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© Presseamt Münster/Bernhard Fischer
Die westfälische Metropole Münster avancierte für drei Tage zum Zentrum der Parodontologie.
 
Zahnheilkunde 2. Februar 2015

„Gemeinsam zum Ziel“

Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie stand ganz im Zeichen der Interdisziplinarität. Ein Nachbericht.

Nahezu 1000 Fachbesucher drängten sich in der Halle Münsterland, um dem vielseitigen und praxisrelevanten Programm zu folgen. Unter dem Oberthema „Gemeinsam zum Ziel – interdisziplinäre synoptische Behandlung des parodontal erkrankten Patienten“ wurden in sechs großen Vortragsblöcken von international renommierten Referenten die verschiedenen Schnittstellen parodontaler Behandlungen mit anderen Fachdisziplinen systematisch aufgearbeitet.

Zur Eröffnung führte der Tagungspräsident Topoll aus, dass durch die Fortschritte der modernen Zahnheilkunde mit immer längerem Erhalt von Zähnen die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinne. Die ästhetischen und funktionellen Ansprüche der Patienten erforderten regelmäßig eine eng verzahnte restaurative, kieferorthopädische und parodontologische Behandlung.

Systematischer Überblick

Das wissenschaftliche Hauptprogramm wurde durch die Schweizer Referenten PD Marc Schätzle und Dr. Rino Burkhardt (beide aus Zürich) eröffnet, die systematisch die orthodontische Behandlung des parodontal erkrankten Patienten aufarbeiteten. Burkhardt berichtete, größte Aufmerksamkeit sollte der Etablierung einer entzündungsfreien parodontalen Situation vor Beginn einer kieferorthopädischen Behandlung gelten, um irreversiblen Attachmentverlust zu vermeiden. Aufgrund der reduzierten knöchernen Verankerung der Dentition beim parodontal erkrankten Patienten empfahlen die Referenten eine entsprechende großflächige Verankerung durch die rigide Verblockung benachbarter Zähne oder die Insertion von Minischrauben, die als Verankerungselemente fungieren. Bei allen kieferorthopädischen Maßnahmen sei nach Ansicht der Referenten eine ausreichende Dicke der marginalen Weichgewebe von mindestens 1mm sicher zu stellen. Bei zu dünnen Geweben seien präorthodontische Maßnahmen zur Verdickung der Gingiva zur Rezessionsprophylaxe angeraten.

Die Schnittstelle parodontaler und restaurativer Behandlung wurde von Prof. Daniel Edelhoff (München) und Dr. Giuseppe Allais (Turin) behandelt. Edelhoff legte in seinem Vortrag den Schwerpunkt auf die restaurative Behandlung des parodontal erkrankten Patienten in der funktionellen Zone und betonte, dass die restaurative Versorgung zukünftig primär adhäsiv erfolgen solle, um die Komplikationsraten aufgrund hoher Zahnhartsubstanzverluste zu reduzieren. Allais‘ Vortrag widmete sich der restaurativen Therapie in der ästhetischen Zone. Anhand anschaulicher klinischer Fälle zeigte er die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen restaurativer Maßnahmen im Frontzahnbereich beim parodontal kompromittierten Patienten. Nach Auffassung des Referenten sollte zukünftig die primäre Indikation zur Anfertigung einer Krone nur noch im Austausch einer insuffizienten vorhandenen Krone liegen. Umgekehrt zeigte er, welche restaurativen Möglichkeiten – auch über den Zeitraum mehrerer Jahre bis Jahrzehnte – mit Kompositen im Frontzahnbereich möglich seien.

Prof. Tord Berglundh (Göteborg) und Prof. Jürgen Becker (Düsseldorf) behandelten den Themenkomplex Periimplantitis. Berglundh adressierte die mögliche Verbindung einer Parodontitisvorgeschichte und dem Auftreten entzündlich-destruktiver Prozesse am Implantat. Auf Basis begrenzter Evidenz könne für Patienten mit einer Parodontitisvorgeschichte von einem erhöhten Risiko für biologische Komplikationen ausgegangen werden. Anhand klinischer Fälle wies Berglundh auf die kritische Bedeutung einer suffizienten Infektionskontrolle für die Langzeitstabilität parodontaler, aber auch periimplantärer Strukturen hin. Becker stellte in seinem anschließenden Vortrag die Möglichkeiten der Periimplantitistherapie vor. Nach Ansicht des Referenten stelle die nicht-chirurgische Initialtherapie, bestehend aus supra- und subgingivalem Debridement, hier im Gegensatz zur Situation bei der Parodontitis lediglich eine vorbereitende Maßnahme für eine chirurgische Intervention dar. Im Folgenden zeigte Becker sein Therapiekonzept für die chirurgische Periimplantitistherapie. Als wesentlich stellte er die Vorzüge eines resektiven Vorgehens mit damit einhergehenden Implantoplastik dar. Bei diesen Eingriffen sei von einer erhöhten Vorhersagbarkeit im Vergleich zu augmentativen Maßnahmen ohne Bearbeitung der Implantatoberfläche auszugehen.

