zur Navigation zum Inhalt
© privat
Prof. Dr. Thomas Bernhart Präsident der ÖGI
 
Zahnheilkunde 30. Oktober 2015

„Gratis-Implantate wird es nicht geben“

Ein Blick auf die Zukunft der Implantologie.

A.o. Univ.-Prof. Dr. Thomas Bernhart ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Implantologie (ÖGI) und Mitglied in der Tagungsleitung der gemeinsamen Tagung der Implantologie-Gesellschaften aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, die von 26. bis 28. November in Wien stattfindet*. Im Zahn Arzt-Interview spricht er über seine Erwartungen an den Kongress, die Programmschwerpunkte und die zukünftigen Herausforderungen in der Implantologie.

Die gemeinsame Jahrestagung der DGI, SGI und ÖGI findet heuer in Wien statt. Was bedeutet dieses Heimspiel für Sie als Präsident der ÖGI und Ihren Tagungsleiter?

Bernhart: Die Organisation einer derartigen Veranstaltung ist natürlich eine große Herausforderung. Ich bin aber höchst erfreut, dass sich uns die Gelegenheit bietet, hier einen spannenden Kongress zu veranstalten. Die gemeinsame Tagung der drei Gesellschaften findet ja nur alle drei Jahre statt und die Austragung rotiert, sodass sich uns nur alle neun Jahre eine solche Möglichkeit bietet. Schon allein deshalb haben wir uns bemüht, ein möglichst interessantes Programm zusammenzustellen.

Wo werden die Schwerpunkte dieses Programmes liegen.

Bernhart: Das Motto lautet „Implantatmedizin als Wissenschaft, Handwerk und Heilkunst“, und diese drei Bereiche bilden auch die Schwerpunkte. Hinsichtlich der Wissenschaft haben wir es geschafft, hochkarätige internationale Experten als Referenten zu gewinnen, die quasi aus erster Hand von den neuesten Erkenntnissen aus der Forschung berichten werden. Um die Praxis besonders anschaulich zu gestalten, haben wir spezielle Workshops und Kurse, bei denen die Teilnehmer an frischen menschlichen Leichen – also so praxisnah wie nur irgend möglich – ihre Fertigkeiten trainieren und neue Techniken erlernen können. Und in Bezug auf die Heilkunst werden wir ein ambitioniertes interdisziplinäres Programm bieten.

Diesbezüglich fällt auf, dass sehr viele Vorträge humanmedizinische Themen betreffen.

Bernhart: Genau darum geht es. Uns liegt die Zusammenarbeit von Zahn- und Humanmedizin sehr am Herzen, weil ich der Meinung bin, dass diese beiden Disziplinen ganz eng miteinander verknüpft sind. Man nehme nur die Auswirkung, die viele chronische Erkrankungen auf die Zahngesundheit haben. Die Art der zahnmedizinischen Behandlung hängt ja immens davon ab, ob der Patient beispielsweise an Diabetes oder Osteoporose leidet – und vor allem, welche Medikamente er aufgrund dieser Erkrankungen nehmen muss. Die Einnahme von z.B. Bisphosphonaten oder Antikoagulantien haben einen wesentlichen Einfluss auf eine Implantat-Therapie. Umgekehrt besteht ein enger Zusammenhang von Erkrankungen wie Parodontitis und „humanmedizinischen“ Leiden, und es gibt jede Menge Krankheiten, deren erste Symptome bei der Inspektion des Mundraums durch den aufmerksamen Zahnmediziner entdeckt werden.

Sie orten hier einen gewissen Nachholbedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit?

Bernhart: Durchaus. Die Tagung soll daher auch als Schnittstelle fungieren. Die frühe und strikte Trennung der Zahn- und Humanmedizin schon während des Studiums ist meiner Meinung nach alles andere als zeitgemäß, und ich bin froh, dass hier offenbar wieder ein Umdenken einsetzt: Seit Oktober kann in Wien der Bachelor-Studienabschnitt von Zahnmedizinern und Humanmedizinern wieder gemeinsam absolviert, werden, was ich sehr begrüße!

Gibt es abgesehen von den Schwerpunkten noch Teile des Programmes, die Ihnen am Herzen liegen?

