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Zahnheilkunde 17. Februar 2006

EU-Osterweiterung – Was wird geschehen?

Mit einem Persönlichkeitsmodell können Sie Ihre eigene Strategie für eine optimale Patientenbetreuung entwickeln

Ab 1. Mai 2004 werden zu den bisher 15 Mitgliedstaaten der EU zehn weitere Länder der Gemeinschaft beitreten. Österreich ist von dieser Erweiterung besonders betroffen, denn die Erweiterung geht „nach Osten“. Drei der neuen EU-Staaten, Slowenien, die Slowakei und die Tschechische Republik sind Nachbarländer Österreichs, Polen ist historisch eng verbunden. Vor allem aber sind diese Nachbarn als ehemalige Ostblock-Staaten bei uns als „arme“ und „billige“ Nachbarn bekannt.

In vielen Bereichen fürchten sich Selbständige wie Angestellte vor der Abwanderung der Betriebe und der Kunden in die billigeren Länder. Schon jetzt nehmen zahlreiche Österreicher aus Kostengründen kassenfreie Leistungen in Ungarn oder Tschechien in Anspruch. Und schon jetzt besteht durch bilaterale Abkommen eine Rückverrechnungsmöglichkeit mit den österreichischen Krankenversicherungsträgern. Hier sind also keine Änderungen zu erwarten. Oder doch?

Dr. Anasthasios Notas, niedergelassener Zahnarzt im Burgenland, befürchtet dennoch eine verstärkte Abwanderung der Patienten ins benachbarte Ungarn. Der Hauptgrund ist in seinen Augen aber nicht der Beitritt Ungarns, sondern die bereits seit langem bestehenden Unterschiede in den Werberichtlinien. Während österreichische Ärzte, wenn überhaupt, nur sehr dezent werben dürfen, können ungarische Institute ganzseitige Anzeigen in österreichischen Zeitungen schalten.

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Stärkerer Wettbewerb

Auch Dipl.-Ing. Dr. Karl Anton Rezac, Obmann der Kurie der Zahnärzte in Kärnten, meint: „Der Wettbewerb wird sicher stärker.“ Dabei ändert sich vorerst gar nichts. Sogar ein gültiger Reisepass oder Personalausweis wird weiterhin notwendig sein. Erst in einem zweiten, zeitlich noch nicht festgelegten Schritt müssen die Beitrittsländer jene Bestimmungen des Schengen Besitzstandes übernehmen, die unmittelbar mit der Abschaffung der Personenkontrollen an den Binnengrenzen verbunden sind.

Die Preise in Slowenien nähern sich auch zunehmend den österreichischen an. Rezac: „Bei Kassenleistungen sind sie teilweise sogar schon teurer als wir. Das ist diese typische Querfinanzierung bei uns.“ Das Lohn- und Preisniveau liegt derzeit noch unter dem österreichischen, doch vor allem bei qualitativ hochwertigen Arbeiten und dem damit verbundenen Aufwand können die Preise der slowenischen Zahnärzte kaum niedriger sein als die der heimischen.

Die einzige Neuerung ist nicht unmittelbar mit der Erweiterung verbunden, sondern trifft zufällig zeitlich mit dieser zusammen: Ab 1. Juni 2004 wird in einigen europäischen Ländern die European Health Insurance Card eingeführt. Diese Chipkarte soll den „Urlaubskrankenschein“ ersetzen und im Ausland als Nachweis der Anspruchsberechtigung dienen. Belgien, Frankreich, Luxemburg, Spanien, Deutschland, Griechenland, Irland, Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen, Estland und Slowenien sind hier die Vorreiter, doch bis Ende 2005 sollen alle Mitgliedstaaten die Karte verwenden und ihren Versicherten zur Verfügung stellen.

Dr. Wolfgang Doneus, Vizepräsident der Oberösterreichischen Ärztekammer und Präsident des Zahnärztlichen Verbindungsausschusses zur EU, sieht dadurch aber eher Nachteile für die Kollegen aus dem ehemaligen Ostblock. Denn die Patienten würden österreichische Qualität schätzen und gerne in die heimischen Praxen kommen.

