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© Gisela Peters (3)
Abb. 3: Schon im Eingangsbereich des Kongressgebäudes standen die ADT-Teilnehmer zusammen, um das Gehörte zu diskutieren.
© Dr. Christin Arnold, ZMK-Klinik Halle-Wittenberg

Abb. 2: Prüfprothese auf dem Modell im Speichelbad. Diese wird einseitig belastet, was z.B, das Kauen simuliert.

 
Zahnheilkunde 16. Dezember 2015

Der Status quo bei CAD/CAM

Was können CAM-Materialien heute, und wann soll man in die optische Abformung einsteigen? Gerade Zahnärzte, die an der Patientenfront stehen, wollen bei diesen beiden Zukunftsfragen wissen, was Sache ist.

Niemand möchte ewig gestrig sein, wenn Dinge mit heutigen Mitteln besser oder zumindest ebenso gut funktionieren wie mit konventionellem Vorgehen. Aber genau das ist der Knackpunkt: Wie weit ist CAD/CAM heute, kann man Patienten ruhigen Gewissens CAM-Materialien empfehlen? Und soll man in die optische Abformung einsteigen? Die Arbeitsgemeinschaft Dentale Technologie (ADT) griff in ihrer Jahrestagung diese Fragen auf und machte das Auditorium mit Studien vertraut.

Es gibt Patienten, die schon vor dreißig Jahren „volldigital“ versorgt wurden. Doch der breite Siegeszug, von mehr Herstellern und Geräten getragen, kam mit Zirkoniumdioxid: Die Ästhetik und die Gingiva-Freundlichkeit sprechen für diese Oxidkeramik. Heute erfasst das diesbezügliche Spektrum eine Vielzahl an Indikationen – bis hin zu implantatgetragenem Zahnersatz einschließlich Abutments (Abb. 1a und b). Das laborseits trocken fräsbare Zirkoniumdioxidmaterial leistet auch in Form von Primärteleskopen seinen Dienst: Letzteres untersuchte eine Studie der Universität Halle an der Saale (D).1

Zirkoniumdioxid bewährt sich im Test

Die herausnehmbare partielle Prothese könne heute als ein häufig angewendetes Therapiekonzept für das Lückengebiss bezeichnet werden2, sagte Dr. Christin Arnold, Diplom-Ingenieurin an der ZMK-Klinik Halle-Wittenberg/Dtld., in ihrem Vortrag zum Verschleiß von Doppelkronen aus Zirkoniumdioxid, Kobalt-Chrom (CoCr) und Hochgold. Trotz zahlreicher Doppelkronenarten mit verschiedenen Funktionsweisen sei die Herstellung von doppelkronenverankertem Zahnersatz mit definierten Retentionskräften technisch nicht beziehungsweise nur annähernd umsetzbar, hielt die Referentin fest. Um hier relevante und nachvollziehbare Aussagen zu erhalten, untersuchte sie die initialen Retentionswerte und den Verschleiß nach Kaulast- und Ein-/Ausgliederungs-Prüfung (künstlicher Alterung). Hierfür stellte sie auf einem Unterkiefermodell mit elastischer Zahnfleischmaske eine Prüfprothese her. In diese konnten Doppelkronenpaare verschiedener Bauarten und Materialkombinationen identisch hinein- und ausgeschraubt werden (Abb. 2). Ein Teil der Primärkronen wurde aus Zirkoniumdioxid mit 2°-Konus gefräst Die Primärkronen aus Metall wiesen 2°-Koni (CoCr), 6°-Koni (Hochgold) und parallele Außenwände (Hochgold, CoCr) auf. Je nach Versuchsanordnung bestanden die Sekundärkronen aus CoCr oder Hochgold. Teils wurde ein Friktionsstift eingebaut, aus Hochgold oder Kobalt-Chrom-Molybdän-Draht.