Implantate und Parodontitis – wie verträgt sich das?

Nachdem im vorangegangenen Block anschaulich die möglichen biologischen Komplikationen an Implantaten sowie die erheblichen Schwierigkeiten ihrer Behandlung herausgearbeitet worden waren, wurden im Anschluss von Prof. Gianni Salvi (Bern) und Dr. Otto Zuhr (München) optimierte therapeutische Protokolle für eine Implantatversorgung parodontal kompromittierter Patienten vorgestellt. Salvi gab zunächst eine Übersicht über den aktuellen Stand der Wissenschaft. Zuhr zeigte dann die konkrete Umsetzung am Patienten. Salvi stellte heraus, dass in einer großen Studie aus der Praxis keine Unterschiede in der Überlebensrate zwischen wurzelamputierten Molaren und Implantaten über einen Zeitraum von bis zu 13 Jahren gezeigt werden konnten. Man könne eine mittlere Überlebensrate von ca. 97% erzielen, wenn eine zwei- bis dreimal jährlich stattfindende Nachsorge eingehalten werde. Salvi warnte anschließend vor Hybridversorgungen zwischen Zähnen und Implantaten. Hier käme es verstärkt zu einer Dezementierung mit anschließender Gefahr einer Sekundärkaries am im Gegensatz zum ankylosierten Implantat beweglich aufgehängten natürlichen Pfeilerzahn. Zum Abschluss empfahl der Referent, beim parodontal erkrankten Patienten schwerpunktmäßig die natürlichen Zähne zu erhalten, vor notwendiger Implantation parodontale Stabilität zu etablieren und eine regelmäßige Nachsorge durchzuführen.

Auf Basis dieser Grundlagen bearbeitete Zuhr nun die klinischen Konsequenzen für die Implantattherapie beim Parodontitispatienten. Ein Hauptaugenmerk lag auf der Oberflächenbeschaffenheit der Implantate, die laut Zuhr ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten einer Periimplantitis sei. Der Referent betrachtete basierend auf dieser Annahme zwei mögliche Wege zur Kompensation des Problems. Zum einen sei die Insertion von Hybridimplantaten, die sich durch eine raue Oberfläche im Bereich der knöchernen Kontaktfläche und eine maschinierte Oberfläche im Bereich des periimplantären Weichgewebes auszeichneten, möglich. Zum anderen wäre auch eine tiefe, subkrestale Insertion des Implantates denkbar. Für die prothetische Versorgung empfahl Zuhr einer verschraubten Rekonstruktion den Vorzug gegenüber einer zementierten Rekonstruktion mit Mesostruktur zu geben. Denn auch bei sehr sorgfältigem Vorgehen sei eine vollständige Entfernung von Zementresten aufgrund der biologischen Gegebenheiten im periimplantären Bereich und aufgrund des prothetischen Designs nicht gewährleistet. Die verbleibenden Zementreste würden im Sinne einer „Zementitis“ biologische Komplikationen fördern. Auch bei fehlender keratinisierter periimplantärer Mukosa bestehe laut Zuhr die Gefahr der erhöhten Plaqueakkumulation und einer daraus resultierenden periimplantären Mukositis. Mit Hilfe eines freien Schleimhauttransplantates könne eine ausreichend breite Zone keratinisierten Gewebes hergestellt werden.

Am zweiten Tag ging es um die Funktionalität

Der zweite Kongresstag wurde durch Prof. Maurizio Tonetti (Genua) mit der Frage der Therapiemöglichkeiten im Bereich der funktionellen Zone bei fortgeschrittener parodontaler Destruktion eingeleitet. Im Mittelpunkt der parodontalen Gesamtbehandlung solle laut Tonetti die Trias aus sicherer Diagnostik, anschließender Prognoseabschätzung und nicht-chirurgischer Infektionskontrolle stehen. Laut Tonetti könne die Inzidenz des Zahnverlustes bei kontinuierlicher unterstützender Parodontitistherapie (UPT) im Mittel auf 0,11 Zähne pro Patient pro Jahr begrenzt werden. Im Weiteren ging er auf die Problematik furkationsbefallener Molaren ein und stellte dar, dass eine frühzeitige Extraktion vor dem Hintergrund einer späteren Implantation nicht zu rechtfertigen sei. Vielmehr solle durch eine frühzeitige Initiierung einer nicht-chirurgischen Parodontitistherapie die Progression des Furkationsbefalls hinausgezögert werden. Bei fortgeschrittener Furkationsbeteiligung stellten nach Ansicht des Referenten die Wurzelamputation oder regenerative Verfahren mögliche Therapien dar.

