM“ richtig.

Wie und warum Zeitdruck, Ablenkungen und Müdigkeit den Alltag eines Mediziners beherrschen, Fehler unvermeidbar sind, und warum jedoch Schäden in den meisten Fällen vermieden werden kann, widmete sich Prof. Nobert Pateisky, ehemaliger Leiter für Patientensicherheit an der Medizinischen Universität Wien, in seinem Vortrag „Auge um Auge – Zahn um Zahn. Patientensicherheit im klinischen Alltag“.

Lokator statt wackeliger Vollprothese

Den Abschluss des gelungenen Fortbildungsprogramms bildeten ein letztes Mal das Implant Circle Training mit der Vorstellung eines weiteren Implantatsystems, die implantatprothetische Versorgung von geraden und geneigten Implantaten sowie die Verankerung von Halteelementen auf Implantaten, wie beispielsweise Lokatoren. Auf Fragen wie „Kann die Einpolymerisation am Zahnarztstuhl direkt im Mund des Patienten mit der Präzision der Implantatabformung mithalten?“ wurde Antwort gegeben. Weitere Eckpfeiler der letzten Workshops waren die Fragen „Kann ein bioinertes Material wie Reintitan überhaupt zu allergischen Reaktionen führen? Wie könnte der Nachweise einer solchen Titanallergie im Labor funktionieren? Gibt es Patienten, bei denen Keramikimplantate tatsächlich besser funktionieren als Titan?“ sowie augmentative Techniken jenseits der Guided Bone Regeneration.

Nach der Verabschiedung lobten die Teilnehmer die rundum gelungene und gut organisierte implantologische Intensivveranstaltung. Eine Fortsetzung wäre wünschenswert.

Philipp Kaiser, Zahnarzt 3/2016

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