Die Probenkörper mit Zirkoniumdioxid-Primärkronen zeichneten sich durch die geringste Variabilität bei den initialen Retentionswerten aus – woraus sich für die Klinik die beste Reproduzierbarkeit der Retention und Vorhersagbarkeit der Ergebnisse folgern lässt. Vor allem zeigten die Zirkoniumdioxid-basierten Doppelkronen mit hochgoldhaltigem Friktionsstift als einzige in den Verschleißtests keinen signifikanten Unterschied zu den initialen Abzugswerten. Demgegenüber, so Dr. Arnold, unterlagen bei der Simulation einer 14-jährigen Tragedauer mit dreimaliger Ein- und Ausgliederung pro Tag, einhergehend mit non-axial wirkenden Kaubewegungen, die konventionellen Teleskope am deutlichsten einem starken Retentionsverlust in Bezug auf die jeweiligen Ausgangswerte: Hochgold-Doppelkronen büßten 70 Prozent ein, edelmetallfreie Doppelkronen kamen auf 64 Prozent Abnahme. Die Verwendung eines Friktionsstiftes erhöhte den finalen Retentionswert. Neben den Materialkombinationen sah die Wissenschaftlerin die Designs als wesentlich für das unterschiedliche Verschleißverhalten an. Günstig, so unterstrich sie, wirke sich die 2°-Fräsung sowie die durch den Friktionsstift geführte Bewegung aus. „Die Gleitreibungskraft und somit der Reibungsverlust sind deutlich vermindert.“ Der geringe beziehungsweise ohne Auswirkung auf die Retentionskraft gemessene Verschleiß bei Zirkoniumdioxid-basierten Doppelkronen mit Hochgold-Friktionsstift ließen dieses Versorgungssystem klinisch als empfehlenswert erscheinen.

Das Zirkoniumdioxid liegt mittlerweile nicht nur als opakes Gerüstmaterial vor, sondern auch hochtransluzent oder polychromatisch für monolithische Versorgungen bis in den Frontzahnbereich hinein. Wer sich für dieses Material entscheidet, braucht ein Labor, das entweder selbst über CAD- und CAM-Möglichkeiten verfügt oder das mit einem Fräszentrum interagiert. Nicht mehr konventionell, sondern per CAD/CAM verarbeitbar sind auch viele andere zahnfarbene Materialien für den definitiven Einsatz am Patienten: Herausgegriffen seien Lithium-Disilikat, zirkoniumdioxidverstärkte Lithiumsilikatkeramik oder auch Hybridkeramik (kunststoffinfiltriertes mit Aluminiumoxid modifiziertes Silikatglas), zirkoniumdioxidverstärktes Komposit sowie Polyetheretherketon (PEEK). In Form zahnfarbener fräsbarer Rohlinge gibt es darüber hinaus beispielsweise Feldspatkeramik, Glaskeramik mit Zusätzen wie Leuzit, glasinfiltrierte Aluminium-Oxidkeramik sowie auch Polymethylmethacrylat (PMMA).

Der Mehrwert der digitalen Zahnheilkunde

Priv.-Doz. Dr. Jan-Frederik Güth, Leitender Oberarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Ludwig-Maximilians-Universität München/Dtld., betrachtete in seinem ADT-Vortrag den Anfangspunkt der digitalen Verarbeitungskette: die materialfreie Abformung per Intraoralkamera anstelle des heute üblichen Laborscans. Er betonte: „Bezüglich der Genauigkeit ist es wichtig, zwei Begriffe zu verstehen und zu interpretieren. So geht es zum einen um die ‚Richtigkeit‘ – das heißt, wie nah das Scanergebnis an der ‚echten‘ Oberfläche liegt –, zum anderen um die ‚Präzision‘ – sprich, wie reproduzierbar das Scanergebnis ist.“ In seinen In-vitro-Tests zeigte Dr. Güth, dass sich im herkömmlichen Procedere entstehende Fehler aufsummieren, wohingegen, wenn die Arbeitskette auf Basis einer intraoralen digitalen Abformung beginnt, „meist geringere Abweichungen“ vorkommen. Dies gilt allerdings zunächst für Scans bis zu einem Quadranten.

