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Zahnheilkunde 17. August 2005

Formale und inhaltliche Anforderungen von Gutachten

Zumeist werden Gutachten von allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen oder von Fachärzten ohne diese Zusatzqualifikation gemacht. Der Grund, warum ich explizit darauf hinweise, ist der, dass nicht wenige Gutachten den formalen und inhaltlichen Anforderungen nicht entsprechen. Dazu kommt, dass es viele Gutachter gibt, die nur wenige Gutachten im Jahr erstellen und denen daher die Erfahrung fehlt.

Mehraufwand an Zeit und Geld bei Neugutachten

Immer wieder werden mir von Ge­richten Akten mit insuffizienten Gutachten geschickt, um sie zu überarbeiten, zu ergänzen oder sie neu abzufassen. Dies macht in der Regel die neuerliche Ladung der Partei (des Patienten) notwendig und wei­ters die Anforderung von im Vorgutachten nicht berücksichtigten Befunden. Um zu einem aktuellen Status zu kommen, müssen häufig neue Befunde angefertigt bezie­hungsweise angefordert werden. Dies bedingt einen Mehraufwand an Geld und Zeit, was laufende Verfahren verzögert und verteuert. Prozesse können durch diese und andere Ursachen so lange prolon­giert werden, dass während der ge­samten Verfahrensdauer Richter, Anwälte und Sachverständige wechseln können. Es sind Fälle bekannt, die so lange gedauert haben, dass deren Abschluss (Urteilsverkün­dung) von einer der Streitparteien nicht mehr erlebt wurde. Im Folgenden gehe ich auf die Gutachtertätigkeit näher ein, um von dieser Seite zu helfen, dem Vorwurf, Gutachter seien die Hauptverantwortlichen für die Verzögerung von Rechtsstreitigkeiten, entgegentreten zu können.

Kritik an medizinischen Gutachtern

Die Kritik an medizinischen Gutachtern ist allerdings nicht selten berechtigt. Sie kommt entweder vom Richter selbst, weil er mit einem interpretationswürdigen Gutachten zu keinem Urteil kommt oder von einer der Streitparteien, weil das Gutachten nicht in ihrem Sinne erstellt wurde. Es kann dadurch zur neuerlichen Beauftragung zu einem Zusatz- oder Ergänzungsgutachten kommen. Es können zusätzliche Sachverständige bestellt werden beziehungsweise die mit dem Urteil unzufriedene Partei kann in die Berufung gehen. Ein Gutachten wird mit verschiedenen Augen gesehen und auch verschiedene Interessenlagen bei den Betrachtern sind gegeben. Der Gutachter wünscht, dass sein Gutachten bei Gericht anerkannt wird. Der Richter braucht es, um ein Urteil abgeben zu können. Der Kläger und sein Vertreter haben das Ziel, den Prozess zu gewinnen. Der Beklagte und sein Anwalt wollen das Verfahren nicht verlieren. Es geht schließlich um Image und um Geld. Grundsätzlich werden an Gutachten verschiedene Anforderungen gestellt, die erfüllt werden müssen, um brauchbar zu sein. Objektivität, Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen, die ein verwertbares Gutachten zu erfüllen hat.

Fragen des Gutachters

Folgende Fragen können an Gutachter gestellt werden:
• Welcher Schaden ist entstanden?
• Welche Gesundheitsstörung liegt vor?
• Welche Behandlungen sind notwendig, um eine Besserung oder Heilung des Zustandsbildes zu erreichen?
• Wurde fachgerecht behandelt?
• Welche Schmerzen sind aufgetreten (Schmerzperioden, Schmerzintensität)?
• Sind Spät- und Dauerfolgen zu erwarten?
• Wie lange war der Krankenstand gerecht­fertigt?
• Waren spezielle Betreuungs- oder Pflegemaßnahmen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus notwendig?
• Lag eine Minderung der Er­werbsfähigkeit (MdE) vor?
• Bestand eine temporäre oder besteht eine dauernde Berufsun­fähigkeit?
• Liegt eine Arbeitsunfähigkeit vor?
• Wie hoch ist der Invaliditätsgrad einzustufen?
• Lagen Vorschäden (z. B. Funktionsstörung oder Behinderung) vor, die mit dem hinzukommenden Schaden interferieren und bei der Einschätzung der Schmerzperioden zu berücksichtigten sind?
• Gibt es einen Kausalzusammenhang zwischen dem schädigenden Ereignis (Unfall, Behandlung) und dem Schaden (Verletzung, Behandlungsfolgen) etc.?
Diese Fragen möglichst korrekt zu beantworten, fällt in die Kernkompetenz des Gutachters und kann schwierig sein.

Schriftliches versus mündliches Gutachten

Gutachten können mündlich (z. B. vor Gericht) oder schriftlich erstellt werden. Hier ist zu betonen, dass die Schriftform, wenn möglich, vorzuziehen ist. Das Gericht lässt dem Gutachter zumeist die Wahl, außer in dringenden Fällen. Die schriftliche Form des Gutachtens bietet den Vorteil, dass man in Ruhe und bei genügend Zeit nachdenken kann, was man schreibt und vor allem auch wie man schreibt. Das heißt, häufig kommt es auf die Formulierung von Inhalten an. Das mündliche Gutachten erfordert Routine, Erfahrung und Sicherheit in der Sache und Wortwahl, da in der angespannten Atmosphäre vor Gericht entweder man selbst oder der Richter das Gesagte auf Tonband aufnimmt. Die Situation, unter Beobachtung der Streitparteien eine klare Aussage in ganzen Sätzen formulieren und diktieren zu müssen, kann, insbesondere für den unerfahrenen Gutachter, Stress bedeuten.

