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Abb. 1: Das Kiefergelenk - klein innerhalb des Gesamtorganismus, groß in der Bedeutung. Gesehen in Potsdam, bei der Ausstellung der DGFDT-Tagung.

Abb. 2: Beim Wechsel vom Milchgebiss zum bleibenden Gebiss wird die Eminentia articularis steil und die Protrusionsbahn ändert sich.

 

 

Abb. 3a: Ein wichtiger Teil der zahnärztlichen Untersuchung: der Blick in den Mund. Das richtige Licht (Tageslicht) unterstützt die Diagnostik.

Abb. 3b: Auch ein Teil der Diagnostik: die Okklusionsanalyse. Hier hat sich der Artex-Artikulator bewährt, ebenfalls auf der DGFDT-Tagung ausgestellt und in die Hand zu nehmen.

 

Abb. 4: Für die Kieferrelationsbestimmung stehen immer modernere Geräte zur Verfügung, die auch weitreichende Kenntnisse vermitteln – bis hin zur digitalen Gelenkbahnaufzeichnung in Bewegung.

 
Zahnheilkunde 2. Februar 2015

Anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition

Das Kiefergelenk im Fokus von Funktionsdiagnostik und -therapie.

Auch unter Patienten wird die Funktionsdiagnostik und -therapie immer bekannter. Viele suchen die Ambulanz für Funktionsstörungen auf, die Univ.-Prof. DDr. Eva Piehslinger an der Universitätszahnklinik Wien ins Leben gerufen hat. Aus diesem Patientengut lassen sich interessante Fragestellungen ableiten, die in klinische Studien münden, zu aller Nutzen. Auf der 47. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT) stellte Piehslinger eine Studie mit Langzeitergebnissen zu ihren Patienten mit permanenten anterioren Diskusverlagerungen vor.

Innerhalb der humanen knöchernen Strukturen ist gerade das Kiefergelenk (Abb. 1) an vielen Funktionen beteiligt und es ist durch Interaktion mit der Umwelt stark beeinflussbar. In der Zahnheilkunde wird dieser Fakt vor allem dann offenkundig, wenn durch Stressbewältigungsmaßnahmen des Organismus wie nächtliche Press- und Knirschbewegungen Schmerzen und Zahnabrasionen auftreten. Zudem weisen die Kiefergelenke eine besondere Struktur auf, die sich mit den Entwicklungsstadien ändert.

Das Kiefergelenk

Bei Neugeborenen ist die Fossa mandibularis flach und die Eminentia articularis noch nicht vorhanden. Überwiegt anfangs eine Protrusionsbewegung (um Saugen - eigentlich „Melken“ - zu ermöglichen), so bringt die Dentition den Umbau des Kiefergelenks. Nun bildet sich die Eminentia articularis aus (Abb. 2), deren Steilheit und Form von der Gelenkführung durch die Okklusion bei den Artikulationsbewegungen abhängt.Der Wechsel vom Milchgebiss zum bleibenden Gebiss führt zu einer funktionellen Adaptation der Eminentia articularis,und die Form der Protrusionsbahn wird verändert. Insgesamt stellt sich das Kiefergelenk als Dreh-Gleitgelenk dar. Die knöchernen Gelenkflächen sind mit hyalinem Knorpel überzogen.

Eine weitere Besonderheit des Kiefergelenks findet sich im Diskus. Dieser besteht aus Faserknorpel; er bewegt sich bei Kieferöffnungsbewegungen (Kauen) im funktionstüchtigen System und gleicht die Inkongruenz der Gelenkflächen aus.

Folgen der anterioren Diskusverlagerung ohne Reposition

Im Rahmen von Funktionsstörungen des Kauorgans kann es zur Diskusverlagerung ohne Reposition kommen. Bei einer anterioren Diskusverlagerung wird die Zone des kollagenen Bindegewebes retrodiskal belastet.

Hierdurch wird sie oft hyalinisiert [1,2] und es bildet sich in der bilaminären Zone ein Pseudodiskus aus festem Bindegewebe aus. Bei permanenter anteriorer Diskusverlagerung zeigen Befunde fortschreitende Stadien: Druck des Kondylus auf die bilaminäre Zone, Trauma mit Entzündungsreaktion, Fibrosierung, Bildung knorpeliger Metaplasien [3]. Neben der progressiven Adaptation an die permanente Diskusverlagerung gibt es auch die regressive Anpassung.

Klinische Studie

An der Universitätszahnklinik Wien wurden unter der Leitung von Prof. Piehslinger Untersuchungen an Patienten mit anteriorer Diskusverlagerung ohne Reposition durchgeführt, um Langzeitresultate zu erhalten. Die Erstuntersuchung (Abb. 3a und b) fand im Zeitraum 2004 bis 2008 statt. Nach fünf bis neun Jahren folgte die nächste Befunderhebung für diese Studie (2013). Die Daten wurden klinisch einschließlich Funktionsanalyse (Abb. 4) und mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) erhoben. In dieser Langzeitstudie wurden Patienten mit einer mehrjährigen Diskusverlagerung ohne Reposition auf die Prävalenz eines Pseudodiskus untersucht. Dieser kann als Maßnahme des Organismus interpretiert werden, die ungestörte Funktion der Kiefergelenke wieder herzustellen.

Zukunftsperspektiven

Vor weitergehenden Schlussfolgerungen müssen allerdings Patientenstudien mit größeren Fallzahlen durchgeführt werden. Hier können einzelne Einflussparameter wie zum Beispiel das Alter genauer spezifiziert werden, da bei jüngeren Patienten eventuell reaktivere Prozesse zu erwarten sind.

Quellen:

1 Scapino RP. Histopathology associated with malposition of the human temporomandibular joint disc. 1983, Department of Oral Anatomy, College of Dentistry, University of Illinois at the Medicalcenter.

2 Katzberg RW, Keth DA, Ten Eick WR, Guralnick WC. Internal derangements of the temporomandibular joint: an assessment of condylar position in centric occlusion. J Prosthet Dent 1983;49:250-254.

3 Mazza, D, Stasolla A, Kharrub Z, et al. MRI evaluation of morpho-structural alterations of the retrodiscal tissue in condylo-meniscal incoordination of the TMJ: usefulness of individualised T2-weighted TSE sequences, Radiol Med (Torino) 2004;107(3):261-268.

Fortbildungsveranstaltungen der ARGE Gnathologie

Univ.- Prof. DDr. Eva Piehslinger ist auch Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Gnathologie innerhalb der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ÖGZMK). Die ARGE kooperiert seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ihrer Schwestergesellschaft in Deutschland, der DGFDT. Alljährlich veranstalten sie gemeinsam die größte Fachtagung zu Funktionsstörungen im deutschsprachigen Raum (Abb. 6), immer gegen Jahresende in Bad Homburg/Deutschland (12. bis 14. November 2015 mit dem Thema: „CMD und Ästhetik“).

Andererseits werden die Kollegen der DGFDT alljährlich zum Wachauer Frühjahrssymposium eingeladen. Das nächste findet vom 11. bis 13. Juni 2015 im Krems/Donau statt und beschäftigt sich mit „Zahnheilkunde am Fluss der Zeit“.

Gisela Peters, Zahnarzt 1/2/2015

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