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Die Mozartstadt bildete die malerische Kulisse der 10. Österreichische Fachtagung für Zahntrauma.

Univ.-Prof. Dr. Kurt EbelesederKlinische Abteilung für Zahnerhaltung, Meduni Graz Sissi Furgler

 
Zahnheilkunde 26. Juni 2015

Von Fall zu Fall – Zahntraumatologie in der Praxis

Das war die 10. Österreichische Fachtagung für Zahntrauma – eine Nachlese.

Was bringt es, eineinhalb Tage lang fast ausschließlich Fälle zu zeigen? Ganz einfach – man wird als Zuseher nicht mit bunten Grafiken eingelullt, sondern mitten ins zahnmedizinische Geschehen geworfen.

Man erlebt die Situation des Behandlers quasi stets aufs Neue – das war die Absicht hinter dem Generalthema „Cases, cases, cases“ bei der 10. Österreichischen Fachtagung für Zahntrauma, die bei herrlichem Wetter im Wyndham Grand Hotel in Salzburg stattfand.

Freitag und Samstag: Halitosis und Kinder

Das Freitagsprogramm am 29. Mai (Kurse über Halitosis und die Behandlung unreifer Zähne sowie drei Stunden Falldemonstration) besuchten etwa 35 Kollegen, von denen einige auch am Abendbuffet unter dem Titel „Meet the experts“ teilnahmen. Am Samstag, den 30. Mai wurden erfreuliche 130 Teilnehmer gezählt. Dieser Tag war in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (Vorsitzende: Petra Drabo) gestaltet worden.

Die Kunst der Zahnerhaltung

Kurt Ebeleseder, der Organisator der Tagung und Leiter der veranstaltenden ARGE Zahntrauma der ÖGZMK, begann nach der Begrüßung mit einem Vortrag zur Standortbestimmung der Implantologie in der dentalen Traumatologie. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Implantat und natürlichem Zahn ist die Art der Knochenbildung. Während der Knochen um ein Implantat eher statischen Charakter hat, erzeugt der parodontale Faserapparat eine dynamische Variante, die bei gesundem zervikalem Parodont laufend marginalen Knochen nachproduziert. Trotz großer klinischer Erfolge sind deshalb Implantate keine gleichwertige Alternative zum natürlichen Zahn, sondern nur guter Ersatz. Der überwiegende Teil der Zähne geht zudem in einem Alter verloren, in welchem Implantate wegen der Wachstumsdynamik des Kiefers kontraindiziert sind. Fazit: Die Zahnerhaltung ist die Kunst Nr. 1 in der dentalen Traumatologie.

Ankylose, Dentalästhetik und Pulpavitalität

Ankylotische Zähne Jugendlicher waren das Hauptanliegen Andreas Filippis (Basel) im Vortrag „Oralchirurgische Marksteine“. Unphysiologisch gerettete avulsierte Zähne enden unvermeidlich in Ankylose, stellen dabei ihr Vertikalwachstum ein und geraten in Infraposition, was einem schwer aufzuholenden vertikalen Knochenverlust entspricht. Des Weiteren ist ihre Haltedauer durch Ersatzresorption begrenzt, da hier das Wurzeldentin kontinuierlich zu Knochen umgebaut wird. In einigen Fällen kann zumindest dieser Knochen (nach Dekoronation) das lokale Defizit verringern, ausreichend neuen Knochen schaffen kann jedoch nur der Zahnhalteapparat eines Transplantates, als das auch ein Milcheckzahn dienen kann.

Carmen Anding (Bern) zeigte Fälle aus dentalästhetischer Sicht: Reattachment subgingivaler Kronenfragmente unter chirurgischer Exposition bzw. Kronenverlängerung, Ersatz von Einzelzähnen mittels spezieller Matrizentechnik und adhäsiver Glasfasertechnik. Selbst parodontal geschädigte Zähne können mit dieser Methode ästhetisch wie auch funktionell „verjüngt“ werden.

Hub van Waes (Zürich) brachte Fälle, die als E-mail-Anfragen von Schweizer Kollegen an ihn ergangen waren und zeigte, wo im Detail die Aussagekraft über Sensibilität und Vitalität begrenzt ist. Die sichersten Zeichen für ein Überleben der Pulpa sind Pulpaobliteration und Fortsetzung des Wurzelwachstums. Die genaue Klassifikation des Dislokationstyps vor Beginn der Behandlung trägt dazu bei, die Chancen auf eine Reparatur der Pulpa durch Revaskularisation richtig einzuschätzen und unnötiges Zuwarten zu vermeiden.

Schwerpunkt Endodontie

Yango Pohl (Bonn) nahm die endodontische Infektion bei replantierten Zähnen aufs Korn. Auch nach erfolgreicher Wurzelkanalbehandlung zeigten ehemals pulpainfizierte Zähne eine raschere Resorption als solche, bei denen die Pulpa sofort entfernt wurde. Solange die Zähne durch Ankylose und somit auf parodontalem Weg verloren gingen, sei das Hauptaugenmerk bei der Replantation auf das Parodont zu richten. Hier können neben der Rekonditionierung noch vitaler Zellen in der Zahnrettungsbox auch Glucocorticoide, systemisch verabreichte Tetracycline und Schmelz-Matrix-Proteine (zusammengefasst als ART = antiresorptive Therapie) zum Einsatz kommen.

Den Nachmittag begann Johannes Klimscha (Wien) mit eingehend fotografierten wie teilweise auch gefilmten endodontisch-restaurativ kombinierten Fällen. Die Priorität „Vermeidung der apikalen Parodontitis“ beginnt bereits bei der Darstellung des Behandlungsfeldes, wozu auch spezielle Tricks bei der Kofferdamlegung notwendig sein können. Materialien wie MTA, Biodentine oder Triple Antibiotic Paste sind aus der modernen Zahntraumatologie nicht mehr wegzudenken.

Adriano Crismani (Innsbruck) zeigte Fälle zu den traumatologisch relevanten Themen Dyseruption, Wurzelresorption, Ankylose und Transplantation. Ein Highlight war sicher der Fall einer isogenetischen Allotransplantation zwischen eineiigen Zwillingen mit ungleichem (!) Zahnbestand.

Nachdem das parodontale Ligament ja schon mehrfach zur Sprache gekommen war, konnte Christine Berthold (Vancouver) noch einmal Klarheit über das Wesen der Wurzelresorptionen und die parodontalen Heilunsgvorgänge einbringen.

Christian Krenkel (Salzburg), lange Zeit einsamer Pionier der österreichischen Zahntraumatologie, ließ anhand alter Fälle erkennen, dass die Prinzipien von Heilung, Wachstum und Funktion schon immer gegolten haben, auch wenn die medizinischen Applikationen teilweise anders aussahen.

Gelungene Veranstaltung

Den Reigen der Vorträge schloss Kurt Ebeleseder (Graz) mit Vorschlägen für eine „kontrollierte Nichtbehandlung“ traumatisierter Milchzähne. Die Kontrolle besteht in antibakterieller systemischer und lokaler Therapie und in der Anfertigung von Röntgenbildern. Fazit: Das Zahnsäckchen des nachrückenden bleibenden Zahnes kann bei Milchzähnen vieles leisten, was in der Behandlung bleibender Zähne der Zahnarzt machen muss.

Die Tagung endete gegen 17.00 Uhr mit einem Sonderapplaus für das Veranstaltungsteam und der Feststellung, dass ein systematisches Fortbildungsangebot auf dem Gebiet der Zahntraumatologie auch weiterhin sinnvoll und notwendig sein wird.

Kurt A. Ebeleseder, Zahnarzt 7/8/2015

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