zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 17. Februar 2006

Schnarchen gefährdet die Gesundheit

Das nächtliche „Sägen“ ist heute nicht nur ein zentrales Forschungsthema, sondern eine Herausforderung für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Internisten, Pulmologen, HNO-Ärzten und Kardiologen sowie Schlaflaboratorien

60 Prozent aller Männer und 40 Prozent der Frauen über 60 Jahre schnarchen. Bei den 30-Jährigen sind erst zehn Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen davon betroffen. Außer den häufig auftretenden, altersunabhängigen Sozialkonflikten nimmt besonders bei älteren Menschen die Gesundheitsgefährdung zu.

Schlafapnoe

In den vergangenen Jahren haben sich mehr als 100 Schlaflaboratorien in Deutschland etabliert. Dieser hohe medizinisch/technologische Aufwand gilt nicht dem Schnarchen als solches, sondern dem dabei auftretenden zeitweiligen Verschluss der oberen Atemwege. Dieser wird unter dem Begriff „Schlafapnoe“ zusammengefasst. Die Schlaflabore können mit der nur stationär durchführbaren Polysomnografie den steigenden Bedarf an Diagnostik nicht mehr allein und zeitnah zur Verdachtsdiagnose bewältigen. Daher hat sich bei der Diagnostik schlafbezogener Atmungsstörungen (SBAS) eine Stufendiagnostik bewährt. Als erster Schritt sollte ein standardisierter Fragebogen Leitsymptome abfragen, um eine Verdachtsdiagnose zu stellen. Wird eine SBAS vermutet, ist der Patient einer weiterführenden Screening-Untersuchung zuzuführen (Fujita 1985, Lavie 1985). Diese wird mit nichtlaborgebundenen Monitoring-Systemen vorgenommen, die der Patient zuhause anwendet. Sie erlauben eine simultane Registrierung der Atmung, überprüfen die Sauerstoffsättigung des Blutes, die Herzfrequenz und die unterschiedliche Körperlage bei einer mindestens sechsstündigen Schlafphase (Orth et al. 1994, Schäfer 1996). Erhärtet sich nach dieser Screening-Untersuchung der Verdacht auf das Vorliegen einer SBAS, wird im Schlaflabor die Polysomnografie zur Diagnosesicherung und zur Festlegung des Schweregrades der Erkrankung durchgeführt.

Als Leitsymptome kommen in ­Betracht:

  • sehr starkes, unregelmäßiges Schnarchen,
  • erhöhte Tagesmüdigkeit,
  • Einschlafneigung bei monotoner Tätigkeit (Einschlafen beim Autofahren),
  • nächtliche Atempausen,
  • unruhiger Schlaf,
  • morgendliche Abgeschlagenheit.

Diese Symptome sind häufig mit internistischen Erkrankungen assoziiert wie:

  • Adipositas,
  • arterielle Hypertonie,
  • pulmonale Hypertonie und
  • Herzrhythmusstörungen.

Neueste wissenschaftliche Untersuchungen – besonders aus den USA – bestätigen übereinstimmend, dass Schnarchen und die damit verbundenen Atemstörungen dramatische Auswirkungen haben können. So wurde unter anderem der Nachweis einer um Jahre verkürzten Lebenserwartung erbracht und die vermehrt auftretende „Tagesmüdigkeit“ als besonderer Risikofaktor bei einer monotonen Tätigkeit erkannt. Schlafgestörte sind siebenmal so oft in Verkehrsunfälle – meist in unerklärlich schwere – verwickelt, die jede Reaktion vor den Unfällen vermissen ließen. Harmloses von krankmachendem Schnarchen zu unterscheiden, das ist das große Problem. Für den Einzelnen bringt erst der Aufenthalt in einem Schlaflabor Klarheit zum Komplex des Schnarch-Phänomens.