Insbesondere die geringen Standardabweichungen sind der Beleg für die hohe Präzision der optischen Abformung3. Die Schlussfolgerung des Referenten: „Vor diesem Hintergrund kann die digitale Abformung hinsichtlich ihrer Genauigkeit in Bereichen bis hin zu einem Quadranten bereits heute als adäquate Alternative betrachtet werden, die mögliche Fehlerquellen des konventionellen Vorgehens ausschließt und somit den Abformprozess vorhersagbarer und kontrollierbarer gestaltet.“ Nach Auffassung und Erfahrung des Referenten lässt sich die optische intraorale Abformung schon heute routinemäßig in der täglichen Praxis für zahlreiche Indikationen einsetzen. Hier nannte er: Inlays/Onlays/Teilkronen; Kronen auf Zähnen und Implantaten; Quadranten-Scans für kleine Brücken; Verlaufskontrollen wie zum Beispiel bei Rezessionen und Abrasionen.

Die unschlagbare Stärke im Vergleich zum Vorgehen mit Abformmaterial mache aber, hob Dr. Güth hervor, die Integration in die weiterverarbeitende Software aus: „Denn die digitale Abformung bietet weit mehr als die simple Wiedergabe der klinischen Situation.“ Insbesondere ergebe sich die Einbindung schon heute existenter minimalinvasiver Vorgehensweisen in das Behandlungskonzept: „biomimetisch, schnell, kosteneffizient“. Beispiele für heute und morgen liefern die digitale Axiografie mit 3D-Kaubewegungen, die Nutzung von Bildern aus der digitalen Dentalfotografie und dem Gesichtsscanner, die Implantatplanung sowie das Münchener Implantatkonzept und weiteres mehr. Die Entwicklung werde sich in Zukunft stark beschleunigen.

Güths Fazit: „Somit sollten wir bezüglich neuer digitaler Technologien nicht nur versuchen, unsere konventionellen Arbeitsabläufe und Methoden digital zu kopieren, sondern lernen, die Vorteile und den Mehrwert der digitalen Zahnheilkunde zu erkennen und für alle Seiten gewinnbringend einzusetzen. Hierzu müssen Zahnärzte und Zahntechniker im Team gemeinsam neue Wege erkunden und evaluieren, wobei wir auf traditionelles Wissen und Know-how auch in Zukunft nicht verzichten können. Denn es ist nicht die Technologie, die zu Fortschritt führt – sondern unser Wissen und Können“. Die so geäußerten Gedanken führten überall im Kongressgebäude Teilnehmer und Produktexperten zusammen, die sich in den Pausen austauschten (Abb. 3).

Literatur:

1. Arnold Ch. Retentionsverhalten teleskopierender Doppelkronen mit und ohne zusätzliche Halteelemente : eine In-vitro-Studie. Hochschulschrift Halle, Univ., Medizinische Fakultät, Diss., 2013. http://d-nb.info/ 1045194859/34

2. Micheelis W, Schiffner U. Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV). Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ Materialreihe Band 31). Deutscher Ärzte-Verlag, Köln (2006).

3. CAD4practice-Konsus-Konferenz 2014. In: Digitale Zahnheilkunde – Update 2014/15, Teamwork Special. www.teamwork-media.de

Die ADT für Teilnehmer und Referenten

Die nächste Jahrestagung findet vom 26. bis 28. Mai 2016 (Fronleichnam) in Nürtingen/Baden-Württemberg statt. Die beiden Schwerpunktthemen werden sein: „Dentales Handwerk: Individualität, Kreativität, Präzision“ und „Digitaltechnologie auf Zähnen und Implantaten.“ Der Mitgliedsbeitrag beträgt 96 €; die Mitgliedschaft berechtigt zum kostenlosen Besuch der Jahrestagung und der Mitgliederversammlung. Nichtmitglieder zahlen 70 € pro Tag oder 140 € für den Gesamtkongress. Wer selbst einen Vortrag einreichen möchte, wendet sich an: .

Gisela Peters , Zahnarzt 12/2015

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