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© Reflux Medical, Wien
Bei vielen Patienten steigt der saure Reflux bis in Rachenraum und Mundhöhle und bewirkt Heiserkeit sowie nachhaltige Erosionen an den Zahnoberflächen.
 
Zahnheilkunde 10. Februar 2015

Erosion durch Säureattacken

Gastroösophagealer Reflux als Ursache für Zahnschmerzen.

Reflux mit Sodbrennen, Husten, Heiserkeit und Asthma betrifft 20% bis 30% der Bevölkerung. Ausgelöst wird die Erkrankung primär durch ungesunden Lebensstil (vor allem zu zuckerreiche Ernährung), was das Anti Reflux Ventil im Ausgang der Speiseröhre schwächt.

Neben bekannten Folgen wie Entzündung der Speiseröhre (Sodbrennen) sowie Reizung von Hals (Husten) und Lunge (Asthma) stellt der saure Rückfluss auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Zähne dar. Dazu Univ.-Prof. Dr. Martin Riegler, ärztlicher Leiter des Reflux Medical Zentrums in Wien: „Mehrere Studien belegen, dass als mögliche Folge Schädigungen des Zahnschmelzes auftreten.“ (1-3).

Erosion durch Magensäure

„Gelangt Magensäure regelmäßig in die Mundhöhle“, so Univ.-Prof. DDr. Andreas Moritz ärztlicher Leiter der Universitätszahnklinik Wien, „kann dies zu nachhaltigen und typischen Erosionen an den Zahnoberflächen führen.“ Die Erosion beim Zahnschmelz erfolgt, wenn der pH-Wert in der Mundhöhle unter 5,5 fällt. Magensäure, die beim Sodbrennen oder beim Heraufwürgen der Nahrung zurückfließt, hat allerdings einen pH-Wert von rund 2,0. Die permanente Säureattacke kann dabei der Zahnhartsubstanz so zusetzen, dass trotz guter Mundhygiene eine irreversible Zerstörung der Zähne auftritt.

Die häufige Übersäuerung des Speichels erhöht auch Entzündungsbereitschaft und Wundheilungsstörungen. Prof. Moritz: „Kleine Verletzungen in der Mundhöhle - etwa durch harte Nahrungsbestandteile - persistieren dann über längere Zeit und bilden damit einen idealen Nährboden für Keime. Zusätzlich verstärkt der niedrige pH-Wert die Schmerzempfindlichkeit der oralen Weichgewebe.“

Reflux-typische Schäden

Bisweilen ist der Zahnarzt der erste, der den Verdacht auf eine Reflux-Krankheit ausspricht. „Die Schäden durch Erosionen und deren Lokalisation sind so typisch, dass sich die Diagnose der Beteiligung von Magensäure förmlich aufdrängt“, erklärt Univ.-Ass. DDr. Polina Kotlarenko von der Universitätszahnklinik Wien. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Zahnschmelz-Schäden bei Reflux und Regurgitation vor allem die Molaren und die Hinterflächen der oberen Schneidezähne betreffen, dagegen kaum die vorderen Schneidezähne im Unterkiefer, in der so genannten Mandibularregion (5). „Betroffene sind sich ihrer Reflux Krankheit oft auch gar nicht bewusst, da sie weniger an Sodbrennen als vielmehr an Heiserkeit und trockenem Husten leiden. Diese Beschwerden bringen viele nicht mit aufsteigender Magensäure in Verbindung“, berichtet Prof. Riegler. Schwere Erosionsschäden sind offenbar auch dann möglich, wenn der Patient einen so genannten „stummen Reflux“ hat, also weder Sodbrennen oder andere Symptome in Speiseröhre, Magen oder Hals wahrnimmt.

Dem Reflux-Verdacht nachgehen

Reflux-Experte Riegler: „Stellt der Zahnarzt die beschriebenen Schäden in der Zahnhartsubstanz fest, sollte immer auch an Reflux als Ursache gedacht und dem Verdacht nachgegangen werden.“ Nach einem ausführlichen ärztlichen Gespräch erfolgt die Spiegelung der Speiseröhre (Endoskopie), die längst als sanfte Untersuchung während eines Kurzschlafs durchgeführt werden kann. Dabei wird die Speiseröhre bezüglich Reflux-Zeichen untersucht (Entzündung? Barrett Schleimhaut?), wobei entsprechende Gewebeproben entnommen werden. Die histologische Untersuchung der Gewebeproben zeigt (3):

• ob Reflux besteht

• ob ein Krebsrisiko besteht (Barrett Ösophagus, Barrett Syndrom)

• ob eine allergische Entzündung der Speiseröhre besteht.

