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Mittels spezieller, unterstützender Grifftechniken ist eine Trance leichter aufrecht zu halten.
 
Zahnheilkunde 29. Mai 2015

Schlaf, Kindlein, schlaf...

Hypnose in der Kinderzahnheilkunde bietet viele Vorteile. Der Zahnarztbesuch in Trance wird für die Kleinen zum Spiel, zum Abenteuer, zum Traum. Das hilft den Kindern, den Eltern – und auch dem Zahnarzt.

Die Therapie von Kindern und Jugendlichen gehört in der täglichen Praxis zur Routine. Die Behandlung soll sowohl für die Eltern, vor allem aber für das Kind so angenehm wie möglich verlaufen. Ein mögliches Hilfsmittel hierzu ist die Kinderhypnose.

Durch Hypnose wird das Kind von der eigentlichen Behandlung abgelenkt und in eine Phantasiewelt geführt, die mit positiven Gefühlen verbunden wird. Ehemals „unbehandelbare“ Kinder werden behandelbar. Sie verlieren die Angst und auch Erinnerungen an womöglich vorher erlebte unangenehme Situationen.

Im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung an der Universitätszahnklinik Wien, widmete sich Prof. Dr. Werner Ossmann, Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie Spezialist für zahnärztliche Hypnose, mit seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz dem Thema „Hypnotische Kommunikation mit Kindern“. In seinem Vortrag vermittelte er Grundlagen zum Thema Hypnose und bot mit dem Schwerpunkt Kinderhypnose einen Behandlungsansatz für eine sensible Patientengruppe.

Hypnose und Trance

Während man im normalen Bewusstseinszustand immer viele verschiedene Reize gleichzeitig wahrnimmt, ist in Hypnose oder Trance die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache gerichtet, sodass man die restliche Umgebung mehr oder weniger ausblendet. Etwas „wie in Trance“ zu tun ist also auch ein ganz alltäglicher Zustand, den man z. B. beim Sport, beim Lesen eines spannenden Buches, beim Lösen eines Kreuzworträtsels oder bei einer konzentrierten Arbeit erleben kann. Bei der medizinischen oder psychotherapeutischen Anwendung wird diese Fähigkeit zur „Alltagstrance“ gezielt eingesetzt, sodass sie zur Lösung körperlicher und/oder seelischer Probleme führen kann. „Hypnose ist ein Prozess, um jemanden in Trance zu führen, in Trance zu halten und ihn wieder aus der Trance heraus zu führen“, so Ossmann. Sich auf eine Trance einzulassen und wieder aus ihr herauszukommen ist ein freiwilliger Vorgang, bei dem der Wille, etwas zu tun oder nicht zu tun, in keiner Weise eingeschränkt werden kann.

Die Realität hinter sich lassen

Einer Behandlung in Hypnose gehen selbstverständlich eine ausführliche Anamnese sowie ein Vorgespräch mit dem Patienten voraus. Bei der Einleitung einer Trance wird die Aufmerksamkeit weg von äußeren Reizen hin auf ein inneres Erleben gelenkt. Es werden alle Sinne angesprochen (visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch). Initial wird über den dominanten Sinneskanal eingegangen, danach folgt eine Vertiefung der Trance über weitere Sinneskanäle, Geräusche werden utilisiert. Der Arzt oder Therapeut lenkt die Gedanken u.a. auf einen schönen Urlaub oder einen Entspannungsort. Hierbei kommt es in der Regel zunächst zu einer körperlichen Entspannung. Der so entstandene Entspannungszustand ist mit einer Beruhigung der inneren Rhythmen (Atmung und Pulsschlag) verbunden. Je wirklicher ein Patient dieses innere Erleben erfährt, desto mehr rückt die äußere Realität in den Hintergrund. Unterstützt wird dieser Zustand mit Hilfe von Atempacing, Leading, Körperkontakt sowie speziellen Grifftechniken durch den Therapeuten. Ärztliche Maßnahmen werden in Trance weniger und entspannter wahrgenommen. Posthypnotische Suggestion, Dehypnose und Feedback schließen die Behandlung ab.