Kein Wunder, war doch in einigen der Beitrittsländer früher das staatliche Gesundheitssystem sehr auf Sparsamkeit ausgerichtet. Notas: „Die billigste und gängigste Behandlungsmethode war oft genug das Reißen. Ich habe Leute gesehen, die hatten mit 25 Jahren nur noch fünf eigene Zähne im Mund.“ Derzeit schon freuen sich die Zahnärzte, vor allem Ärzte im ehemaligen Ostdeutschland, über das Zusatzgeschäft mit wohlhabenden Bürgern aus dem polnischen Gebiet. Von Bratislava aus werden gerne Wiener Ärzte besucht.

„Überschwemmung“ mit Ärzten aus dem Osten?

Eine andere Befürchtung vieler Österreicher ist, dass Massen von Ungarn, Polen und Tschechen den hiesigen Arbeitsmarkt überschwemmen könnten. Das wäre freilich auch den Zahnärzten aus dem Osten möglich, denn während der generelle Arbeitsmarkt durch Übergangsfristen geschützt ist, gilt dies nicht für die freie Niederlassung. Rezac meint, zumindest vorübergehend könnte es durchaus zu einem verstärkten Andrang von Ärzten aus den neuen Ländern kommen. Auch aus Deutschland hätten sich alleine in Kärnten zehn bis 15 Zahnärzte niedergelassen, in Salzburg noch wesentlich mehr.

Dennoch sieht Doneus auch hier der Zukunft gelassen entgegen. „Die meisten stellen sich vor, sie erhalten hier eine von der Krankenkasse perfekt eingerichtete Ordination“, erklärt er. „Wenn dieses Bild richtig gestellt und realistische Angaben über die notwendigen Investitionen und die Verdienstmöglichkeiten gemacht werden, winken die meisten schnell wieder ab.“ Rezac gibt zu, dass viele der deutschen Kollegen auch schon wieder den „Rückzug“ in die alte Heimat angetreten haben, da sich die Verdienstmöglichkeiten in Österreich nicht als so golden wie erhofft herausgestellt hatten. Ähnliche Erfahrungen könnten nun auch slowenische, ungarische oder slowakische Kollegen sammeln. Wobei hier zusätzlich die Sprachbarriere Österreich vor zu vielen einwandernden Zahnärzten schützt. „Es ist nicht abschätzbar, ob es hier zu einer größeren Bewegung kommt, oder nicht“, so Rezac.

Zurück in die alte Heimat

Wenn es überhaupt eine Auswirkung der Osterweiterung am 1. Mai auf die Situation der Zahnärzte geben soll, so erwartet Doneus eher eine Entlastung auf dem Arbeitsmarkt für Zahnärzte. Denn in den Ambulatorien der Krankenkassen, aber auch in größeren Instituten arbeiten bekanntlich schon heute zahlreiche Kollegen aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Einige von diesen denken daran, sich in der alten Heimat mit einer Privatpraxis selbständig zu machen. In den großen Städten finden sich genügend Patienten, die eine gute Ausbildung und Erfahrung mit den neuesten Methoden der Zahnmedizin schätzen und auch dafür privat zu zahlen bereit sind. Noch dazu, da die Alternative der Inanspruchnahme der gesetzlichen Krankenversicherungen oft monatelanges Warten auf einen Termin oder veraltetes Werkzeug und Methoden bedeutet. Doch auch hier sind keine Massenbewegungen wahrscheinlich. Doneus: „Das wird sich zahlenmäßig in Grenzen halten.“ Insgesamt, so die Einschätzung der Experten, werden sich wohl Vor- und Nachteile, Zu- und Abwanderung einigermaßen die Waage halten. Mit großen Patienten- oder Ärzteströmen ist in keiner Richtung zu rechnen.

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 5/2004

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