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Zahnheilkunde 17. August 2005

Aktienanlage: Niedrig kaufen, hoch verkaufen

Die Anlage in Aktien klingt wunderbar logisch und einfach: Zum niedrigen Preis kaufen und möglichst hoch verkaufen — und schon sprudeln die Gewinne. Um diese Formel zu befolgen, ist nichts weiter nötig, als zu wissen, wann ein Handelsgut billig oder teuer ist. Gerade das ist aber der Haken an der Geschichte. Um ein Gefühl dafür zu haben, ob eine Aktie, ein Fonds, ein Immobilienwert oder irgendeine andere Anlage gerade „günstig“ oder „zu teuer“ ist, muss der Investor ein Szenario über die künftige Wertentwicklung entwerfen. Angenommen, die Aktie der „XY Aktiengesellschaft“ steht an einem bestimmten Tag auf 50 Euro. Noch vor einem Jahr betrug der Wert des Papiers 100 Euro. Ist XY jetzt ein echtes Schnäppchen oder einfach auf dem schnurgeraden Weg in den Abgrund? Es ist unmöglich, darüber eine einigermaßen sinnvolle Aussage zu treffen, ohne die Begleitumstände zu kennen. Berufsanalysten verwenden viel Zeit dafür, Wertpapiere zu durchleuchten und sind doch so selten in der Lage, Tipps abzugeben, die sich wenigstens tendenziell als brauchbar herausstellen würden. Studien belegten, dass Analysten oft nicht einmal die Zufallsverteilung von 50:50 treffen konnten. Allgemein sind Anleger vollständig überfordert von der hohen Zahl möglicher Chancen. Allein an den US-Aktienbörsen stehen über 7.000 verschiedene Unternehmens-Papiere zur Verfügung. Schon 100 wären zuviel für einen nicht professionellen Marktteilnehmer. Angesichts einer derart unüberschaubaren Anzahl engt der Investor sein Beobachtungsfeld ein und wird lediglich Titel kaufen, die seine Aufmerksamkeit erregen. Allerdings muss man bedenken, dass Käufe, die durch Veröffentlichungen motiviert sind, nicht unbedingt der Garant zum Erfolg sind. Die Idee, zum bestmöglichen, billigsten Tarif einzukaufen, ist wahrscheinlich ohnehin die falsche. Viele Verluste entstehen erst durch den Ehrgeiz, schneller, besser, härter am Markt zu sein. Trotzdem hat die Wahl günstiger Zeitpunkte einen sehr hohen Einfluss auf die Ertragserwartung eines Investments.

10 Prozent machen einen gewaltigen Unterschied

Angenommen, jemand hätte Ende 1994 10.000,– Euro in ein Aktienpaket investiert, das dem Standard & Poor´s 500 Index entspricht und einfach gewartet, was passiert. Das nennt man Buy-and-Hold. Zehn Jahre später, also Ende 2004, hätte man ein Gesamtkapital von rund 26.000 Euro beziehungsweise einen Gewinn von 16.000 Euro. Eine Wert­steigerung also von 160 Prozent. Und jetzt der Versuch, den Markt mit „Market Timing“ zu schlagen: Angenommen, man hätte in beliebigen zehn Monaten von den gesamten 120 alles verkauft, um später wieder einzusteigen. Im besten aller möglichen Fälle hätte man in jenen 110 Monaten, die die beste Wertentwicklung geboten hatten, investiert. Mit anderen Worten: Vor jedem der schlechtesten zehn von 120 Monaten hätte man sein gesamtes Kapital realisiert, hätte auf den nächsten der besten 120 Monate gewartet, um wieder alles zu investieren. In diesem Fall würde das Kapital nicht 25.000 Euro betragen, sondern 59.000 Euro. Das Investment hätte einen Wertzuwachs von rund 490 Prozent erzielt! Was aber wäre im ungünstigsten Fall geschehen, wenn man ausgerechnet in den besten zehn Monaten das Kapital abgezogen hätte? Dann hätte man rund 12.000 Euro, eine 10-Jahres-Rendite von mageren 20 Prozent. Das zeigt also, dass der Zeitpunkt einer Investmententscheidung alles andere als unwichtig ist. Es gibt zwei grundlegende Konzepte, die zumindest versuchen, bessere Ergebnisse für den Einstiegszeitpunkt zu liefern, nämlich den „technischen Ansatz“ und den „diskretionären Ansatz“. Beide haben ihre eigenen Vor- und Nachteile, aber jedenfalls eines gemeinsam: Es wird keineswegs versucht, den einen optimalen Einstiegszeitpunkt zu ermitteln, sondern lediglich einen vergleichsweise günstigen mit insgesamt positiver Ertragserwartung. Die in den letzten 15 Jahren am häufigsten diskutierte und modernste Strategie hat ihre Wurzeln in der technischen Chartanalyse. Systematische, technische Handelsstile versuchen, in sich bereits abzeichnende Markttrends anhand von charttechnischen Indikatoren einzusteigen. Die Theorie dahinter: Bestimmte Indikatoren, die zur Beurteilung einer Entwicklungskurve von Wertpapieren herangezogen werden, signalisieren mehr oder weniger häufig einen Preistrend nach oben oder unten. Analysiert man erfolgreiche und verlustreiche Perioden, stellt man bei diesem Handelsansatz fest, was deren Manager ohnehin nie verschwiegen haben: Die positiven Handelsmonate und die negativen sind bestenfalls etwa gleich verteilt — bei vielen Systemen überwiegen gar die negativen. Erstaunlicherweise sind aber in einer langfristigen Perspektive die positiven so erfolgreich, dass die negativen mehr als aufgewogen werden. Warum das so ist, liegt nicht unbedingt am Einstiegszeitpunkt, sondern an einer ausgefeilten Ausstiegsstrategie. Vertreter der zweiten Hauptrichtung werden „diskretionär“ genannt, weil sie auf ihre eigene Urteilskraft und Erfahrung setzen. Ihre Modelle sind überwiegend fundamental und setzen auf betriebswirtschaftliche oder mak­roökonomische Kennzahlen und setzen diese Faktoren in ein Verhältnis zum Börsenwert. Bei deutlichen Differenzen wird gekauft oder verkauft. Der Nachteil: Solche fundamentale Strategien verlangen einen sehr langen Atem, enorme Ressourcen für die Analyse und ein extremes Maß an Selbstdisziplin. Beide Strategien produzieren unweigerlich auch Fehlinvestments. Die werden vor allem dann zum Stolperstein für das gesamte System, wenn man sie nicht schnell genug verkauft. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, wann und unter welchen Voraussetzungen man sich am besten von einem Investment trennt?