IST-Geräte bei leichter Symptomatik

Der Schlafpatient muss elektronisch überwacht, seine Schlafarchitektur mit Hilfe einer Polysomnografie per Computer-Auswertung erfasst werden. Nach der diagnostischen Analyse wird dann entschieden, ob der Zahnarzt durch die Anfertigung eines individuell gestalteten Intraoralen-Schnarch-Therapie-Gerätes helfend eingreifen kann. Eines steht schon jetzt fest: intraorale Schnarch-Therapie-Geräte (IST-Geräte) sind nur bei leichten Schlafapnoe-Erkrankungen mit einem AH-Index (Atemstillstände von mehr als zehn Sekunden Dauer pro Schlafstunde) von 20 bis 25 indiziert, da nur diesen Patienten wirklich geholfen werden kann. Einen Apnoiker mit einem AH-Index von 60 auf 40 mit einem IST-Gerät zu reduzieren, ist zwar möglich, aber absolut sinnlos, denn er bleibt nach wie vor schwer krank. Bei der obstruktiven Apnoe (OSA) kommt es zum Stillstand des Luftstromes in Nase und Mund, obwohl die Atembewegungen durch die Brustkorb- und Bauchmuskeln fortgesetzt werden (Guilleminaule et al. 1978, Cartwright und Samelson 1982, Bernstein und Reidy 1988, Pirsig 1988). Da die Muskulatur der oberen Atemwege gleichzeitig erschlafft, kommt es im Bereich des Oropharynx zur Obstruktion der oberen Atemwege (Pirsig 1998). Während des Schlusses des Oropharynx kommt es zu einer Rückverlagerung der Zungenwurzel, einer Erschlaffung der Pharynxmuskulatur und einer Bewegung des weichen Gaumens in dorso-caudaler Richtung (Rojewski et al. 1982, Suratt et al. 1993).
Das Behandlungsziel der IST-Geräte ist die Vergrößerung des Luftraumes der oberen Atemwege, um einen Kollaps zu vermeiden (Meier-Ewert et al. 1984). Bis heute ist eine Vielzahl von intraoralen Geräten entwickelt worden, um die Schlafapnoe zu therapieren. Allen in der Literatur beschriebenen Geräten ist gemeinsam, dass über eine Vorverlagerung des Unterkiefers, im Sinne eines Esmarch-Handgriffs, eine Erweiterung der hinteren Atemwege (posterior airway space) erreicht wird. Schmidt-Nowara 1995 beschreibt Intraorale Schnarch-Therapie-Geräte als brauchbare Alternative für Patienten mit einfacher Schnarch-Symptomatik und diejenigen, die mit anderen Therapieformen, wie z. B. das nCPAP-Gerät, nicht zurechtkommen. Meier-Ewert et al. stellten 1984 die Esmarch-Schiene vor, die den Unterkiefer nach anterior bewegt und eine inzisale Sperrung von neun bis zehn Millimeter bewirkt. Durch mehrere Untersuchungen konnte eine signifikante Reduktion des Schnarchens und der obstruktiven Schlafapnoe festgestellt werden. Eine Vergrößerung des posterioren Luftraumes, das heißt des Raumes zwischen Zungengrund und posteriorem Oropharynx, wurde mit einem Mandibula-Protraktor erreicht (Schmidt-Nowara et al. 1991). Die cephalometrische Studie von Johnson et al. (1991) zeigt, dass eine Vergrößerung des posterioren Luftraumes um 56 Prozent bei maximaler Protrusion der Patienten erreicht werden konnte.

Neue Entwicklungen

Wir haben unsererseits Geräte aus Acrylat, Kunststoff-Tiefziehplatten und aus Silikon gefertigt. Vor der Herstellung dieser IST-Geräte, die den Unterkiefer in einer ventralen Lage fixieren, muss der Umfang der Vorverlagerung bestimmt werden. Dazu haben wir zwei Methoden zur Verfügung:

  1. die instrumentelle Funktionsanalyse zur Feststellung der retralen Lage des Unterkiefers, der dann durch definierte Protrusionsstopps um ca. 75 Prozent der maximalen Vorschub-Bewegung eingestellt wird oder
  2. die Konstruktionsbissnahme mit einem Messinstrument nach George.

