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Zahnheilkunde 17. August 2005

Prothetische Werkstoffe für die Zukunft

Experten-Gespräch über innovative Werkstoffe, sensible Patienten und Verträglichkeiten von Zahnersatzmaterialien

Eine Vielzahl von Unverträglichkeiten und Allergien wird durch die unterschiedlichsten zahnärztlichen Materialien ausgelöst. „Mit jeder Form von zahnmedizinischem Fremdmaterial bewegen wir uns im Restrisiko-Bereich. Eine Risikofreiheit erreichen wir nur mit körperidentischem Material. Aber wir können zum Beispiel mit vollkeramischen Systemen eine wesentliche Reduzierung der Risikowahrscheinlichkeit erzielen“, so Dr. Kurt Müller, niedergelassener Dermatologe und Umweltmediziner aus Isny.
Dr. Wolfgang Koch, Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche Zahn-Medizin, berichtete aus seiner Praxis: „Wenn wir metallfreie, keramische Restaurationsmaterialien wie Zirkonoxid nehmen, können wir das Patienten-Restrisiko gegen Null tendieren lassen.“ In der Bevölkerung wächst das Interesse für biokompatible Materialien stark. „Etwa 30 Prozent unserer Patienten fragen nach kompatiblen, gesunden Materialien. Weitere 40 Prozent sind dem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen“, betonte der systemisch orientierte Zahnarzt Koch. Dies ist kein Einzelfall. Auch in der ästhetisch und ganzheitlich orientierten Praxis des Berliner Zahnarztes Axel T. Meier steigt bei den Patienten „das Bewusstsein, dass bestimmte Erkrankungen etwas mit den Zähnen zu tun haben könnten.“ Und Umweltmediziner Müller schätzt, dass „etwa bei einem Drittel meiner Patienten Dentalmaterialfragen in der Gesamtproblematik zumindest eine Teilrolle spielen. Dabei ist es gar nicht einfach, Materialunverträglichkeiten nachzuweisen.

Epikutan-Test

Die klassische Methode, den Epikutantest, bewertete Müller kritisch: „Dieser Test wurde zur Untersuchung von epidermaler Reaktion bei epidermaler Antigenpräsentation entwickelt. In der Zahnmedizin haben wir dagegen eine endogene Antigenpräsentation, eine Aufnahme über die Schleimhaut. Diese ist relativ wenig antigenrefraktär. Sie verfügt über wenig dentritische Zellen und besitzt keine Epidermis, die reagieren könnte.“ Um Unverträglichkeiten von dentalen Materialien zu diagnostizieren, empfahl Koch, Methoden wie die Multielementanalyse oder den Lymphozytentransformationstest (LTT) einzusetzen. „Biokompatible Metalle gibt es nicht“, erklärte Meier. Mit Begriffen wie „Biolegierung“ oder „Biometall“ wird nach Meinung von Müller dem Verbraucher Risikoarmut suggeriert. Dem stehe entgegen, dass alle nicht physiologischen Metalle immunologisch als Risikofaktor erkannt werden können. In Ihrer Eigenschaft als Haptene seien die Metalle zur Proteinbindung im Organismus fähig. Sie können zum einen denaturieren:
Nicht zu vernachlässigen ist die Wirkung der Metalle an den Endothelien der Gefäße. Strömen kleine Antigenmengen permanent an den Auskleidungszellen der Gefäße entlang, kann das zur Induktion so genannter Zelladhäsionsmoleküle führen. Dies bedingt Entzündungsreaktionen an den Gefäßen: „Die ursprünglich glatte Gefäßwand bekommt regelrechte Ausstülpungen, sie wird plötzlich rau an der Oberfläche“, verdeutlichte Müller. Möglicherweise könne die Inflammation der Anfang von Arteriosklerose, Hypertonie oder ähnlichen Erkrankungen sein.
Bei dem Fremdmetall Titan handelt es sich Müller zufolge keinesfalls um ein inertes Material. Vermehrt beobachtet der Umweltmediziner in seiner Praxis neben klassischen allergischen Reaktionen auch Inflammationen. Ein weiteres Problem: Titanoxide werden als Weißmacher und als Lichtschutzfaktor in Sonnenschutzmitteln eingesetzt. Dadurch entstehen Kreuzreaktionen mit Titan, warnte Meier.

