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Zahnheilkunde 30. Jänner 2006

Rauchen und Parodontalerkrankung

Erkrankungen der oralen Schleimhaut, der Gingiva und des Parodontiums sind zumeist mit quantitativen und qualitativen Veränderungen der oralen Mikroflora korreliert. Bakterielle und fungale Beläge sowie das Auftreten bestimmter, zumindest fakultativ pathogener Keime in Wechselwirkung mit der darauf reagierenden lokalen und systemischen Immunabwehr bestimmen Krankheitsbild und Krankheitsverlauf. Neben bekannten Parametern, wie Mundhygiene und Ernährung, werden Entstehung und Progression dieser Erkrankungen durch Faktoren wie erbliche Disposition, systemische Erkrankungen, Stoffwechselkrankheiten (Diabetes mellitus), Dauermedikationen etc. beeinflusst. Zusätzlich können eine Reihe weiterer umwelt- und verhaltensbedingter Faktoren das Krankheitsrisiko erhöhen.
Wichtige Noxen sind Tabakkonsum, besonders in Zusammenhang mit Alkohol. Es ist allgemein bekannt, dass Rauchen die Entstehung von Lungenkrebs und von kardiovaskulären Erkrankungen begünstigt. Daneben beeinflusst der Tabakkonsum auch die Gesundheit der Strukturen der Mundhöhle. Es kommt zu Verfärbungen des Zahnschmelzes, zur Reduktion der Geschmacksempfindung, zu verstärkter Belagsbildung auf der Zunge und zur Rauchermelanose. Rauchen begünstigt die Entstehung von Präkanzerosen (Leukoplakien) und daraus resultierenden Mundhöhlenkarzinomen, welche immerhin vier Prozent aller Karzinome des Mannes und zwei Prozent der Karzinome der Frau im europäischen Raum ausmachen.

Gewebsdestruktion bei Rauchern

Tabak, besonders bei gleichzeitigem Alkoholgenuss, fördert massiv die dentale Karies. Bei vorbestehenden parodontalen Erkrankungen kommt es bei Rauchern zu aggresiver verlaufenden Krankeitsbildern und zu vermehrten entzündlichen Schüben mit Gewebsdestruktion. Der Kieferknochenabbau ist, gemessen im gleichen Zeitraum, gegenüber Nichtrauchern signifikant erhöht. Vergleichende Untersuchungen haben gezeigt, dass die Plaquebildung bei gleicher Mundhygiene bei Rauchern deutlich verstärkt ist. Plaquedichte und Taschentiefe sind positiv korreliert mit Häufigkeit und Dauer des Zigarettenkonsums. Allerdings finden sich kaum Unterschiede in der Komposition der Plaque und dem Auftreten bestimmter parodontal-pathogener Arten gegenüber Nichtrauchern. Die einzige Ausnahme bildet Candida albicans, welche man bei Rauchern signifikant häufiger in den Läsionen findet. Teilweise kommt es sogar zu massiver oraler Candidiasis beziehungsweise zu chronisch hyperplastischer Candidose.

Therapieversager bei Rauchern häufig

Raucher sprechen deutlich schlechter auf sämtliche Formen der Parodontaltherapie (chirurgisch, nicht invasiv) an. Fast 90 Prozent der Patienten mit therapierefraktären Parodontopathien sind Raucher. Was sind nun die Ursachen für diese raucherassoziierten Parodontalerkrankungen? Rauchen führt zu einer verminderten vaskulären Reaktion bei gleichzeitiger Alteration der Mikroflora. Die Wirtsantwort wird durch die andauernden Noxen vermindert; es kommt zu einer Depression der neutrophilen Granulozyten, die Antikörperproduktion geht zurück. Schadstoffe aus dem Tabak, wie Nitrosamine schädigen die Schleimhaut. Bei zusätzlichem Alkoholkonsum wird die Barrierefunktion der Mundschleimhaut verändert, was zu einer höheren Penetration der entsprechenden Schadstoffe führt (dieser Mechanismus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Karzinogenese). Hört der Patient allerdings mit dem Rauchen auf, so wird relativ rasch wieder eine dem Nichtraucher vergleichbare Immunantwort beziehungsweise ein ähnlich guter Therapierespons erreicht. Alle diese Faktoren sollte der behandelnde Zahnarzt bei der Therapie von Rauchern berücksichtigen und sie dem Patienten auch vor Augen führen. Immerhin kommt bei Parodontalerkrankungen dem Zigarettenrauchen ein durchaus vergleichbarer Stellenwert wie Stoffwechselerkrankungen und Störungen in der Immunabwehr zu.

Ch. Eder, L. Schuder, Zahnarzt 1/2004

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