Der kleine Patient

Die kurzfristigen Ziele der Kinderhypnose sind, ein Kind im Notfall zu versorgen, oder ein Kind mit dringendem Behandlungsbedarf akut – beziehungsweise spätestens in der zweiten Sitzung – behandeln zu können. Langfristig soll Kindern die Angst genommen und der Zahnarztbesuch mit etwas Angenehmen verbunden werden. Der Experte betonte, dass Kinder ihre Intensität solange steigern können, bis sie in ihrem Gefühl zu 100 Prozent wahrgenommen werden.

Zu Therapiebeginn ist es wichtig, dass der Behandler die Gefühle des Kindes richtig erkennt und deutet. Haltung, Bewegungen, Atmung, (indirekte) Aussagen und die Mitarbeit des Kindes am Stuhl müssen dafür besonders beachtet werden. Kindern steht der Körper als Instrument noch nicht voll zur Verfügung, erst mit zunehmendem Alter entwickelt sich auch die Körpersprache, und die Nuancen werden feiner. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Erwachsenen- und Kinderhypnose ist die unzureichend ausgeprägte Fähigkeit von Kindern sich ausreichend lange konzentrieren zu können. Erwachsene können sich mit den ihnen gestellten Aufgaben über einen längeren Zeitraum alleine beschäftigen, Kinder hingegen brauchen ständigen Input um die Trance aufrecht halten zu können. Besonders wichtig bei der Behandlung von Kindern ist zusätzlich andauernder Körperkontakt (Halten, Beschützen) während der gesamten Sitzung. Dieses Halten geschieht liebevoll, manchmal aber auch mit dem nötigen Nachdruck. Eine sichere Behandlung muss jedenfalls garantiert werden und das Kind soll sich dabei wohlfühlen. Fortwährendes Lob (Gut so! Weiter so! Toll!) unterstützt die Therapie und steigert die Compliance des Kindes.

Sicheres Umfeld

Ossmann stellte außerdem klar, dass die Rahmenbedingungen bei der Behandlung von Kindern eine sehr wichtige Rolle spielen und einige Punkte seitens Behandler unbedingt beachtet werden sollten. Kinder benötigen eine gewisse Eingewöhnungsphase, um sich mit der Situation und dem Behandlerteam vertraut zu machen. Bei Folgebehandlungen ist es also von Vorteil, immer denselben Behandlungsraum zu nützen und dieselbe Instrumentenreihenfolge einzuhalten. Ebenso wichtig ist es, ein wenig Nachbearbeitungszeit in der Ordination einzuplanen. Entscheidend für eine gute Erfahrung beim Zahnarzt ist nicht die Behandlung selbst, sondern das Gefühl und die Erinnerung, mit der das Kind die Ordination verlässt. Die Eltern als Begleitpersonen sollen Sicherheit vermitteln. Eine ausführliche Aufklärung vor Therapiebeginn und das richtige „Elternhandling“ ist essenziell für eine funktionierende Zusammenarbeit mit dem Kind. Störende Faktoren, wie beispielsweise Hektik in der Ordination, sollten unbedingt vermieden werden. Zu kurze oder zu lange Wartezeiten, falsche Kommunikation (schlechte Suggestion) durch die Eltern vor Behandlungsbeginn und spürbare Angst der Eltern können sich ebenfalls negativ auf den Therapieerfolg auswirken.

Zeichen der Trance

Kinder gehen bei vielen Gelegenheiten spontan in Trance, z.B. wenn sie ganz in ihrer Spiel- und Phantasiewelt versunken sind. Wenn bestimmte Körperteile gerade nicht benötigt werden, werden diese „ausgeschalten“. Ein solcher tranceähnlicher Zustand kann auch oft beim Fernsehen beobachtet werden. Das Kind sitzt bewegungslos mit offenem Mund und starrem Blick da, während es vom Film „gefesselt“ wird. Beim Zahnarztbesuch befindet sich ein Kind bereits in einer Art Trance, wenn es die Ordination betritt. Im Wartezimmer sind oftmals nur Augen und Ohren aktiv. Am Stuhl geht es dann schrittweise in Trance, die Tiefe kann sich dabei laufend verändern. Die Augen bleiben meist geöffnet, besonders bei kleineren Kindern ist dies sehr häufig zu beobachten. Davon darf man sich nicht irritieren lassen, eine Trance kann sowohl bei geschlossenen als auch bei offenen Augen stattfinden. Wenn sich nur ein Körperteil oder mehrere in Trance befinden spricht man von Teiltrance. Typische Trance-Zeichen lassen sich an den Händen erkennen und sind der wichtigste Indikator für die Trancentiefe.

