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© Anna Stöcher
MR DDr. Hannes Gruber Präsident der ÖGZMK NÖ und des 40. Zahnärztekongresses
 
Zahnheilkunde 24. September 2015

„Wir müssen mit der Zeit gehen“

MR DDr. Hannes Gruber, Tagungspräsidenten des heurigen Zahnärztekongresses im Zahn Arzt-Gespräch.

Zahnheilkunde 2020: Der Titel des diesjährigen Kongresses weist schon auf den Zukunftsbezug des Programms hin. Die Herausforderungen an die moderne Zahnmedizin sind mannigfaltig und umspannen den medizinischen, technischen – und nicht zuletzt auch den gesellschaftspolitischen Bereich.

Der Österreichische Zahnärztekongress findet heuer unter der Ägide der ÖGZMK NÖ gemeinsam mit der Landeszahnärztekammer Niederösterreich statt. Wie steht es in Niederösterreich um die Zahnheilkunde 2015?

Gruber: Wir freuen uns über eine ausgezeichnete Versorgung in Niederösterreich. Unsere Patienten werden von 465 Vertragszahnbehandlern und ca. 140 Wahlzahnärzten im niedergelassenen Bereich betreut. Dazu kommen noch etwa 12 Ambulatorien der NÖGKK. Durch die Anzahl und Verteilung der Zahnärzte decken wir ganz Niederösterreich sehr gut ab. Hinzu kommt die Notdienstversorgung an Wochenenden, bei der Zahnärzte Patienten auch außerhalb der regulären Ordinationszeiten in Wohnortnähe zur Verfügung stehen.

Was will die Zahnheilkunde in Österreich bis 2020 erreichen?

Gruber: Ein ganz großes und dringendes Anliegen ist meinen Kollegen und mir, dass unser veralteter Kassenvertrag an den modernen Standard der Zahnheilkunde angepasst wird. Wir behandeln unsere Patienten auf einem Niveau des Jahres 2015, aber mit einem Vertrag aus dem Jahr 1957. Das sollte unbedingt angeglichen werden!

Haben Sie diesbezüglich Anregungen an die Politik und Sozialversicherungsträger?

Gruber: Mir ist eine langfristige, nachhaltige und auf das Wohl der Patienten fokussierte Gesundheitspolitik ein Anliegen. Oft denken die Beteiligten nur von einer Wahl zur nächsten. Das Gesundheitssystem sollte aber in seiner Gesamtheit und viele Jahre in die Zukunft geplant werden.

Wie sind Sie an die Auswahl der Themen für den diesjährigen Kongress herangegangen?

Gruber: Uns war es wichtig, alle Gebiete der Zahnheilkunde einzubeziehen. Dabei haben wir besonderes Augenmerk auf die modernen Behandlungsmethoden und zukünftigen Innovationen im Bereich der Zahnheilkunde gelegt. Zeitgemäße Zahnheilkunde ist mir ein großes Anliegen – wir müssen mit der Zeit gehen.

Welche Themen liegen Ihnen persönlich am Herzen?

Gruber: Wichtig, aber sehr oft unterschätzt ist die Prophylaxe. Sehr viele Zahnerkrankungen, die in weiterer Folge nicht nur große Schmerzen, sondern auch große Kosten verursachen, könnten dadurch vermieden werden. Gemeinsam mit einem zeitgemäßen Kassenvertrag könnten wir hier sehr viel erreichen.

„Mobilität 2020“ ist das Thema der Kongresseröffnung. Wie wird sich die Mobilität in den nächsten fünf Jahren verändern, und welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Tätigkeit des Zahnarztes?

Gruber: Hier geht es vor allem um ein grundsätzliches Umdenken in der Bevölkerung, das schon lange begonnen hat – wenn man etwa in Richtung erneuerbare Energien denkt, wie zum Beispiel bei der Ausweitung der Elektroautos. Uns geht es da stark um die geistige Mobilität, d.h. dass wir bereit und flexibel sind, moderne Wege zu denken und zu gehen. In erster Linie natürlich zum Wohle der Patienten, aber auch die Arbeitsbedingungen der Zahnärzte betreffend.

Wissenschaft und Praxis – wo positioniert sich Ihr Kongress?

Gruber: Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Deshalb wollen wir einerseits den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft viel Platz geben, andererseits müssen diese aber auch in der Routine der Ordinationen bereits anwendbar sind.

Die Dentalausstellung im Rahmen des Österreichischen Zahnärztekongresses wurde oft diskutiert: Wie stehen Sie dazu, und wird es bei Ihrem Kongress eine Dentalausstellung geben?

Gruber: Ich bin der Meinung, dass ein österreichischer Zahnärztekongress ohne Dentalausstellung nicht abgehalten werden sollte. Gerade in den großen Räumlichkeiten der Eventpyramide in Vösendorf stehen uns ca. 4.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung, und diese sind bereits gut gebucht. Das unterstreicht das Interesse der Aussteller, mit den Zahnärzten und Assistentinnen in persönlichen Kontakt zu treten.

Zurück in die Zukunft: Welche zahnmedizinischen Fachbereiche werden für die Zahnmediziner in Zukunft die größten Herausforderungen darstellen, und in welchen Bereichen werden die größten Fortschritte erzielt werden?

Gruber: Da die Gruppe der über 70-Jährigen zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsschicht zählt, wird aus meiner Sicht auf jeden Fall der Bereich Alterszahnheilkunde, also der Gerostomatologie, eine Herausforderung für uns darstellen. Damit einhergehend schreibe ich aber auch der Prophylaxe, die bereits im Kindesalter beginnen sollte, in den kommenden Jahren eine sehr große Bedeutung zu.

Zahnerhalt bis ins hohe Alter wird uns als Thema immer stärker begleiten, ich sehe in diesem Bereich daher auch sehr großes Innovationspotenzial in der Forschung. Weitere Fortschritte erwarte ich mir auch beim Thema Implantate – die Weiterentwicklung von Materialien ist eine sehr dynamische Disziplin in der Zahnheilkunde.

Wie sehen Sie die derzeitige Zusammenarbeit von Zahn- und Humanmedizin?

Gruber: Grundsätzlich würde ich mir in der Ausbildung der Zahnmedizin ein verstärktes Einbinden von humanmedizinischen Fächern wünschen. Wir wissen dass viele allgemeine Erkrankungen auch Ursachen auch mit zahnmedizinischen Faktoren zusammenhängen. Es sollte aus diesem Grund immer unser Ziel sein, als Ärzte und Zahnmediziner miteinander für die Gesundheit unserer Patienten zu agieren.

Im Sinne des Vorbeugungsgedankens und im Lichte der „Gratiszahnspange“: Welche zahnmedizinischen Leistungen für Patienten sollten in Zukunft von den Sozialversicherungen finanziell besser unterstützt werden?

Gruber: Die für Mutter und Kind so wichtige zahnärztliche Untersuchung etwa ist bis heute noch nicht im Mutter-Kind-Pass vorgesehen. Hier, nämlich in der Kinderzahnheilkunde, sehe ich einen ganzen Themenbereich, nämlich die Kinderzahnheilkunde, der dringend reformbedürftig ist.

Insgesamt darf ich mir zumindest als Vision wünschen, den gesamten Kassenvertrag, der ja, wie eingangs erwähnt, in seinen Grundzügen noch aus dem Jahr 1957 stammt, zu überarbeiten und zeitgemäßen Behandlungsmethoden anzupassen, die unsere Patienten verdienen und zu Recht einfordern.

Renate Höhl und Ingo Schlager, Zahnarzt 10/2015

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