Der richtige Zeitpunkt zum Ausstieg

Die pure Theorie sagt, dass der bestmögliche Zeitpunkt für den Verkauf eines Wertpapiers dann gegeben ist, wenn dieses am Höhepunkt seiner Wertentwicklung steht. Wann muss verkauft werden? Die meisten Menschen verkaufen mit zu wenig Gewinn, oft verkaufen sie auch zu hohen Verlusten, weil sie nicht bereit sind, den Buchverlust in einen Realverlust umzusetzen, indem sie unter dem Einstandspreis verkaufen. Das richtige Rezept besteht darin, einen klaren Exitpunkt festzulegen, bevor man ein Investment überhaupt eingeht. Diesen Punkt nennt man „Stop-Loss“-Marke und er wird je nach Risikobereitschaft des Investors etwas anders definiert sein. Die Technik ist aber immer dieselbe: Ein bestimmter Prozentsatz an Wertverlust wird als Risikotoleranz festgelegt. Unterschreitet der Wert des Investments diesen Punkt, wird die Position unweigerlich liquidiert. Und wann ist der optimale Zeitpunkt zum Verkauf, also zur Realisierung eines Gewinns erreicht? Dafür gibt es eine Reihe von Techniken, die alle eines gemeinsam haben: Sie bieten keine Sicherheit für das Ausnützen des bestmöglichen Zeitpunkts, denn den weiß man immer erst im Nachhinein. Die angewandten Konzepte sind wieder entweder überwiegend technisch oder diskretionär. Technische Trader verwenden entweder Indikatoren aus der Chartanalyse oder einen so genannten „Nachgezogenen Stop“ (Trailing Stop). Dabei wird die Initiale Stop-Loss-Marke im Verhältnis zur Wertentwicklung fortgeschrieben. Bei Unterschreiten wird wieder ein Verkaufssignal ausgelöst. Die technischen Ausstiegssignale haben sich in der Vergangenheit so gut bewährt, dass sie durchaus auch bei fundamental orientierten, diskretionären Investoren Anhänger gefunden haben. Der große Vorteil besteht schlicht darin, dass der hartnäckige menschliche Hang zum Festhalten an verlustreichen Investments sehr zuverlässig ausgeschaltet wird. Es ist nicht gleichgültig, wann man einsteigt, und erst recht nicht, wann ein Papier wieder abgestoßen wird. Verliert die Aktie, in die 1.000 Euro investiert wurden, statt 5 Prozent gar 20 Prozent, weil der Anleger glaubt jetzt besser „dran“ zu bleiben, dann muss diese schon wieder um 200 Euro oder 25 Prozent zulegen, um wenigstens wieder auf eine Null zu kommen. Millionen Anleger haben nicht durch das Platzen der New-Economy-Blase ein gewaltiges Vermögen verloren, sondern sie haben es deshalb verloren, weil sie keine vernünftige Ausstiegsstrategie hatten.

Werner Szábo, Zahnarzt 5/2005

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