Zahnputzer und Zahnstreichler

Während der Behandlung sollten für alle zahnmedizinischen Instrumente und Handlungen nur „positive“ Begriffe verwendet. So werden die Zähne geputzt, gestreichelt oder gekitzelt und dürfen vorher mit Hilfe von Schlafsaft einschlafen. Bei der verbalen Induktion ist die Wortwahl entscheidend. Wörter wie Bohren, Reißen, Schneiden, Spritze, Blut und Zange sind meistens schon von vornherein mit Angst besetzt. Daher ist es wichtig negativ besetzte Worte durch positive oder neutrale Begriffe zu ersetzen. Bohrer könne als „Zahnputzer“ und „Zahnstreichler“ bezeichnet, die Spritze kann als „Zahneinschlafgerät“ oder „Schlafperleneinfüller“ und eine Zange als „Zahnherauswackelgerät“ bezeichnet werden. Diese Ersatzwörter können noch mit einer liebevollen Geschichte ergänzt werden. Die Sprache und die Erzählung können dabei manchmal etwas konfus wirken. Dies geschieht mit voller Absicht, denn die sogenannte Konfusionstechnik (Verwirrungstechnik) ist eine der wirksamsten Methoden um ihr Kind in Trance zu halten. Verneinungen in Zusammenhang mit negativen Begriffen (es tut nicht weh, das ist kein Bohrer, du musst dich nicht fürchten, du brauchst keine Angst haben) sollten ebenfalls vermieden werden. Das Unterbewusstsein, insbesondere bei Kindern, kennt keine Verneinung und die negative Assoziation bei diesen Formulierungen überwiegt. Die Eltern sollten die entsprechende Wortwahl auch zu Hause übernehmen. Nach der Behandlung sollen Fragen wie „Hat es weh getan?“ unterlassen werden, da sie an ein ungutes Gefühl erinnern.

Ohne Worte

Etwa 80% der Hypnosearbeit mit Kindern erfolgt nonverbal. Hierzu zählen unter anderem Körperbewegungen, Mimik, Gestik, Blickkontakt, Körperkontakt und Erwartungshaltung. Kinder können Körpersignale sehr rasch deuten, die richtige „Kommunikation“ auf dieser Ebene ist von entscheidender Bedeutung. Ganz nach dem Motto „Heb‘ das Kind auf dein Niveau, indem du dich zu ihm hinab begibst“, können kindliche Muster genutzt werden um Vertrauen zu gewinnen. Der Spezialist gab darüber hinaus einen Überblick wie mittels spezieller, unterstützender Grifftechniken eine Trance leichter aufrecht zu halten ist, als dies rein verbal möglich wäre. Folgende Berührungspunkte haben sich in der Praxis bewährt: Schulter, Bauch, Herz, Scheitel, Stirn („Drittes Auge“), Kinn und Schläfe.

Alles im Griff

Die Grifftechniken sehen im Detail wie folgt aus:

• Bauch: Die Hand ruht mit leicht gespreizten Fingern auf dem Bauch. Dabei ist ein verbales Atempacing möglich: „Atme langsam, noch langsamer! Tief in den Bauch hinein!“ Dieser Griff wirkt beruhigend auf Kinder.

• Brust: Die Hand ruht ebenfalls mit leicht gespreizten Fingern über dem Herzen. Dabei kann man den Herzschlag spüren und diesen beeinflussen: „Dein Herz schlägt ja ganz schön schnell. Du bist ja noch ziemlich aufgeregt. Lass dein Herz ruhig langsamer schlagen! Sehr schön… Noch langsamer…“

• Scheitelbereich: Das Handzentrum liegt auf dem Scheitelzentrum, wobei die Finger nach vorne gespreizt sind. Mit der zweiten Hand kann beispielsweise ein Abformlöffel gehalten werden. Damit lässt sich eine Unterdrückung des Würgereizes erzeugen und eine Sensibilitätsverminderung im Oberkiefer erreichen.