Hormonwirkung von Kunststoffen

Kunststoffe können laut Meyer ebenfalls einen Entzündungsreiz hervorrufen, wie Tierversuche belegt haben. Das hohe allergisierende Potenzial von Kunststoffen trifft Behandler und Patienten gleichermaßen. Schließlich finden kariogene Bakterien unter alternden Kunststofffüllungen günstige Lebensbedingungen. Außerdem haben Kunststoffe hormonidentische Wirkung. Müller prophezeite: „Die Phthalate werden als Problem in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Wir haben 250.000 Tonnen Phthalatverbrauch pro Jahr in Deutschland mit wahrscheinlich erheblicher Hormonwirkung auf junge Leute“.
Neben der individuellen Toxizität oder Reaktionsbereitschaft des Stoffes – sei es Metall oder Nicht-Metall – beeinflusst dessen Löslichkeit die Reaktionen im Körper. Eine Substanz kann eine Reaktion hervorrufen, wenn man sie in Ionenform einem biologischen Testverfahren unterzieht. Ist die Löslichkeit gering, bleibt dies ohne Folgen. Prof. Klaus Dermann, Sicherheitsbeauftragter für Medizinprodukte bei DeguDent in Hanau, erläuterte dies am Beispiel Gold: „Im Epikutantest sprechen etwa zehn Prozent aller Frauen auf die dort verwendeten Goldsalze an. Es gibt aber nur wenige Frauen, die tatsächlich auf die geringen Mengen, die aus metallischem Gold freigesetzt werden, reagieren.“ Das gelte auch für Titan.“ Schätzungen gehen davon aus, dass heutzutage 90 Prozent des Zahnersatzes einen Metallanteil haben und weniger als zehn Prozent aus Vollkeramik sind. Dies liegt Dermann zufolge daran, dass die Werkstoffe im Vergleich zu Goldlegierungen noch relativ jung sind. Für das Produkt Cercon® kann allerdings immerhin schon auf 5-jährige positive klinische Erfahrungen verwiesen werden. Die Experten waren sich einig, dass der Anteil an Zirkonoxid in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. „Zirkonoxid spielt dabei die zentrale Rolle schlechthin. In zehn Jahren möchte gewiss niemand mehr einen „Ionenspender“ im Mund haben“, lautete die Prognose von Meier. Aus diesem Grund schätzte Koch das Potenzial von metallfreien Werkstoffen als sehr hoch ein, besonders im Implantatbereich: Immer mehr Implantatpatienten fragen, ob es nicht möglich sei, auf Metalle im Knochen zu verzichten.
Eine zusätzliche Belastung des menschlichen Organismus durch den Einsatz von Keramik wie Zirkonoxid wurde von den Meinungsbildnern einstimmig verneint. Ein eventuelles Radioaktivitätsproblem liegt Müller zufolge im Ausgangsprodukt, nicht aber im medizinisch verwendeten Zirkonoxid vor. Der Mediziner wies darauf hin, dass die natürlichen Zirkoniumoxidlager, aus denen Zirkon gewonnen wird, mit Uranoxid und Thoriumoxid belastet seien. Die Beta- und Gammastrahlung sei gering, relevant sei die Alphastrahlung. In seltenen Fällen könne radioaktives Blei und Radium enthalten sein. Medizinisch einsetzbares Zirkoniumoxid wurde zuvor umfangreichen Reinigungsverfahren ausgesetzt. „Wir behalten im Zirkon einen geringen Rest an Alphastrahlung zurück, die eine geringe Eindringtiefe von 60 Mikrometern hat. Eine Zahn-Brücke aus Zirkonoxid steigert die Gesamtradioaktivitätsbelastung des menschlichen Körpers also nur minimal. Eine Flugreise nach Teneriffa kann ein ungleich größeres Risiko sein“, so Müller. Dermann bestätigte: „Auch im menschlichen Speichel liegt eine natürliche Radioaktivität vor.“

Zirkonoxid

Nicht jedes zahnärztliche restauratorische Problem ist durch Zirkonoxid zu lösen. Mit den in der Zahnmedizin verwendeten hochfesten Keramik-Gerüsten lassen sich aufgrund der mechanischen Festigkeit bislang Kronen für einzelne Zähne und (z. B. bei Cercon®) sogar weitspannige Brücken im Front- und Seitenzahnbereich herstellen. Leider werden werkstoffbedingt Vollprothesen (also das klassisch so bezeichnete „Gebiss“) nicht aus diesem Material herstellbar sein. Koch forderte ein individuelles Abwägen für jeden Patienten: „Sicherlich gibt es sehr viele Patienten, die mit einer Edelmetall-Legierung und zur Not mit einer Nicht-Edelmetall-Legierung zurechtkommen. Für chronisch kranke Patienten ist der Einsatz von Zirkonoxid sicherlich vorteilhaft“, so Koch.

Prävention statt Prothetik

Kein Zweifel herrschte bei den Experten: Zahn- sowie Zahnhartsubstanzverlust müssen von vornherein vermieden werden. Von großer Bedeutung seien daher Prävention und frühe Risikoerkennung. Zudem sei es bei allen Risiken der Gentechnik eine spannende Aufgabe, den Leitkeimen der Mundhöhle und der Zahnfleischtaschen „den Garaus zu machen.“ Bis Prävention und Früherkennung einmal wirken, werden Zahnärzte auch weiterhin körperfremde Materialien in die Münder der Patienten integrieren. Die Frage sei nur, ob man nicht viel öfter zu verträglicheren Materialien greift. Informiertere Patienten würden es vermutlich wünschen.
Im Endeffekt – so der Wunsch der Experten – seien Leitlinien erforderlich, um Materialien individuell für die Patienten auszusuchen. Außerdem sei ein übergreifender Erfahrungsaustausch von Allergologen, Toxikologen, Pharmakologen, Heilpraktikern und Zahnärzten ein gewinnbringender Ansatz – nicht zuletzt für den Patienten.

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