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Zahnheilkunde 17. Februar 2006

Stress kann die Wurzel vieler Übel sein

Die Gesundheit als höchstes Gut zu erhalten ist das ständige Bemühen der Mediziner. Tätigkeiten am und mit dem Menschen bringen zahlreiche Belastungen mit sich und oft wird im Zuge der Ereignisse und Anforderungen auf die eigene Gesundheit vergessen. Die Aufgabenvielfalt, der wir ärztlich Tätigen ausgesetzt sind, birgt Gefahren, die nicht immer leicht zu erkennen sind. Erst wenn man nur noch widerwillig in die Ordination geht, die depressiven Verstimmungen zunehmen und sich die ersten körperlichen Zeichen eines Burnouts zeigen, merkt man, dass etwas schief gelaufen ist, das Leben immer mehr einem ständigen Nachlaufen ähnelt und es nun an der Zeit ist etwas gegen den Stress zu tun. Der Stressbegriff hat in den letzten Jahren eine Popularisierung erfahren, wie kaum ein anderer Begriff in den Humanwissenschaften. Beinahe jeder Bereich des täglichen Lebens wird mit diesem Begriff assoziiert. Die Frage nach dem Befinden wird häufig mit „Ich bin gestresst“ beantwortet und über die Aussage „Das macht der Stress“ werden Aussagen über unterschiedlichste Beeinträchtigungen des körperlichen und seelischen Wohlbefindens gesucht.

Stressoren und Stressreaktionen

Umgangssprachlich wir das Wort „Stress“ sowohl auf Stress auslösende Bedingungen („Diese Arbeit ist der reinste Stress“) wie auch zur Beschreibung der Befindlichkeit („Ich fühle mich gestresst“) angewendet. Um das Stressgeschehen terminologisch in den Griff zu bekommen, ist es wichtig zwischen den beiden Begriffen „Stressoren“ (Stress auslösende Ereignisse und Bedingungen) und „Stressreaktionen“ (Antwort der betroffenen Person auf die Belastung) zu unterscheiden (Abb. 1).
ZahnärztInnen sind zahlreichen arbeitsbedingten Stressoren ausgesetzt:

  • Physikalische Stressoren: Hg-Dämpfe, Kunststoffstaub, keimhältige Aerosole,…
  • Soziale Stressoren: Konflikte mit Patienten, Angestellten, Institu­tionen,…
  • Arbeitsbedingter Zeitdruck, Verantwortung für die Patienten
  • Einschränkung des Handlungsspielraums durch auferlegte Rahmenbedingungen

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Die Folgen dieser meist langfristigen Belastungen sind vielfältig , münden in typische Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Magenulkus etc. , finden ihren Ausdruck im Nachlassen der Leistungsfähigkeit oder auf der sozialen Ebene in Kommunikationsproblemen mit dem Umfeld, was rückwirkend neue Stressoren hervorruft.

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Die Reizantwort ist individuell verschieden

Als Antwort auf den Reiz werden bei der betroffenen Person Prozesse auf verschiedenen Ebenen ausgelöst, die je nach Disposition und Biografie schwerpunktmäßig unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die Auswirkungen lassen sich im Wesentlichen über vier Ebenen beschreiben. Auf der kognitiven Ebene ist die Wahrnehmung auf Reize eingeengt, die für die Stress auslösende Situation wichtig sind, andere Aspekte treten in den Hintergrund. Ein typisches Beispiel sind Konzentrationsprobleme bei der Arbeit, wenn man private Probleme hat. Außerdem treten gedankliche Bewertungen auf („Das schaffe ich nicht“). Auf der emotionalen Ebene entstehen verschiedene Gefühle, die aus dem Grundmuster Angriff/Aggression – Flucht/Angst resultieren. Je nach individueller Biografie und Disposition können die Empfindungen innerhalb einer Palette von „gefordert sein“ über „innere Unruhe“ bis hin zu Angst und Panik reichen. Auf der vegetativ-hormonellen Ebene kommt es über neurohumo­rale Mechanismen zur Bereitstellung von Energie. Der Körper wird für die Auseinandersetzung Flucht oder Kampf vorbereitet (Atemfrequenz steigt, Kreislaufaktivierung, Zucker- und Fettmobilisierung etc.). Auf der muskulären Ebene kommt es zur Vorspannung der gesamten Skelettmuskulatur – man ist sprungbereit (Aufmerksamkeitstonus). Die Stressreaktion ist phylogenetisch ein sehr altes Reaktionsmuster, durch das der Organismus optimal darauf vorbereitet wird, Gefahrensituationen durch Kampf oder Flucht zu begegnen. Für die Bewältigung vieler Belastungssituationen des modernen Menschen dürfte dieses Reaktionsmuster jedoch seinen unmittelbaren Anpassungswert verloren haben. In den seltensten Fällen stellen körperliche Angriffe oder Fluchtversuche eine angemessene Lösung psychosozialer Konflikte dar. Dies hat zur Folge, dass die durch die archaische Reaktion bereitgestellte Energie nicht abgeführt wird – die Erregung bleibt bestehen.