• Stirn („Drittes Auge“): Das Energiezentrum der linken Hand liegt auf dem „dritten Auge“. Der Zeigefinger hält die Lippe des Patienten ab, während die restlichen Finger teilweise abgespreizt sind. Dies ist die normale Behandlungsposition im Oberkiefer. So kann eine Sensibilitätsverminderung im gesamten Mundbereich erzielt werden.

• Kinn (Unterlippenpunkt): Der Daumen wird auf den Punkt zwischen Lippe und Kinn gelegt, die anderen Finger sind abgespreizt. Der Effekt ist eine verbesserte Speichelkontrolle.

• Schläfe: Der Schläfenpunkt ist einer der wichtigsten Punkte. Durch richtiges Berühren und Halten kann man ebenfalls eine Reduktion der Schmerzempfindung erreichen. Der Schläfengriff ist im Rahmen einer Doppelinduktion äußerst wirksam. Dabei liegt die linke Hand des Behandlers auf der rechten Schläfe des Patienten, die rechte Hand der Helferin auf der linken Schläfe.

Der Schläfengriff sollte behutsam angewendet werden, der Kontakt wird langsam gelöst, nachdem vorher Schulterkontakt hergestellt wurde. Der Effekt ist das nonverbale Halten in Trance. Vom Schläfengriff gibt es zahlreiche Variationen. In der Praxis erfolgt meist eine Kombination verschiedener Griffe. Bei kleinen Kindern kann man mit einer Hand mehrerer Punkte zugleich abdecken, wie beispielsweise Scheitel, Schläfe und „drittes Auge“.

Wenn das Kind nicht will, schreit und tobt

Die meisten Hypnose-Behandlungen verlaufen in einer angenehmen und ruhigen Atmosphäre.

Doch auch unter den besten Voraussetzungen kann es in manchen Fällen (Behandlung akuter Schmerzen oder eitriger Entzündungen) vorkommen, dass ein Kind zu schreien beginnt. Für die Eltern stellt dies eine sehr unangenehme Situation dar. Ossmann verweist in derartigen Situationen mit akuter Behandlungsnotwendigkeit auf die Möglichkeit der sogenannten „Schreitrance“. Diese Methode wird nicht standardisiert angewendet, man kann sie sich aber zu Hilfe nehmen um auch solche schwierige Situation zu meistern. Es ist die Entscheidung der Eltern, ob sie ein sich widersetzendes Kind in Vollnarkose oder Hypnose (Schreitrance) weiter behandeln lassen wollen. Bei diesem Vorgehen wird das Schreien des Kindes genützt, um es in eine noch tiefere Trance zu führen. Während dieser Trance ist für das Behandlerteam entscheidend, dass das Kind ruhig hält und sich behandeln lässt. Dies ist die Mindestvoraussetzung, um eine Behandlung fortsetzen zu können. Beim Kind geschieht beim Schreien folgendes: Durch das Schreien werden alle Sinneskanäle zum Gehirn überlastet. Ebenso werden alle Schmerzbahnen blockiert, daher spürt das Kind weniger. Das Kind beginnt zu hyperventilieren und es kommt zu einer Änderung des pH-Wertes des Blutes, welche zu einer weiterer Schmerzkontrolle beitragen kann. Das Kind schreit, um zu signalisieren, dass es sich in einem Angstzustand befindet und um sich selbst tiefer in Trance zu versetzen. Nach Beendigung der Behandlung in Schreitrance ist es wichtig, dass Kind wieder gezielt in einen positiven und angenehmen Zustand zu führen.

Zahnarztbesuch wird zur angstfreien Erfahrung

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die moderne medizinische Hypnose in vielen Bereichen der Medizin und Psychotherapie als therapeutische Methode etabliert. Durch den Einsatz von Kinderhypnose in der zahnärztlichen Praxis kann eine entspannte Arbeitsatmosphäre für alle Beteiligten geschaffen werden. Wenn ein Kind erst einmal feststellt, wie toll es die Zahnbehandlung meistert, hat dies eine positive Auswirkung auf Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Der Zahnarztbesuch wird auf diese Weise zu einer angstfreien Erfahrung und das Kind freut sich, wieder zu kommen.

Das Literaturverzeichnis kann bei der Redaktion angefordert werden.

Quelle: „Hypnotische Kommunikation mit Kindern“, Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Werner Ossmann, im Frühjahr 2015 in Wien

Eva Reumann, Zahnarzt 6/2015

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