Für uns war unter anderem die Compliance der IST-Geräte von Interesse, da nach den Untersuchungen von Deutsch (1990) mit der Esmarch- Schiene eine ganze Reihe von unerwünschten Nebenwirkungen aufgetreten war. So wurde in einem hohen Prozentsatz über Muskelverkrampfungen im Mund- und Nackenbereich, Schmerzen im Kopf, im Kiefergelenk und an den Zähnen berichtet. Aufgrund unserer Erfahrungen mit kieferorthopädischen Behandlungsgeräten haben wir in den vergangenen drei Jahren diese angeführten Probleme praktisch lösen können. So wurden Kiefergelenkbeschwerden dadurch eliminiert, dass wir die Gerätekonstruktion so anordneten, dass Öffnungs- und Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers möglich sind, anstatt den Kiefer in einer völlig unphysiologischen Zwangshaltung zu fixieren. Auch bei schmerzhaften, oftmals parodontal vorgeschädigten Zähnen älterer Patienten, kommt es darauf an, diese Zähne keinem zusätzlichen Druck auszusetzen. Aus diesen Überlegungen heraus haben wir in Weiterentwicklung des Herbst-Geschiebes ein Therapiegerät mit Führungsteleskop entwickelt. Es besteht aus zwei tief gezogenen Schienen über die oberen und unteren Zahnreihen, die durch die Führungsteleskope vestibulär verbunden werden. Dadurch sind eine Öffnungs- und Schließbewegung sowie eine eingeschränkte Lateralbewegung des Unterkiefers möglich und dies verhindert einen Flüssigkeitsstau in der Gelenkgrube, der allmorgendlich zu einem unangenehmen Schmerzgefühl führt. Die nahezu zwei Jahre andauernde Entwicklung der Führungsstäbe hat zu einem Teleskop-Geschiebe geführt, das stufenlos zirka acht Millimeter in seiner Länge korrigiert werden kann. Auf diese Weise kann bei jedem Patienten individuell die Vorverlagerung des Unterkiefers bis an die für ihn erträgliche Grenze geführt werden.

Die Vorteile des IST-Gerätes mit Herner-Führungsteleskopen zur Schnarch-Therapie sind:

  • Dünne Tiefziehplatten engen den Zungenraum nicht ein.
  • Eine uneingeschränkte Mundöffnung ist möglich.
  • Eine ungestörte Mundatmung kann erfolgen.
  • Geringe Lateralbewegungen können durchgeführt werden.
  • Der gute Halt des Geräts wird ohne Drahtanteile erzielt.
  • Die individuelle Einstellung der Unterkieferlage kann vom Zahnarzt, ggf. auch vom Patienten selbst, vorgenommen werden.
  • Es entstehen keine Probleme mit Druckschmerzen an den Zähnen und im Kiefergelenk.

Das Führungsteleskop wurde in Zusammenarbeit mit der Firma Scheu-Dental, Iserlohn, entwickelt. Ein Set mit den notwendigen Tiefziehplatten und Einbauteilen für das Führungsteleskop steht kurz vor der Markteinführung. Bereits der Vorläufer des IST-Gerätes „Herner Modell“ mit starren, in der Länge definierten Protrusionsstegen zeigte in einer randomisierten Studie eine hohe Akzeptanz seitens der Patienten. Polysomnografische Untersuchungen prä- und posttherapeutisch belegen eine Beseitigung der obstruktiven Apnoe bei mehr als 50 Prozent der Probanden mit einem AHI zwischen 10 bis 20/h (Hinz, K. 1998). Darauf aufbauend wird mit dem IST-Gerät nach Prof. Hinz eine weitere wissenschaftliche Studie mit mindestens 50 Patienten durchgeführt.

 detail  detail
Abb. 3: IST-Gerät mit Vorschubstellung des Unterkiefers Abb. 4: Einzelteile des Herner-Führungsteleskopes

Prof. Dr. Rolf Hinz, Dr. Markus Heise, Zahnarzt 1/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben