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Zahnheilkunde 17. August 2005

Zahnbehandlung von Kindern in Narkose

Die Indikation ist genau zu prüfen, da der Arzt zur risikoarmen Behandlung seiner Patienten laut Gesetz verpflichtet ist

Grundsätzlich besteht kein Einwand gegen eine Zahnbehandlung von Kindern in Narkose, wenn, und das ist wichtig, bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Wie bekannt, nimmt die Nachfrage nach derartigen Leistungen ständig zu, was mittlerweile dazu geführt hat, dass wir am Zentralklinikum St. Pölten Anmeldungen für drei Monate im Voraus haben. Selbstverständlich sind Akutfälle, die sofort versorgt werden, in dieser Warteliste nicht enthalten. Trotz verstärkter Bemühungen am Sektor der Zahnprophylaxe von Seiten der Ärztekammer im Rahmen von Kindergarten- und Schulinformationsveranstaltungen zeigt sich der zunehmende Trend, Zähne in Narkose behandeln zu lassen. Zum Teil treten auch Erwachsene mit einem derartigen Wunsch an uns heran. Für psychisch Kranke, geistig und körperlich Behinderte, stellt die Zahnbehandlung in Narkose die einzig mögliche Behandlungsmaßnahme dar. Für Kinder, die anders nicht zu behandeln sind, ist dies ebenso der Fall. Gerade hier soll die Verantwortung der Eltern und Ärzte sowie deren Haftung angesprochen werden. Schon der zuweisende Arzt hat die Indikation, der Behandlung in Narkose, genau zu prüfen! Warum? Da der Arzt zur möglichst risikoarmen Behandlung seiner Patienten laut Gesetz verpflichtet ist. Der schließlich die Behandlung in Narkose durchführende Arzt und der Anästhesist haben über die Behandlung selbst, die Risiken der Behandlung und über die Narkoserisiken aufzuklären. Dies betone ich deshalb so genau, da bei einem Rechtsstreit um einen Patienten, der nach operativer Zahnentfernung in Narkose, ein apallisches Syndrom akquiriert hatte und schließlich daran verstorben ist, nicht nur die Anästhesistin, sondern auch der Zahnarzt in die Haftung genommen wurden (LG f. ZRS, Wien, 3.1.00, GZ 11/Cg 62/97 m-62).

Unwissenheit der Eltern

Das Problem der zunehmenden Nachfrage von Zahnbehandlungen in Narkose liegt großteils in der Unwissenheit der Eltern oder in seltenen Fällen auch in der Ignoranz der Tatsache, dass Karies durch gute Mundhygiene weitgehend vermeidbar ist. Dazu Beispiele aus der Praxis:
Eine Mutter sagte mir, dass sich ihr schreiendes Kind nur mit etwas Süßem beruhigen lässt. Eine andere Mutter teilte mir mit, dass sie von ihrem Zahnarzt über Mundhygienemaßnahmen bei ihrem Kleinkind nicht informiert wurde. Eltern eines Kindes berichteten mir auf eine gezielte Frage offen, dass Fernsehen in Ruhe nur möglich ist, wenn ihr Kind ein Fläschchen mit gesüßtem Tee erhält. Ich habe dann nicht mehr weiter gefragt, wie viele Stunden am Tag sie fernsehen. Andere Eltern erklärten im Rahmen der Anamneseerhebung, dass ihr Kind sehr wohl Mundhygiene betreibe. Aufgrund des devastierten Gebisszustandes stellte ich die Frage, ob sie die Zahnreinigung auch überprüften, was sie mit dem Hinweis darauf verneinten, da sie beide berufstätig seien.
Eine Mutter, die bereits zum dritten Mal innerhalb eines Jahres eine Narkose zur Zahnsanierung für ihr Kind wünschte, klärte ich über die Problematik einer solchen Vorgangsweise auf. Wegen der schlechten Mundhygiene ihres Kindes und bei ihr selbst, wie ich optisch aus der Nähe und durch Mundgeruch feststellen konnte, wollte ich über entsprechende Mundhygienemaßnahmen mit ihr sprechen. Diese Intention meinerseits blockte sie mit den Worten ab, dass sie und ihr Kind versichert seien und sie daher einen Anspruch auf die Behandlung ihres Kindes in Narkose habe. Im Übrigen haben wir Ärzte dem Wunsch der versicherten Patienten nachzukommen, meinte sie abschließend. Selbstverständlich wurde die Behandlung des Kindes in Narkose durchgeführt (multiple Zahnextraktionen), da es nur so von Schmerzen befreit werden konnte. Festzuhalten ist aber, dass die Mutter kein Verständnis für das wahre Problem (Vernachlässigung elterlicher Pflichten) gezeigt hat. Die Verantwortung für die Durchführung der täglichen Mundhygienemaßnahmen liegt bei den Eltern oder Erziehungsberechtigten.