Organismus passt sich an

Für viele der Hauptstressoren ist kennzeichnend, dass sie oft über sehr lange Zeit, oft über Jahre bestehen oder immer wieder auftreten,­ z. B. Probleme im zwischenmenschlichen oder beruflichen Bereich. Der Organismus passt sich an ein Leben mit der chronischen Belastung an. Die Aufrechterhaltung dieses Widerstandsstadiums kostet allerdings ­Energie. Bei zu lange anhaltender Belastung bricht das Anpassungsvermögen allmählich zusammen. In diesem Erschöpfungsstadium kann es zu ernsthaften Erkrankungen kommen (Herzinfarkt, Ulkus). Zudem verliert der Organismus bei einem über lange Zeit aufrechterhaltenen Widerstandsniveau allmählich seine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation. Dies bedeutet, dass auch in den Phasen ohne Belastung keine Rückkehr zum Ausgangsniveau erfolgt. Gefäßwände verlieren ihre Elastizität, schmerzhaft verspannte Muskeln lassen sich nur noch schwer lockern etc. Weiters zeigen immunpsychologische Untersuchungen, dass die Immunkompetenz nachhaltig beeinflusst werden kann, was die allgemein erhöhte Krankheitsanfälligkeit unter chronischer Stresseinwirkung erklärt. Selbstverständlich muss zwischen positiven (Eustress) und negativen (Distress) Einwirkungen unterschieden werden. Die durch einen Stressor ausgelöste körperliche Aktivierung ist nicht per se gesundheitsschädlich. Eustress ist eine wesentliche Grundlage der meisten Lebensfunktionen, „Die Würze des Lebens“, wie es der Begründer der Stressforschung Hans Selye einmal formuliert hat. Kurzfristige Aktivierung im Wechselspiel mit Phasen von Entspannung ist ein wesentliches positives Kennzeichen des Lebendigen (Schlaf-wach-Rhythmus, Rhythmus des Herzschlags etc.). Diese phasenhafte Aktivierung wird subjektiv als angenehm erlebt und wirkt leistungssteigernd und motivierend. Die Übergänge zwischen Eustress und Distress sind fließend und vollziehen sich oft für die Betroffenen unbemerkt. Der Stress wird als notwendiger Bestandteil des Lebens akzeptiert und vielfach als ein von außen kommendes Agens gesehen, dem man schicksalhaft ausgeliefert ist. Bewältigungsstrategien wie Nikotin, Kaffee, Alkohol verlagern höchstens die Energiereserven und schalten wichtige Warnfunktionen des Gehirns aus.

Strategie zur Stressbekämpfung

Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil der Menschen keine gezielte Strategie zur Stressbekämpfung anwendet. Es ist jedoch von größter Bedeutung, negative Stresswirkungen rechtzeitig zu erkennen, um nicht plötzlich unerwartet im Burnout zu landen. Stress wird individuell erlebt. Erfolgreiches Stressmanagement ist daher nur durch ein maßgeschneidertes individuell anwendbares Programm möglich. Nur über eine systematische Analyse des Stressproblems ist es möglich, die sche­menhaften Stressfaktoren, denen man sich ausgeliefert fühlt, klar zu erfassen und gezielte Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die Gegenmaßnahmen müssen, um Erfolg zu haben, konkrete im Alltag anwendbare Handlungskonzepte sein. Für die Erarbeitung dieser Handlungskonzepte hat sich das Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen als besonders hilfreich erwiesen. Die Komplexität der Belastungsfaktoren bei der ärztlichen Tätigkeit ist am besten durch einen „Mitleidenden“ verstehbar und kommunizierbar, da die Inhalte auch auf einer emotionalen Ebene nachvollzogen werden können. Die Aufarbeitung der Problematik in organisierten Gesprächsrunden bietet einen möglichen Lösungsansatz für das Stressproblem in der Praxis (siehe Abb. 2). Wesentlich dabei ist, dass die Probleme im Vorfeld in Kleingruppen vertraulich diskutiert werden können.

 

 Foto: PhotoDisc  detail

Die Plattform „interdisziplinäre Medizin“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, kreative Gesprächsrunden mit dem Ziel der Verbesserung ärztlicher Lebensqualität zu veranstalten.
Für Interessierte Anfragen unter

Dr. Wilhelm Schein, Zahnarzt 4/2005

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