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Zahnheilkunde 30. Jänner 2006

Medikamente in der Schwangerschaft – was Zahnärzte wissen sollten

Nützliche Infos von Prof. Dr. Martin Ulm von der Wiener Univ.-Klinik für Frauenheilkunde

Die Contergan-Katastrophe hat gezeigt, wie riskant die Anwendung von Medikamenten in der Schwangerschaft sein kann. Daher sollte während der Gravidität die Einnahme von Medikamenten auf ein Minimum reduziert werden. „Allerdings nehmen 70 bis 80 Prozent aller Schwangeren im ersten Trimenon in Unkenntnis der Gravidität Medikamente ein, also in jenem Zeitraum, in dem die Organogenese stattfindet“, so Prof. Dr. Martin Ulm, Leiter der reproduktionstoxikologischen Beratungsstelle, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Med. Universität Wien.

Teratogenes Risiko auf Null reduzieren

Generell sollten bei Schwangeren nur solche Medikamente eingesetzt werden, die sich in jahrelanger Anwendung als unbedenklich erwiesen haben. Die Dosierung ist auf ein (therapeutisch sinnvolles) Minimum zu reduzieren. „Da die Abschätzung eines teratogenen Risikos vor allem bei Kombinationstherapien schwierig ist, sollte einer Monotherapie der Vorzug gegeben werden“, betont der Experte. Zu den Medikamenten, die in der Schwangerschaft am häufigsten verschrieben werden, zählen Antibiotika. Dies erklärt sich dadurch, dass Infektionen während der Schwangerschaft das ungeborene Kind gefährden können. Sie gelten als Hauptursache für den vorzeitigen Blasensprung und vorzeitige Wehen. Eine entsprechende Behandlung ist daher unerlässlich.
Ulm: „Das Problem besteht dabei darin, dass nahezu alle Antiobiotika, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, plazentagängig sind.“ Generell gilt, dass neu entwickelte Antibiotika nur mit größter Zurückhaltung gegeben werden sollten. Mittel der ersten Wahl sind Penicilline, Cephalosporine und Makrolid-Antibiotika. „Makrolide zeigen eine gute Wirksamkeit gegenüber den Keimen der Mundflora, darüber hinaus ist ihre Plazentagängigkeit geringer als diejenige von Penicillin und Cephalosporinen“, erläutert Ulm.
Der Einsatz von Amoxicillin kann ebenfalls als unbedenklich angesehen werden. Metronidazol zeigte im Tierversuch eine mutagene und kanzerogene Wirkung, dies konnte laut dem Experten beim Menschen aber nicht nachvollzogen werden. Eine Gabe von Metronidazol im 1. Trimenon ist kontraindiziert, im 2. und 3. Trimenon mit größter Zurückhaltung möglich. Während der gesamten Schwangerschaft ist die Verabreichung von Aminoglykosiden, Gyrasehemmern, Chloramphenicol, Tetrazyklinen und Sulfonamiden kontraindiziert. Weiters dürfen Nitroimidazole sowie Rifampicin im 1. Trimenon nicht gegeben werden.

Analgetika am häufigsten eingenommen

Am häufigsten werden während der Gravidität Analgetika eingenommen. Die Einnahme erfolgt meist durch Selbstmedikation und in Unkenntnis der Schwangerschaft. Als Mittel der Wahl sind bei Schwangeren Anilinderivate (Paracetamol, Phenazon, Propyphenazon) anzusehen. Aspirin sollte im 3. Trimenon nicht gegeben werden (Gefahr des vorzeitigen Schlusses des Ductus artersiosus Botalli), ein Einsatz im 1. und 2. Trimenon ist möglich. Ähnliches gilt für nichtsteroideale Antiphlogistika, allerdings sollte hier auf eine Verabreichung im 1. Trimenon verzichtet werden. Opiate sollten nur kurzfristig und unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden. Ulm: „Es ist aber ohne Zweifel sinnvoller, Opiate zu geben als vorzeitige, durch starke Schmerzen ausgelöste Wehen zu riskieren.“ Ein erhöhtes Fehlbildungs- beziehungsweise Abortrisiko ist durch die Einnahme von Opiaten nicht gegeben. Die Verwendung von Lokalanästhetika der Amide-Klasse (Articain, Bupivacain, Etidocain, Lidocain, Mepivacain, Prilocain) sowie der Ester-Klasse (Procain) ist während der gesamten Schwangerschaft zulässig. Die aus reproduktionstoxikologischer Sicht am besten untersuchten Lokalanästhetika sind dabei Lidocain und Procain.
„Die lokale Applikation von Mitteln mit Adrenalinzusatz ist als unbedenklich zu werten, es sollte jedoch eine Konzentration von 1:200.000 nicht überschritten werden“, so Ulm. Die Verwendung von Noradrenalin und Felypressin ist kontraindiziert. Durch radiologische Untersuchungen im Mund-Kiefer-Bereich ist in der Regel nicht mit einer Schädigung des Feten zu rechnen; Unklarheiten herrschen jedoch hinsichtlich der Schwellendosis für Missbildungen bei den folgenden Generationen. Daher sollten Röntgenuntersuchungen in der Schwangerschaft (speziell im 1. Trimenon) nur nach einer genauen Risiko-Nutzen-Überlegung und mit Mehrfach-Röntgenschutz durchgeführt werden.

Dr. Peter Wallner, Zahnarzt 6/2004

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