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DDr. Martin Brock Präsident des Verbands Öster- reichischer Kieferorthopäden
© ÖZÄK, Bernhard Noll

DDr. Claudius Ratschew Pressereferent der ÖZÄK

© Oleg Shelomentsev/fotolia.com

Verband der Kieferorthopäden und Zahnärztekammer: Bei der Gratiszahnspange scheiden sich die Geister.

 
Zahnheilkunde 14. Mai 2015

„Notbremse“ auf Kosten der Patienten?

Zahnärztekammer und Verband der Kieferorthopäden gehen in der Beurteilung der „Gratiszahnspange“ nicht immer konform, erfuhr der Zahn Arzt im Exklusivinterview mit DDr. Claudius Ratschew und DDr. Martin Brock.

Am 1. Juli tritt das neue Gesetz zur Gratiszahnspange in Kraft. Für die Zahnärztekammer ist es zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, erläutert DDr. Claudius Ratschew, Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer, auch wenn man vom eigentlichen Ziel noch sehr weit entfernt sei. Der Verband der Kieferorthopäden hätte lieber eine Bezuschussung mit Staffelung nicht nur nach medizinischen, sondern auch nach sozialen Kriterien gesehen, meint dessen Präsident DDr. Martin Brock.

Herr DDr. Ratschew, entspricht das Verhandlungsergebnis des Vertrages, der mit 1. Juli in Kraft tritt, Ihren Erwartungen oder handelt es sich eher um einen politischen Kompromiss?

Ratschew: Die „Gratiszahnspange“ ist für uns ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenngleich das Ziel noch in weiter Ferne liegt. Dieses Ziel heißt klipp und klar moderne und sozial gerechte Kassenzahnheilkunde für alle Versicherten aller Altersgruppen. Davon sind wir heute in Österreich noch Lichtjahre entfernt und das verstehen unsere Patienten genau so wenig wie wir Zahnärzte.

Im Zuge des Nationalratswahlkampfes 2013 verkündete der damalige Gesundheitsminister Alois Stöger knapp zwei Wochen vor dem Wahltermin in einer Pressekonferenz, dass nach der Wahl alle Kinder und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr bei Bedarf eine festsitzende kieferorthopädische Behandlung bekommen sollten, die zur Gänze von den Krankenkassen bezahlt werden möge. Er sei nämlich der Meinung, dass man am Gebiss der Kinder nicht das Einkommen der Eltern ablesen können solle. Dieses Wahlzuckerl wurde verkündet, ohne vorher auch nur ein einziges Wort darüber mit der Österreichischen Zahnärztekammer als Standesvertretung der Leistungserbringer oder mit dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger als finanzierende Stelle gesprochen zu haben. Durch den Druck der Öffentlichkeit kam Minister Stöger nach der Wahl dann unter politischen Zugzwang und ließ am Jahresanfang 2014 völlig überhastet und wieder ohne Abstimmung mit Zahnärztekammer oder Sozialversicherungen ein Gesetz beschließen, das die Schaffung der sogenannten „Gratiszahnspange“ ab 1. Juli 2015 vorsieht.

Hierfür wurde ein nicht nachvollziehbarer Fixbetrag von 80 Millionen Euro pro Jahr willkürlich festgesetzt und zudem der Österreichischen Zahnärztekammer und dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger der Auftrag erteilt, bis spätestens Ende 2015 einen Vertrag zur Erbringung dieser Leistung auszuhandeln. Aus diesen höchst unprofessionellen Vorgaben des damaligen Ministers haben wir nun gemeinsam mit den konstruktiven Kräften aus den Reihen unseres Vertragspartners im Zuge langwieriger Verhandlungen einen für beide Seiten lebbaren Vertrag abgeschlossen. Das Wahlversprechen Stögers wird damit freilich nicht eingelöst, denn es werden keineswegs alle Kinder davon profitieren, sondern nur jene, deren Fehlstellungen in die Klassen 4 und 5 nach IOTN fallen.

Seitens des Verbandes Österreichischer Kieferorthopäden gab es zuletzt Kritik daran, dass man erstens in die endgültige Detailplanung nicht eingebunden gewesen wäre und es zweitens aufgrund der budgetären Deckelung zu einer Abnahme der Betreuungsqualität kommen werde bzw. die soziale Komponente keine Berücksichtigung gefunden hätte.

Ratschew: Der Präsident des Verbandes der österreichischen Kieferorthopäden war selbstverständlich in die Verhandlungen mit dem Hauptverband eingebunden. Ich kann seine diesbezügliche Kritik daher nicht nachvollziehen. Die budgetäre Deckelung kann aus medizinisch-ethischen Gründen niemals zu einer Abnahme der Betreuungsqualität führen, das schließe ich daher aus. Wer die Leistung nicht zum vorgegebenen Tarif erbringen kann oder will, der muss sich nicht um den „Gratiszahnspangen-Vertrag“ bewerben. Richtig ist hingegen, dass die soziale Komponente keinerlei Berücksichtigung im Vertrag findet.