Im zweiten Teil des Themenkomplexes stellte Prof. Markus Hürzeler (München) Therapiemöglichkeiten nach Extraktion im funktionellen Bereich vor. Wie schon am Tag zuvor Zuhr, ging Hürzeler auf die Bedeutung der Implantatkonfiguration ein und hinterfragte kritisch das Prinzip des Platform-switchings und der Notwendigkeit einer erhöhten Rauigkeit im Bereich der Implantatschulter. Zur Prävention einer periimplantären Entzündung gab Hürzeler die Empfehlung, das umliegende Weichgewebe frühzeitig – im Idealfall mit dem Einbringen eines Gingivaformers – entsprechend auszudünnen. Aufgrund einer äußerst fraglichen Vorhersagbarkeit augmentativer Maßnahmen im Bereich des zahnlosen Alveolarknochens solle zudem laut Hürzeler auf die Insertion kurzer, dem Defekt angepasster Implantate zurückgegriffen werden.

Prof. Pierpaolo Cortellini (Florenz) und Dr. Gerd Körner (Bielefeld) bearbeiteten die parodontaltherapeutischen Möglichkeiten in der ästhetischen Zone. Laut Cortellini lägen die Kosten für die Regeneration eines Frontzahnes in etwa bei der Hälfte der Kosten, die für eine implantatgetragene Kronenversorgung zu veranschlagen wären. Seiner Ansicht nach könnten fast alle vertikalen Defekte erfolgreich therapiert werden. Als Grundvoraussetzung für den Therapieerfolg seien eine sehr gute Compliance des Patienten mit sehr guter häuslicher Mundhygiene und die praktische Erfahrung des Behandlers kritisch. Körner stellte Therapiemöglichkeiten nach Extraktionen in der ästhetischen Zone vor. Als wesentlich hob der Referent hier die Rolle des zahntechnischen Laboratoriums hervor, mit dem in engstem Kontakt zusammen gearbeitet werden müsse, um optimale Resultate zu erzielen.

Lernen am Patientenbeispiel

Zum Abschluss der Tagung präsentierten Allais, Salvi und Zuhr aufwendig dokumentierte Patientenfälle. Die Planungsentscheidungen und therapeutischen Ergebnisse wurden unter intensiver Einbeziehung des Publikums diskutiert. In der Summe zeigte sich ein deutlicher Trend zu einer Rückbesinnung auf durch starke Evidenz gestützte klassische Parodontaltherapie unter intensiver Einbeziehung anderer zahnmedizinischer Disziplinen. Implantate sind ein selbstverständlicher Bestandteil moderner Parodontaltherapie – aber sie sind nicht die ‚besseren Zähne‘. Vor dem Hintergrund der erheblichen Inzidenz von periimplantären Erkrankungen und der nicht vorhersagbaren Therapie dieser Komplikation – die wahrscheinlich bei Patienten mit einer Parodontitis-Vorgeschichte noch häufiger ist als bei parodontal gesunden Patienten – war eine gewisse Zurückhaltung offensichtlich. Wenn Implantate eingesetzt werden, so unterstrichen die Referenten, werde eine Optimierung des Ergebnisses durch sorgfältige Diagnostik und Planung, Verbesserung des Knochen- und Weichgewebslagers und engmaschiges Recall angestrebt. Umgekehrt seien auch klassische parodontalchirurgische Maßnahmen zum Zahnerhalt zu erwägen. Das gesamte Vorgehen scheint durch minimalinvasive Maßnahmen vorhersagbarer und komplikationsärmer zu werden – und dies gilt sowohl für originär parodontologische Themen als auch für die in die Therapie eng einbezogenen Disziplinen wie z.B. die restaurative Zahnheilkunde.

Das Hauptprogramm wurde begleitet von thematisch abgestimmten Symposien von Industriepartnern (Straumann, CP GABA, Procter & Gamble, Sunstar) sowie dem wissenschaftlichen Programm mit Kurzvorträgen und Posterpräsentationen.

Der Originalartikel ist erschienen in Der Junge Zahnarzt 4/2014

© Springer Verlag

M. Kebschull, T. Hacker, M. Scheidgen, Zahnarzt 1/2/2015

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