Die Verdachtsdiagnose „Reflux“ kann und sollte auch durch eine Druck-, Transport- und Refluxmessung erhärtet werden. Diese Untersuchungen werden ambulant durchgeführt und zeigen

• die Funktion der Speiseröhre (Anti Reflux Mechanismus; Transportfunktion),

• ob zu viel Säure in die Speiseröhre gelangt,

• ob zu viel Reflux in die Speiseröhre gelangt,

• ob der Reflux bis in den Hals hinauf gelangt und somit dieSchäden an den Zähnen erklärt,

• ob zu viel Reflux die Beschwerden verursacht.

Zuerst die Grunderkrankung behandeln

Bestätigt sich der Verdacht auf Reflux und liegen genaues Ausmaß und Beschaffenheit des Rückflusses durch die o.a. Untersuchungen vor, muss die Grunderkrankung behandelt werden. Reflux-Experte Riegler: „Ansonsten riskiert man eine Zunahme der Erosionen“ Die Therapie richtet sich nach der Diagnose. Prinzipiell sollte zuerst eine PPI Therapie (= Blockade der Magensäure Produktion) begonnen und entsprechend der Wirksamkeit dosiert werden (4). Unterstützend sollte eine Ernährungsberatung erfolgen, die auf einen weitgehenden Verzicht auf Speisen und Getränke mit konzentriertem Zucker abzielt. Genaue Ernährungsempfehlungen inklusive Kochrezepte finden sich im neu erschienenen Buch „Nie wieder Sodbrennen“ (4).

Zeigen die Messdaten eine hohe Reflux Aktivität, kann eine Anti Reflux OP überlegt werden (Fundoplikatio, LINX RING, ENDO STIM) (4). Wichtig ist, dass Diagnose und Therapie in dafür spezialisierten Zentren mit entsprechender Erfahrung und Ausrüstung erfolgen (3, 4).

Erst nach erfolgreicher Reflux-Therapie kann die zahnärztliche Behandlung erfolgreich sein, weil die Zähne keinem Gegenspieler in Form übermäßiger Säurebelastung der Mundhöhle mehr ausgesetzt sind. Der Patient wird seltener über Schmerzen durch stark erodierte Zähne klagen (1, 2).

Conclusio

Bei Schäden im Zahnschmelz sollte man immer auch an Reflux als Ursache denken und diesen ausschließen (1, 2).

Ist Reflux nachgewiesen, dann diesen mittels konservativer Therapie (PPI) ± Kostumstellung. Im fortgeschrittenen Stadium sollte an eine Anti Reflux-Operation gedacht werden (3, 4).

Literatur:

1. Hom C1, Vaezi MF. Extra-esophageal manifestations of gastroesophageal reflux disease: diagnosis and treatment. Drugs. 2013 Aug;73(12):1281-95. doi: 10.1007/s40265-013-0101-8.

2. Farahmand F1, Sabbaghian M, Ghodousi S, Seddighoraee N, Abbasi M. Gastroesophageal reflux disease and tooth erosion: a cross-sectional observational study. Gut Liver. 2013 May;7(3):278-81. doi: 10.5009/gnl.2013.7.3.278. Epub 2013 Apr 9.

3. Mesteri I, Beller L, Fischer See S, et al. Radiofrequency ablation of Barrett’s esophagus and early cancer within the background of the pathophysiology of the disease. Eur Surg 2012; 44: 366-82.

4. Riegler M, Hönig-Robier K. Nie wieder Sodbrennen. Maudrich Verlag 2014.

5. Gregory-Head BL, Curtis DA, Kim L, Cello J.: Evaluation of dental erosion in patients with gastroesophageal reflux disease. J Prosthet Dent 2000 Jun;83(6):675-80 (Medline).

Karin Hönig-Robier, Zahnarzt 1/2/2015

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