Dieser wichtige Aspekt wurde aber bei der Schaffung der rechtlichen Vorgaben, die von uns und unserem Vertragspartner zu erfüllen waren, vom Gesetzgeber leider zur Gänze vernachlässigt.

Brock: Das Problem beginnt bereits früher, nämlich bei der Gestaltung des Gesetzes, welches die Grundlage für den jetzigen Gesamtvertrag ist. Das Gesetz beinhaltet bereits die Festlegung auf ein Sachleistungssystem und schreibt einen Index vor, der die Komplexität einer Fehlstellung nicht berücksichtigt.

Der Verband Österreichischer Kieferorthopäden fordert seit vielen Jahren eine Bezuschussung mit Staffelung nicht nur nach medizinischen, sondern auch sozialen Kriterien. Vorteile eines derartigen Systems: Leichter umsetzbar, sozial gerechter; mit dem gleichen Budget würden deutlich mehr Patienten profitieren. Zudem hätten die Patienten die Möglichkeit gehabt, zwischen verschiedenen (ästhetisch unauffälligeren) Apparaturen zu wählen. Durch Studien ist belegt, dass durch einen Selbstkostenanteil die für den Erfolg einer Behandlung wichtigen Ko-Faktoren seitens der Patienten wie Tragedisziplin, Termintreue, Mundhygiene etc. besser sind. Bei Gratis-Leistungen gibt es häufiger Reparaturen und Behandlungsabbrüche aufgrund mangelnder Kooperation.

Sie kritisieren vor allem das Fehlen der sozialen Staffelung sowie die Deckelung des Budgets: Welche konkreten Auswirkungen befürchten Sie daraus?

Brock: IOTN 4 und 5 betreffen rund 30 Prozent aller Zahn- und Kieferfehlstellungen. Die größte Gruppe mit weiteren rund 30 Prozent sind jedoch IOTN 3-Fälle, die zum Teil ebenfalls erhebliche Fehlstellungen aufweisen. Von einer sozialen Staffelung hätte auch diese Gruppe profitiert. Damit hätten bis zu 60 Prozent anstatt der jetzt maximal möglichen 30 Prozent versorgt werden können. Der Bund stellt mit 80 Millionen Euro ein fixes Budget zur Verfügung – unabhängig davon, wie viele Patienten die Behandlung in Anspruch nehmen werden. Begeben sich mehr Patienten als von den Verhandlungspartnern kalkuliert in Behandlung, steht ab 2017 weniger Geld pro Patient zur Verfügung. Das ist eine Notbremse auf Kosten der Patienten. Sinken die Mittel pro Patient, muss die Betreuungsqualität abnehmen. Bei allem Bemühen wird man dann nicht mehr mit gutem Gewissen von einer hochqualitativen medizinischen Betreuung sprechen können.

Sie fordern die Einführung des Fachzahnarztes für Kieferorthopädie, wie es ihn überall in Europa (mit Ausnahme Spaniens) gibt. Woran scheitert die Umsetzung?

Brock: Am jahrzehntelangen hinhaltenden Widerstand der Österreichischen Zahnärztekammer. Jetzt wurde ein Vertrag für ein zahnmedizinisches Spezialgebiet abgeschlossen, das in Österreich bislang offiziell nicht anerkannt ist. Da es Spezialisten bzw. Zahnärzten mit vertiefter Ausbildung auch nicht erlaubt ist, korrekt auf ihre Zusatzausbildung hinzuweisen, haben Patienten kaum die Möglichkeit, diese zu erkennen. Eine den internationalen Standards entsprechende Berufsbezeichnung würde Sicherheit für die Patienten bei der Arztwahl bedeuten. Durch die offizielle Anerkennung der nach EU-Richtlinien geregelten Ausbildung, wie sie in Österreich seit Langem angeboten wird, wären endlich alle in Österreich ausgebildeten Kieferorthopäden mit ihren ausländischen Kollegen gleichgestellt und auch voll migrationsfähig.

Ratschew: Die Schaffung des Fachzahnarztes für Kieferorthopädie ist in Österreich zwar geplant, es fehlen aber noch die Rahmenbedingungen. So haben etwa die österreichischen Universitäten nicht die Kapazität, für die Vielzahl der hierzulande benötigten Kieferorthopäden die europarechtlich vorgeschriebene dreijährige intramurale Vollzeitausbildung anzubieten. Darüber hinaus fehlen noch rechtlich unanfechtbare Übergangsbestimmungen, die eine Diskriminierung jener Kieferorthopäden verhindern müssen, die ihre Ausbildung vor der Einführung des Fachzahnarztes absolviert haben. Ein Versorgungsmangel der Bevölkerung besteht dadurch in Österreich aber keineswegs, es gibt, wenn auch derzeit noch ohne Fachzahnarzttitel, eine adäquate Anzahl bestens ausgebildeter und hochqualifizierter kieferorthopädisch tätiger Zahnärzte.

Volkmar Weilguni, Zahnarzt 5/2015

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