Fallbeispiel

In einem mündlich erstellten Gutachten war Folgendes zu lesen: „... als Sachverständiger komme ich daher zu dem Schluss, dass weder eine Komplikation noch ein Behandlungsfehler vorliegt, sondern ein schicksalhafter Verlauf gegeben ist.“ Erklärung: Es ging um die Luxierung einer Wurzel in die Kieferhöhle, was im Rahmen einer operativen Mahlzahnentfernung nicht bemerkt wurde. Da die Einstufung des Ereig­nisses als „schicksalhaft“ dem Richter nicht aufschlussreich genug war, um zu einem Urteil zu kommen, musste neuerlich gutachterlich recherchiert werden. Dabei stellte sich heraus, dass zum Zeitpunkt der Nahtentfernung der Patient nicht beschwerdefrei war, kein Röntgenbild angefertigt wurde und er auch nicht zu einer weiteren Kontrolle bestellt wurde. Ein Anruf des Patienten zwei Wochen später in der Ordination wurde lediglich mit der Bemerkung quittiert, „es wird schon besser werden“. Diese und weitere Informationen waren für das Gericht ausreichend, um von einem Behandlungsfehler und nicht von einem schicksalhaften Verlauf auszugehen. Alieno loco wurde der Wurzelrest entfernt und die Verletzung der Sorgfaltspflicht des Vorbehandlers kritisiert. Das Vorgutachten blieb wegen grober Mangelhaftigkeit unberücksichtigt. Im Gespräch mit dem Vorgutachter wurde deutlich, dass er bei Gericht nicht den Mut hatte, das auszusprechen, wozu er verpflichtet gewesen wäre, nämlich die Wahrheit. In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass Privatgutachten, insbesondere wenn der Patient Auftraggeber ist, häufig im Ruf stehen, Gefälligkeitsgutachten zu sein. Tatsächlich ist es so, dass Privatgutachten zumeist von nicht allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen erstellt werden. Der Beauftragte ist in einem solchen Fall nicht speziell ausgebildet und hat keine Sachverständigenhaftpflichtversicherung. Dazu kommt, dass Privatgutachten nicht unbedingt bei Gericht zum Akt genommen oder verlesen werden müssen, da Richter ihre Gutachter nach freiem Ermessen selbst bestellen. Die Parteien können sich gegen die Bestellung bestimmter Gutachter aussprechen, insbesondere wenn Verdacht auf Befangenheit besteht. Gutachten sind innerhalb einer Frist (zumeist sechs bis acht Wochen) zu erstellen. Der Begriff „Aktengutachten“ bezieht sich auf Gutachten, die nur aufgrund der vorliegenden Unterlagen und Akten erstellt werden, das heißt, ohne klinische Untersuchung. Solche Gutachten werden eher selten ange­fordert, da ihre Aussagekraft beschränkt sein kann.

Exakte Befunderhebung

Zu einer der wichtigsten Aufgaben des Gutachters gehört es, einen exakten Befund zu erheben, woraus sich die Notwendigkeit einer klini­schen Untersuchung und allenfalls erforderlicher Hilfsuntersuchungen (Röntgen, CT, Sonografie, MRT, Labor etc.) ergibt. Um die Frage nach Spät- und Dauerfolgen, zum Beispiel nach einem Unfall, beantworten zu können, ist ein Status vor dem Unfall, nach dem Unfall beziehungsweise nach Einliefe­rung in das Krankenhaus, zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus und zum Zeitpunkt der Begutachtung notwendig. Dabei ist Bedacht darauf zu nehmen, ob Vorschäden (z. B. an den Zähnen) bestanden haben, die dann als nicht unfallkausal einzustufen sind. Verletzungsfolgen gelten als primär unfallkausal, außer es gibt Verdachtsmomente, die sich nach der Behandlung als Komplikation oder Behandlungsfehler darstellen, dann spricht man von sekundär behandlungskausal bedingten Folgen. Geht es um die Beantwortung von Fragen nach der Minderung der Erwerbs­fähigkeit (MdE) nach einem Unfall, so kann eine Beurteilung nur erfolgen, wenn neben der Leistungsfähigkeit die beruflichen Leistungsanforderungen bekannt sind.

Invalidität tabellarisch unterteilt

Die Invalidität wird, laut Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUVB 1975), tabellarisch unterteilt und den einzelnen Organen zugeordnet, in Prozentsätzen angegeben ­(z. B. Verlust der Sehkraft eines Auges 30 %, Verlust des Gehörs eines Ohres 15 %, Verlust des Geschmackssinnes 5 % etc.). Grob gesagt gilt jemand nach dem ASVG, wenn er in einem erlernten oder angelernten Beruf tätig war, dann als invalid, wenn seine Arbeitsfähigkeit infolge seines körperlichen und geistigen Zustandes auf weniger als die Hälfte derjenigen eines Gesunden von ähnlicher Ausbildung und gleichwertigen Kenntnissen und Fähigkeiten gesunken ist. Berufsunfähigkeit muss nicht Arbeitsunfähigkeit bedeuten, da es unter bestimmten Voraussetzungen Verwei­sungs­möglichkeiten am Arbeitsmarkt in andere Tätigkeitsbereiche gibt. Abschließend möchte ich noch kurz auf die Begriffe „lege artis“ und „State of the Art“ zu sprechen kommen. Während man unter „lege artis“ eine fachgerechte, ausreichende, zweckmäßige und ökonomisch vertretbare Behandlung versteht, handelt es sich bei einer „State of the Art-Versorgung“ um ein besonders hohes Niveau der Behandlung.

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