Kindervernachlässigung

Die Problematik der (dentalen) Kindesvernachlässigung wird von § 92, Abs. 2, StGB, geregelt: Darin heißt es: Zu bestrafen ist, wer seine Verpflichtung zur Fürsorge oder Obhut einem minderjährigen Patienten gegenüber gröblich vernachlässigt und dadurch, wenn auch nur fahrlässig, dessen Gesundheit oder körperliche beziehungsweise geistige Entwicklung beträchtlich schädigt. Wie sich die Situation heute nicht nur in Niederösterreich, sondern, nach meiner Information, auch in den anderen Bundesländern zeigt, handelt es sich um ein brennendes Problem. Es sollten sich daher alle niedergelassenen Zahnärzte und jene, die in öffentlichen Einrichtungen tätig sind, angehalten fühlen, insbesondere auch die Eltern über die Bedeutung von Prophylaxemaßnahmen bei ihren Kindern aufzuklären.
Könnte das Verständnis der Eltern auf breiter Basis für die Probleme ihrer Kinder, die durch mangelnde oder keine Mundhygiene verursacht werden, geweckt oder verbessert werden, würde ihnen viel Leid erspart bleiben; abgesehen vom unnötigen Zeitaufwand im Krankenhaus, Narkoserisiko, allenfalls psychische und physische Folgen nach frühzeitigem Verlust von Milchzähnen und bleibenden Zähnen, Mehrkosten für die Allgemeinheit (Sozialversicherten), sowie Bindung von Ressourcen, die besser genutzt werden könnten (für wirklich Kranke). Abschließend verweise ich noch auf den § 54 ÄG, in dem es u. a. heißt: Ergibt sich für den Arzt in Ausübung seines Berufes der Verdacht, dass ein Minderjähriger oder sonst eine Person, die ihre Interessen nicht selbst wahrzunehmen vermag, vernachlässigt worden ist, so ist er ermächtigt, hierüber persönlich Betroffenen oder Behörden, Mitteilung zu machen, sofern das Interesse dieser Mitteilung das Geheimhaltungsinteresse überwiegt.

Kinder oft traumatisiert

Bei Kindern, die bereits „zahnärztlich traumatisiert“ sind, ist eine Allgemeinnarkose häufig nicht zu vermeiden. Bis auf wenige o. a. Ausnahmen, sollte aus den genannten Gründen die Nachfrage nach Zahnbehandlung in Narkose, durch verstärkte Aufklärung der Bevölkerung über Zahnprophylaxe verringert werden. Bedauerlicherweise schicken manche Zahnärzte Kleinkinder aus ihrer Praxis, ohne versucht zu haben, mit ihnen vorher zu sprechen, das Vertrauen zu gewinnen und sie zu untersuchen, direkt ins Spital zur Zahnbehandlung in Narkose. Wie die Erfahrung zeigt, ist so manches Kind darunter, das sich nach einem ausführlichen Gespräch und Herstellung einer Vertrauensbasis untersuchen und behandeln lässt. Es kommt nur auf den Versuch an, sich dem Kind zu widmen, wobei dadurch, nach meiner Einschätzung, allein in 10–20 Prozent den Kindern die Narkose erspart bleiben könnte.
Ich helfe mir bei der Untersuchung von Kindern mit einem kleinen Trick: Das Kind bekommt einen großen Spiegel in die Hand und soll sich die Zähne selbst anschauen. So kann auch ich sie sehen (untersuchen). Darüber hinaus biete ich einen Luftballon an, was meistens dazu führt, dass der Mund weiter geöffnet wird. Da die großen Erfolge mit den kleinen beginnen, lautet mein Motto: „Ein Luftballon für ein paar schöne Zähne“. Ich zähle die schönen Zähne im Mund des Kindes zusammen und teile die Zahl dem Kind mit. Meistens kommt dann die Frage: „Und was ist mit den anderen?“. Damit habe ich beim Kind das Interesse für die eigenen Zähne geweckt. Wer das Vertrauen bei den Kindern gewinnt, gewinnt es auch bei den Eltern. Patienten mit Vertrauen lassen sich leichter in Lokalanästhesie behandeln. Wenn damit die Zahl der Narkosen reduziert werden kann, ist dies ein Erfolg.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Zahnarzt 3/2004

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