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© Univ.-Klinik für Kieferorthopädie, Innsbruck
Univ.-Prof. Dr. Adriano Crismani Direktor der Univ.-Klinik für Kieferorthopädie des LKH Innsbruck
 
Zahnheilkunde 26. März 2015

Alltagsprobleme – eine tagtägliche Herausforderung

Univ.-Prof. Dr. Adriano Crismani, Tagungsleiter der Kitzbüheler KFO-Fortbildung, im Gespräch.

Wie Kollegen mit Problemen im Alltag praktisch umgehen, war einer der Schwerpunkte der diesjährigen Internationale Kieferorthopädischen Fortbildungstagung in Kitzbühel, die, wie Tagungsleiter Univ.-Prof. Dr. Adriano Crismani berichtet, dieses Jahr einen neuen Teilnehmerrekord verzeichnete.

„Alltagsprobleme in der Praxis“ ist eines der zentralen Themen dieses Kongresses. Da stellt sich die Frage: Warum?

Crismani: Weil sie eben 100% der anwesenden Besucher betreffen. Der Großteil der Besucher sind niedergelassene Kieferorthopäden, die tagtäglich ähnlichen Problemen in ihrem Praxisalltag gegenüberstehen. Warum also nicht mit Kollegen austauschen? Wir haben deshalb auch bei der Referentenauswahl nicht nach Kollegen Ausschau gehalten, die schöne Fälle präsentieren können, was auch interessant wäre, sondern dieses Mal konkret nach Vortragenden gesucht, die Fehler aus der gängigen Praxis aufgreifen und dann anhand eigener Erfahrungen und Erkenntnisse Hilfestellungen bieten.

Mit den weiteren Schwerpunkten Kinderzahnmedizin, ‚Logopädie‘ und Frühbehandlung gewinnt man den Eindruck, dass eine frühe Auseinandersetzung mit dem Thema Kieferorthopädie wichtig ist.

Crismani: Ja, das ist richtig. Wir müssen aber nicht nur früh oder rechtzeitig handeln, sondern auch interdisziplinär unsere Bemühungen verstärken. Zurzeit erlebt etwa die Kinderzahnmedizin so etwas wie einen Hype.

Wie stehen Sie zu diesen Spezialisierungen?

Crismani: Sehr positiv, solange eng interdisziplinär zusammengearbeitet wird. Denn damit diese Einzelspezialisierungen im Sinne des Patienten auch gelingen, muss man sich mit anderen Behandlern austauschen. Man konzentriert sich etwa in der Kinderzahnmedizin voll und ganz auf die zahnmedizinischen Bedürfnisse der jungen Patienten. Manche Zahnfehlstellungen, um nur ein Beispiel zu nennen, sind aber ohne logopädische Unterstützung gar nicht korrigierbar.

Einer der Vortragenden referierte über das Thema Oralchirurgie. Schwerpunkte waren dabei: Kortikotomie, präimplantologische Lückenöffnung und natürlich Mikroschrauben zur Verankerung. Voraussetzung auch hierfür ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Kieferorthopädie zwischen Hightech und Tradition: Wann gab es in der Kieferorthopädie den letzten wirklich großen Durchbruch?

Crismani: Hardwaremäßig ist es mit den großen Durchbrüchen etwas länger her. Die Alignertherapie war einer der letzten großen Würfe; vor allem auch deshalb, weil der Patientenkomfort dadurch spürbar verbessert wurde. Auch von Seiten der Mundhygiene her, ist diese für den Patienten bei der Schienenserientherapie unvergleichlich einfacher als bei der konventionellen Multibandtherapie.

Die Entwicklungen der letzten Zeit betreffen eher die Bereiche Software und Komfort. Focus wurde etwa auf Innovationen gelegt, welche die Behandlerfreundlichkeit erhöht haben, wie zum Beispiel der intraorale Scanner, der virtuelle 3D-Modelle liefert.

Woran wird aktuell gearbeitet?

Crismani: Eine große Herausforderung unserer Zeit ist, dass die Bakterien immer resistenter gegen Antibiotika werden – und umgekehrt, dass die bekannten Antibiotika immer schwächer gegen diese resistenten Stämme wirken. Eine andere Innovation an der auch gearbeitet wird, die sich aber noch im Entwicklungsstadium befindet, sind Kunststoffmaterialien, die antimikrobielle Eigenschaften aufweisen. Dabei könnten quartäre Ammoniumsalze eine entscheidende Rolle spielen.

Noch einmal kurz zu den Errungenschaften bisher. Auf welche dieser würden Sie heute auf keinen Fall verzichten wollen?

Crismani: Auf die selbstlegierenden Brackets möchte ich nicht mehr verzichten. Wohl hat sich herausgestellt, dass diese in der Biomechanik keinen Unterschied zu den herkömmlichen Brackets aufweisen, aber der Zeitgewinn und in Folge der schnellere Bogenwechsel ist für mich ein gravierender Vorteil für den Behandler. Aber auch die Minischrauben, die zwar inzwischen etwas anders angewendet werden wie in der Anfangszeit, möchte ich nicht mehr missen; auch wenn sie nicht für jede Fehlstellung sinnvoll oder anwendbar sind. Doch dort, wo sie zum Einsatz kommen, gibt es genügend evidenzbasierte Studien, welche die Wirksamkeit belegen.

Ist es auch schon vorgekommen, dass eine Innovation eine frühere verdrängt hat?

Crismani: Ja, mit der Einführung der Minischrauben hat sich zum Beispiel eine Behandlung mittels Headgear erübrigt. Denn mit diesen haben wir heute eine bequemere und patientenfreundlichere Alternative zur Hand.

Auch Kieferorthopäden suchen sich heute zu profilieren. Welche Möglichkeiten sehen sie hier?

Crismani: Meiner Meinung nach sind es die Lingualtherapie und die Alignertherapie. Doch beide Techniken bedürfen einer noch höheren Spezialisierung, um sie in der Praxis auch erfolgreich umsetzen zu können.

Und was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten?

Crismani: Dass ich über die Arbeit am Patienten hinaus, interdisziplinär mit Kollegen zusammenarbeiten oder auch für meinen Berufsstand etwas bewegen kann; wie etwa diesen topbesetzten Kongress organisieren. Wir haben noch nie so viele Besucher gehabt wie dieses Jahr: 370 Kollegen und 20 Aussteller.

In welche Richtung wird sich Ihrem Ermessen nach in Österreich die Kassen-Kieferorthopädie für Kinder und Jugendliche entwickeln?

Crismani: Am 1. Juli 2015 werden wir es sehen. Keiner weiß wirklich, wie es kommen wird.

Das Gespräch führte

DDr. Andreas Scheiderbauer

Andreas Scheiderbauer, Zahnarzt 4/2015

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