Bernhart: Ich möchte an dieser Stelle gerne die diversen sozialen Projekte erwähnen, für die sich zahlreiche Kollegen engagieren. Nicht wenige sind ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig oder organisieren und initiieren Projekte, die beispielsweise die zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung in ärmeren Ländern – wie in Afrika und Asien – verbessern sollen. Interessanterweise sind diese Leute oft eher zurückhalten in Bezug auf Ihr Engagement und wollen ihr Licht keinesfalls unter den Scheffel stellen. Einige dieser Projekte werden im Rahmen des Kongresses auch vorgestellt.

Zurück zur Implantologie: Was sind die zukünftigen Herausforderungen in diesem Bereich?

Bernhart: Die Herausforderungen an die Implantologen sind groß, weil in vielen Bereichen die Entwicklung unheimlich schnell voranschreitet. Rein von der biologischer Seite betrachtet, wächst unser Wissen über den Knochen und seine Eigenschaften ständig, was immense praktische Konsequenzen hat – wie tief Implantate gesetzt werden müssen, um eine gute Haltbarkeit zu garantieren. Damit eng verbunden sind natürlich die neuen Entwicklungen auf dem Materialsektor und damit verbunden die Osseointegration. Als ganz große Herausforderung sehe ich außerdem den gesamten digitalen Bereich, dessen Einfluss auf die Zukunft der Implantologie noch gar nicht abschätzbar ist und uns bezüglich Bildgebung und Therapieplanung ganz neue Wege eröffnet. Das ist einerseits wunderbar, andererseits ist es aber für uns nicht leicht, mit diesem rasanten Fortschritt mitzuhalten.

Birgt dieser Fortschritt nicht auch die Gefahr, dass die Möglichkeiten einer Versorgung mit Implantaten in der Bevölkerung, speziell unter potenziellen Patienten, überschätzt werden?

Bernhart: Es ist tatsächlich so, dass hier teilweise unrealistische Vorstellungen zutage treten. In der Bevölkerung sind in dieser Hinsicht leider einige Mythen verbreitet: dass quasi jeder für den Einsatz von Implantaten in Frage kommt oder dass nach einer Implantatversorgung praktisch „alles erledigt ist“. Das führt dazu, dass auf Kollegen teilweise ein ziemlicher Druck von Patientenseite ausgeübt wird – unter dem Motto „Ich will Implantate“. Hier ist Augenmaß gefordert und Ehrlichkeit – denn für beileibe nicht alle Patienten sind Implantate die beste Lösung. Außerdem müssen wir uns verstärkt um die Aufklärung kümmern, weil die Erfahrung – und mittlerweile auch eine Studie an der MedUni Wien – zeigt, dass die Patienten die Versorgung mit Implantaten oft auf die leichte Schulter nehmen. So erscheinen viel zu wenige zu den notwendigen Recall-Terminen, die für einen Behandlungserfolg aber immens wichtig sind!

Kann man dies auch als Appell an Ihre Kollegen verstehen, den Patienten nicht zu große Hoffnungen zu machen?

Bernhart: Das geht selbstverständlich auch in Richtung Kollegen. In diesem Sinn möchte ich gerne erwähnen, dass bei der ÖGI die Seriosität in der Implantologie ein ganz zentraler Punkt ist und zugleich jeden Kollegen, dem dies am Herzen liegt, einladen, sich bei uns dafür einzusetzen. Wir freuen uns über jedes neue Mitglied, das ebenso denkt. Denn eines ist klar: Gratis-Implantate für alle wird es auch in Zukunft nicht geben. Es wird immer jemanden geben müssen, der den hohen finanziellen Einsatz bezahlt.

Zum Abschluss noch einmal zurück zum Kongress: Was sind Ihre persönlichen Ziele und Wünsche für die Tagung?

Bernhart: Dass sich alle Teilnehmer – vor allem unsere internationalen Gäste - bei uns wohlfühlen und dass die Tagung bei Ihnen in positiver Erinnerung bleibt. Sowohl fachlich als auch emotional.

* Anmeldung und weitere Informationen zur Tagung unter:

http://implant2015.wien/kontakt/

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben